Huang-po: Wirkliches Hören braucht keine Ohren


Mögen auch andere von dem Weg der Buddhas sprechen, als sei dieser durch verschiedene fromme Übungen und Sūtra-Studien zu erreichen, so dürft ihr doch nichts mit solchen Ideen zu tun haben. Die plötzlich aufblitzende Einsicht, dass Subjekt und Objekt eins sind, führt euch zu einem zutiefst geheimnisvollen, wortlosen Begreifen, und durch dieses Begreifen werdet ihr zur Wahrheit des Ch’an erwachen. …

Euer wahres Wesen ist euch niemals verloren gegangen, selbst nicht in den Augenblicken der Täuschung, noch wird es im Augenblick der Erleuchtung gewonnen. Es ist das Wesen der Bhūtatatathatā, in dem es weder Täuschung noch rechtes Verständnis gibt. Es füllt die ganze Leere aus und ist von Anbeginn von der Substanz des Einen Geistes. Wie könnten im Grunde diese vom Denken erschaffenen Objekte außerhalb der Leere existieren?

Die Leere ist im Grunde ohne räumliche Ausdehnung, ohne Leidenschaften, Tätigkeiten, Täuschungen oder echtes Verstehen. Du musst klar erfassen, dass in ihr keine Dinge sind, weder Menschen noch Buddhas. Denn diese Leere enthält nicht die geringste Haaresbreite von irgendetwas, das räumlich gesehen werden kann. Sie hängt von nichts ab und ist an nichts gebunden. Sie ist alles durchdringende, fleckenlose Schönheit. Sie ist das aus sich selbst existierende und nicht geschaffene Absolute. Wie kann dann noch in Frage gestellt werden, dass der wirkliche Buddha keinen Mund hat und kein Dharma predigt oder wirkliches Hören keine Ohren braucht. Wer wäre denn da zu hören? Wahrlich, dies ist ein Kleinod von unschätzbarem Wert!

aus: Huang-po: „Der Geist des Ch’an“

Ein wundervoller Text. – Dem Folgenden vorausschicken möchte ich, dass ich Gott sei Dank weder erleuchtet bin noch ein Meister oder sonst etwas in der Preislage. Und wenn ich es wäre, dann würde ich es nie öffentlich machen. Bin ich vielleicht völlig verblödet? Ich bin auch kein Missionar, kein Prediger und schon gar kein Weltverbesser. Was mir an diesem Blog Spaß macht, ist das, was mir schon mein ganzes Leben Spaß gemacht hat: Fragen zu stellen, auf die es entweder keine Antwort geben kann bzw. alle Antworten immer wieder erneut in Frage zu stellen. Das In-Frage-Stellen ist bereits die Antwort. Ich habe keinerlei Ehrgeiz, zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. Und wenn ich wider Erwarten zu einem Ergebnis kommen sollte, würde ich es sofort wieder in Frage stellen.

In Abwandlung eines bekannten Buchtitels möchte ich formulieren: „Hilfe, die Erleuchteten kommen!“ Warum Hilfe? Nun, die Erleuchteten unserer Tage unterscheiden sich etwa von dem im Text erwähnten wirklichen Buddha dadurch, dass dieser weder einen Mund hat noch ein Dharma predigt. Huang-po sagt: „Die plötzlich aufblitzende Einsicht, dass Subjekt und Objekt eins sind, führt euch zu einem zutiefst geheimnisvollen, wortlosen Begreifen, und durch dieses Begreifen werdet ihr zur Wahrheit des Ch’an erwachen.“ Die Welt ist voll mit wortreichen Predigern. Aber das ist keine Errungenschaft unserer Zeit. Es gab schon immer geradezu wellenartig das Auftauchen ganzer Heerscharen von … Franz Josef Strauss hätte sie wohl Dampfplauderer genannt. Man könnte sie auch Bescheidwisser nennen, denn sie wissen dank göttlicher Gnade über alles  genauestens Bescheid. Der Kern aller ihrer Botschaften ist: „Ich weiß, du weißt nicht. Ich gigantisch, du kleines Würstchen. Aber ich werde mich deiner erbarmen und dir die Balken in deinen Augen zeigen. Ich werde deine Seele retten! (Notfalls indem ich deinen sündigen Leib den reinigenden Flammen des Feuers überantworte, auf dass deine Seele gerettet werde.)“ Sie operieren vorzugsweise mit sog. Du-Botschaften, wozu sie sich selbst ermächtigt haben, da sie ja die Bescheidwisser sind und die anderen die armen Unwissenden. Gott, was haben sie sich alles für Lügengeschichten ausgedacht, um eine Rechtfertigung für ihr mörderisches Tun zu haben! Es ist der perfekte Ego-Trip.

