Tao-hsin: Nicht besser spielen, aber freier


Tao-hsin sprach zu seinen Schülern: Mein Leben ist wie ein Schachspiel, der Gegner ist gut. Jeden meiner Züge scheint er zu kennen, immer ist er mir einen Schritt voraus. Je besser ich werde, je mehr ich kämpfe, über das Spiel lerne: Der Gegner wird auch immer besser. Und auf einmal erkannte ich: Ich spiele gegen mich selber. Mit dieser Erkenntnis konnte ich nicht besser spielen, aber freier.

Tao-hsin sagte auch: Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.

aus: Die verschollenen Schriften von Tao-hsin

Nu sind die beiden ollen Knacker so alt geworden, haben in ihrem Leben Erkenntnis auf Erkenntnis gehäuft und sitzen trotzdem immer noch in der Sonne und spielen ihr Lieblingsspiel miteinander: Schach, das königliche Spiel. Inzwischen wissen sie, dass sie nie werden gewinnen können und wenn sie noch so gut spielen. Und eben diese Erkenntnis gibt ihrem Spiel die vergnügliche Leichtigkeit, die sie mit großer Freude einfach weiterspielen lässt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute.
Tao-hsin sagt: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang.“ Und Schiller:

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.

Auf die Jugend zu schimpfen, ist natürlich alles andere als besonders weise. Die Jugend muss empfinden, denken und handeln, wie sie empfindet, denkt und handelt, und sie muss dabei Fehler über Fehler machen. Manche gelangen über all die Fehler möglicherweise zu der Erkenntnis, von der Tao-hsin hier spricht. Die allermeisten von ihnen werden einfach nur alt werden und alles tun, um den Fluch Jahwes Wahrheit werden zu lassen: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1. Mose, 3:17-19)

Tao-hsin sagt: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.“ In dieser Formulierung könnte man, wenn man unbedingt will, noch die ursprüngliche Einheit dessen sehen, was Tao-hsins Enkel Hui-neng und Shen-hui dann getrennt haben in der sog. südlichen und nördlichen Schule. Es wird erzählt, dass Hunj-jen heimlich in der Nacht dem Hui-neng seine Robe übergab und ihn damit als seinen Nachfolger anerkannte. Anschließend schickte er ihn weit weg in den Süden aus Angst, man könne ihn umbringen. Ja, ja, die Spiris.

Na ja, das sind alles so Geschichten aus grauer Vorzeit. Ich kann mich eh nicht für sie verbürgen. Für mich ist es völlig unerheblich, wie lang der Weg zur Erkenntnis war. Die Erkenntnis selbst „ist kurz, erfrischend und irreversibel.“ Noch einmal Ikkyû Sôjun:

Wir sind verloren,
dort, wo der Geist uns nicht finden kann.
Völlig verloren.

(Also dann – lass dich finden!)

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6 Antworten zu Tao-hsin: Nicht besser spielen, aber freier

  1. chantaltalia schreibt:

    Lieber Nitya.
    Dieses Gedicht von der alten Lalla, eine Mystikerin aus Indien habe ich auch wieder bei Annette Kaiser gefunden.
    Immer wieder die gleiche Erkenntnis.

    Als Baumwollblüte,
    Im Freien,
    Eingebracht wurde ich dann, und gewaschen
    Es folgten die Schläge der Frau des Kämmerers.
    Und rundum zu feinem Garn gesponnen wurde ich
    Auf dem Spinnrad einer weiteren Frau.
    Das auf mund ab des Webstuhls dann
    Macht mich zum Tuch
    Und auf dem Waschbrett feuchteten und schleuderten
    Die Wäscher mich, solange es ihnen nötig schien.
    Und mit Erde und Knochen bleichten und rieben sie mich rein.
    – wie staunte ich selbst!
    Des Schneiders Schere dann, Stück um Stück,
    Und sorgfältige letzte Stiche vollendeten das Werk,
    Kleid bin ich nun
    Und so finde ich und Dich und die Freiheit.
    Wie schwierig doch dieses Leben-
    Bevor man sie nimmt, Deine Hand.

    Umarmung in den Tag

    Gefällt 5 Personen

  2. fredoo schreibt:

    >>>Tao-hsin sagt: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.“

    Oh ja … der Weg zur Erkenntnis ist sogar so lang , dass er niemals endet in dem er je ein Ziel erreichen könnte …
    Diese „Erkenntnis“ besteht letztendlich nur in einem plötzlich bemerkten eigenen „bodenlosen Fall“ , der niemals wieder den Boden findet …
    Dies ist kurz … nur ein zeitloses AHA … dass jedoch in dieser Kürze erstmals Allumfänglichkeit bzw. Unmittelbarkeit zeigt …
    Dies ist „erfrischend“ , weil es erstmals den wahren FRIEDEN bemerken lässt …
    Dies wird als Befreiung erlebt – plötzlich erstmals (in der Erinnerungszeit eines Erwachsenen) befreit von allen (belastenden) Vorstellungen – was könnte je erfrischender sein ?
    Dies ist (tatsächlich) irreversibel … was mich anfangs sehr verblüfft hatte , da ich mir nur eine Welt von Vergänglichkeit und Wandel erklären konnte , wie kann da plötzlich dieses AHA unvergessbar sein ? … Es bedurfte einiger Zeit und einiger kundiger Ratgeber , um dies dem fredoo zu erklären …
    Auch wenn es eigentlich unwörterbar ist , so will ich es „verbal“ mal versuchen …
    Jedoch in Form eines Bildes ( das übrigens schon der olle Shankara benutzt hatte ) …
    Das was da IST und das was da erscheint wird mit einer Perlenkette verglichen …
    Wobei die aufgereihten Perlen für die Objekte unserer Wahrnehmung stehen …
    Ereignisse / Erfahrungen …
    Wenn sich nun plötzlich der Zwischenraum zwischen den Perlen ausdehnt , wird die Perlseide , der Perlfaden erkennbar … das , was alles ermöglicht und alles zusammenhält …
    Wird nun die Perlenkette in Betrachtung weiter bewegt , liegt womöglich wieder direkt Perle an Perle , doch der Betrachter wird die Perlenschnur nie wieder vergessen können , und wenn sie sich gelegentlich wieder zeigt , wird er sie innerlich als „höchst vertraut“ begrüßen können …
    Ein wie ich finde gut passendes Bild , auch wenn es , natürlich , die faktische Unwörterbarkeit dieser unvergessbaren , unbezweifelbaren UNMITTELBARKEIT nicht zu überwinden vermag …

    Gefällt mir

  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,

    Der Weg zur Erkenntnis ,
    wie alle
    Jugendtorheiten
    wundersam- heilsam !
    Herzgruß
    Punito

    Gefällt 2 Personen

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