Ikkyû Sôjun: Der wunderbare Geist des wahren Gesetzes


Gautama Buddha verkündete fünfzig Jahre lang den Dharma, und als ihn sein Schüler Kâshyapa nach dem Schlüssel zu seiner Lehre fragte, antwortete er: „Von Anfang an habe ich nicht ein einziges Wort verkündet“ und hielt eine Blume hoch.

Kâshyapa lächelte und Buddha überreichte ihm die Blume mit den Worten: „Du besitzt den wunderbaren Geist des wahren Gesetzes. Mein fünfzig Jahre dauerndes Predigen hat dich stets angezogen, so wie ein Kind, dem man eine Belohnung verspricht.

Diese Blume des Dharma kann weder mit dem Körper noch mit dem Geist oder mit Worten erfasst werden. Sie ist weder materiell noch spirituell noch intellektuelles Wissen.“

aus: Ikkyû Sôjun, “ Gedichte von der Verrückten Wolke“

Gestern schrieb Chris: „Wenn reines Bewusstsein jedoch verstanden hat ….“ Bewusstsein, das versteht, ist kein reines Bewusstsein, sondern ein durch angebliches Verstehen „verunreinigtes Bewusstsein“. Ikkyû sagt hier: „Diese Blume des Dharma kann weder mit dem Körper noch mit dem Geist oder mit Worten erfasst werden. Sie ist weder materiell noch spirituell noch intellektuelles Wissen.“ Verstehen – und ich würde sagen auch „ahnendes Verstehen“, wie es Fredo gestern nannte, obwohl ich ahne, wie er das meinte – und Erfassen bedeuten immer Trennung zwischen einem Verstehenden bzw. Erfassenden und dem, was verstanden bzw. erfasst werden kann. Angebliches Verstehen und Erfassen sind das, was eine „getrennte Person“ anzieht „so wie ein Kind, dem man eine Belohnung verspricht.“ Die Blume des Dharma kann durch nichts und niemanden erfasst werden. Sie ist absolut einzig oder, wie es immer wieder gesagt wird, das Eine ohne ein Zweites, oder noch besser: Nicht-Zwei. Sie ist das Offensichtlichste und Allgegenwärtige, aber nicht zu verstehen.
Also ist alles, was darüber gesagt wird, reines Blabla. Oder wie es Buddha sagte: „Von Anfang an habe ich nicht ein einziges Wort verkündet.“ Er hat natürlich viele Worte verkündet, aber das war alles nur Blabla, um die „Kinder“ anzulocken und sie für den Duft der „Blume des Dharma“ zu öffnen. „Kâshyapa lächelte und Buddha überreichte ihm die Blume mit den Worten: ‚Du besitzt den wunderbaren Geist des wahren Gesetzes.'“ Auch das ist natürlich wieder missverständlich, da Kâshyapa gar nichts besitzen kann. Wenn überhaupt dann besitzt der „wunderbare Geist des wahren Gesetzes“ den Kâshyapa. Aber was besitzt der nicht um Gottes willen? Der „wunderbare Geist des wahren Gesetzes“ manifestiert sich bisweilen auch in einem Bemerktwerden. In der geschilderten Geschichte fand dieses Bemerktwerden durch Buddha und durch Kâshyapa statt. Und dieses stattfindende Bemerken bemerkt sofort das Bemerken durch eine andere manifestierte Person. Es ist ja dieselbe Quelle, die sich hier ausdrückt. Fredo hat das gestern sehr passend als „vibrierende Beziehung von Allem zu Jedem … (manche formulieren dies sogar mit der Vokabel ‚Liebe‘)“ bezeichnet. Mir würde auch keine bessere Vokabel dafür einfallen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Der wunderbare Geist des wahren Gesetzes

  1. ananda75 schreibt:

    Verstehen wollen sollte man sich eh abgewöhnen
    Das Leben hat schon verstanden, dass wir gerne verstehen möchten und wird uns alles verständlich machen, wenn die Zeit gekommen ist

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Da hege ich ernsthafte Zweifel.

      Wie heißt der blöde Spruch:
      „Dumm geboren, nix dazu gelernt.“
      Da fehlt eigentlich nur noch: Dumm gestorben.

      „Das Leben hat schon verstanden, dass wir gerne verstehen möchten und wird uns alles verständlich machen, wenn die Zeit gekommen ist“ ist ein nettes Trösterchen.

      Gefällt mir

      • ananda75 schreibt:

        jaaaaaaaa…. da muss ich dann mal sagen……… Menschen sind ja nich alle gleich…… verschiedene Entwicklungs-Stufen oder so………… manche möchten lernen und andere nicht……. so wie ich auch denke, dass es einen Unterschied macht, das Suchen irgendwann aufzugeben oder nie gesucht zu haben……….
        Gestern dachte ich mal wieder, wenn man so durch die Straßen geht, Straßenverkehr, Supermärkte – freundlich betrachtet ist Loriot allgegenwärtig, wenn die Nerven grad nicht so gut sind, kann man auch schon mal verzweifeln……..
        Wer Augen hat zu sehen und sie nicht benutzt, wer Ohren hat zu hören und nicht hören will – was kann das Leben dem schon zeigen?

        Gefällt 3 Personen

  2. punitozen schreibt:

    Tag für Tag prüfen die Priester genauestens das Dharma,
    unaufhörlich rezitieren sie vertrackteste Sutren .
    Doch zuvor hätten sie lernen sollen zu lesen
    In den Liebesbriefen von Wind, Regen, Schnee und Mond .
    ( Ikkyu Sojun )

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s