Es lohnt sich wirklich, sich ein wenig mit der Heiligen Inquisition zu beschäftigen. Es ist der blanke Faschismus, der da ziemlich ungeschminkt seine hässliche Fratze zeigt. Fundamentalisten jeder Couleur wollen sich mal wieder austoben und der ganzen Welt zeigen, dass sie im Recht und alle anderen im Unrecht sind. Ich stelle mal den Bescheidwissern diesen mir ungeheuer sympathischen Sokrates gegenüber, dessen Mutter Hebamme war. Sokrates, der großen Nichtwisser, der den Leuten einfach nur Fragen stellte und der ihnen dadurch half, ihr Kind gebären zu können. Oder ich stelle ihnen Meister Eckhart gegenüber. Der sagte: „Schweig‘ und schwätze nicht über Gott; denn damit, dass du von ihm schwätzest, lügst du und tust Sünde. Willst du also ohne Sünde und vollkommen sein, so schwätze nicht von Gott. Du sollst auch von Gott nichts verstehen, denn Gott ist über alles Verständnis.“ Und er ergänzte: „Alles, was man von Gott aussagen kann, das ist Gott nicht.“

Und ich stelle ihnen Huang-pos wirklichen Buddha gegenüber. Huang-po: „Diese Leere enthält nicht die geringste Haaresbreite von irgendetwas, das räumlich gesehen werden kann. Sie hängt von nichts ab und ist an nichts gebunden. Sie ist alles durchdringende, fleckenlose Schönheit. Sie ist das aus sich selbst existierende und nicht geschaffene Absolute.“ Jede Aussage über Gott oder die „Leere“ ist eine Vor-Stellung, die den Blick ver-stellt. Da gibt’s nichts zu predigen, da gibt’s nicht zu urteilen, da gibt’s nichts zu wissen. Deshalb ist das für die meisten Menschen völlig uninteressant. Man kann damit halt einfach keinen Blumentopf gewinnen. Schafe lieben Prediger; die versprechen wenigstens Belohnungen.

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13 Antworten zu Huang-po: Wirkliches Hören braucht keine Ohren

    • Nitya schreibt:

      Liebe Brigitte, ganz herzlichen Dank!

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    • Brigitte schreibt:

      Hier noch zwei Links zu Daniel Herbst:

      Homepage

      facebook

      Gefällt 1 Person

    • Ayni schreibt:

      Erlösung ist keine Lösung & hört sich immer nach irgeneinem Klebemittel an.
      Menschwerdung ………………fühlt sich jedoch wunderbar an.

      Gefällt 1 Person

    • Ayni schreibt:

      „Die emotionale Selbstverwirrung kann durchdrungen werden aber sie kann auf der emotionalen Ebene nicht erlöst werden.“……sagt Daniel.
      Dieses SinnlIch~wahrnehmende ‚Durchdringen‘ , in welcher Form auch immer,
      transformiert halt nicht restlos.
      Als durchAus(!) weitreichendes, schmerzliches oder ekstatisches oder was auch immer ‚Fragment‘ vermag es u.a. auch zum Stillstand verleiten.
      Sowohl durchdringendes Selbstmitleid als auch esoterisches Regenbogenreitertum
      & auch alles was sich dazwischen fühlend er+/beFindet,
      erfährt genau dort die eigene Limitierung à la scheinbar~perfektes Polylemma.
      ….& ‚Das SEIN zu lassen‘ im Sinne eines Double~Binds fühlt sich JA nicht nach
      (UnBeDingter) ‚Glückseligkeit‘ und/oder ‚bedingungsloser Liebe‘ an & ……
      Isses JA auch nicht !
      Es ist nun mal, so ganz ohne Gefühle und bezugslos, immens kalt Da draußen im Nichts
      & es bedarf eines enormen inneren ‚Feuers‘ um nicht zu erfrieren.
      Ach So !…..fast vergessen, zwecks intentionierter Menschwerdung sollte eine Rückkehr
      auf unseren wunderschönen Planeten Erde immer &
      unter AII!en Umständen erwogen werden.

      So mein Geschwafel !

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  1. Ayni schreibt:

    UnAnSprüche erscheint mancherorts & temporär treffender.
    Hauptsache der Geist ist nie übersatt.
    Ruhige physische Verdauung tut ja bekanntermaßen sein ÜbrigES.
    Ein wohltuendes Nickerchen …
    wünsche ich Dir

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