Huang-po: Des Denkens Raum überqueren


Erleuchtung kommt aus dem Geist, gleichgültig, ob du die sechs Pāramitās und anderes übst. Alle solche Übungen sind nur Notbehelfe zum Umgang mit „konkreten“ Angelegenheiten im täglichen Leben. Selbst die Erleuchtung, das Absolute, die Wirklichkeit, plötzliche Verwirklichung der Dharmakāya und alles andere bis zu den zehn Stufen der Entwicklung, den vier Belohnungen eines tugendhaften und weisen Lebens sowie dem Zustand der Heiligkeit und Weisheit – sind jedes einzelne – nichts als Begriffe, um uns durch Samsāra hindurchzuhelfen. Sie haben nichts zu tun mit dem wirklichen Buddha-Geist. Da der Geist Buddha ist, ist der ideale Weg der Vollendung das Entfalten dieses Buddha-Geistes. Vermeide nur begriffliches Denken, das zu Werden und Vergehen führt, zu dem Elend in der Welt der Sinne und zu vielem anderen. Dann brauchst du keine Wege zur Erleuchtung und ähnliches mehr. Darum steht geschrieben:

Was Buddha lehrt, hat nur das eine Ziel:
Des Denkens Raum zu überqueren.
Ist still geworden der Gedanken Spiel,
Was nützen dann noch Buddhas Lehren?

aus: Huang-po, „Der Geist de Ch’an“

Unser Geist kennt keinen Anfang und kein Ende.
Der ursprüngliche Geist
kann nicht Buddha-Natur werden.
Die ursprüngliche Buddha-Natur
ist Buddhas bösartiges Geschwätz,
der ursprüngliche Geist fühlender Wesen
ist deren Täuschung.

aus: Ikkyû Sôjun, „Geschichte von der verrückten Wolke“

Erleuchtung, das Absolute, die Wirklichkeit, plötzliche Verwirklichung, der Dharmakāya, Buddha-Natur, … Blablabla. Alles Blablabla. Ikkyû nennt das alles „Buddhas bösartiges Geschwätz“. Warum er das wohl sagt? Nun, ich vermute, dass er das ganz im Sinn von Seng-ts’an verstanden wissen möchte: „Ihr braucht die Wahrheit nicht zu suchen, wenn ihr nur keinen vorgefassten Urteilen und Meinungen anhängt.“

Wer anfängt, an die eben genannten Worte zu glauben, für den sind Buddhas „heilige“ Worte zum bösartigen Geschwätz geworden, die ihn nur in tiefste Finsternis katapultieren können. Alle haben sie darauf bestanden. „Glaubt mir kein Wort!“ sagte Buddha, und seine Worte blieben weitgehend ungehört. All diese Worte sind nichts als Fingerzeige. Das Sehen kann dadurch niemandem abgenommen werden. Das ist ein ganz zentraler Punkt, in dem sich die Taoisten und die Buddhisten etwa von den abrahamitschen Propheten unterscheiden. Letztere bestanden immer auf einem System von Glauben, Befehl und Gehorsam, waren also total repressiv. „Tot allen Ungläubigen, Ketzern und Häretikern!“ kann nur auf einem abrahamitischen Misthaufen gedeihen.

Gestern nahm ich an einem Gespräch teil, in dem es um die Frage ging, wie das umzusetzen sei, was Hunag-po da sagt: „Vermeide nur begriffliches Denken, das zu Werden und Vergehen führt, zu dem Elend in der Welt der Sinne und zu vielem anderen.“ Also das ist jetzt keine Interpretation dieses Satzes von mir, sondern meine Sicht dazu: Niemand kann begriffliches Denken vermeiden. Wer sich bemühen sollte, nicht begrifflich zu denken, wird wie ein Weltmeister begrifflich denken. Zuerst wäre es sinnvoll, den Imperativ aus dem Satz herauszunehmen und eine einfache Aussage daraus zu machen: „Begriffliches Denken führt zu Werden und Vergehen, zu dem Elend in der Welt der Sinne und zu vielem anderen.“ Jetzt geht es nicht mehr darum, ein (unerfüllbares) Ziel eigenen Handelns zu erreichen, sondern darum, eine Aussage auf den Prüfstand zu stellen. Ist begriffliches Denken wirklich die Wurzel allen Übels? Ist das für mich stimmig oder nicht? Das kann nur jeder ganz allein für sich herausfinden. Glauben bringt da gar nix.

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7 Antworten zu Huang-po: Des Denkens Raum überqueren

  1. Alexandra schreibt:

    Begriffliches Denken – legt fest, macht damit eine Sache angeblich „sicher“ ( hach, ich weiß was es ist!, ich „habe“ es, ) wenn begriffliches denken , wenn auch nur mal für den Bruchteil einer Sekunde , verschwindet, verschwinden die Grenzen zwischen mir und all dem anderen. Dann ist nur noch Wahrnehmung, Weite…alles neu, nichts bekannt, nichts verbraucht, nichts langweilig…

    Übrigens, lieber Nitya, kann man die Opferung Isaacs auch auf viele weise sehen. Zum einen natürlich als „Kadavergehorsam“ . Dann kann man die Rahmensätze betrachten. Die sagen aus, dass es niemals wieder menschenopfer geben soll! In einer Zeit, in der viele Völker menschenopfer gebracht haben. (Sozialgeschichtliche auslegung) Und dann gibt es noch die Möglichkeit, das „spirituell“ zu deuten: die Bereitschaft, ALLES, auch das Liebste aufzugeben, Hingabe im höchsten Sinne. (Vergleichbar mit dem kreuzestod und der Auferstehung.) (zum Glück hat der Junge ja überlebt. …)
    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      jetzt musste ich grinsen. Ich bin nun mal kein Theologe und werde hoffentlich nie einer werden. Ich bin da so schlicht wie ein dummes Kind, das nicht kapieren will, das sein Vater es ermorden will, weil er Stimmen hört. Ich erinnere mich noch gut an einen Schwur, den ich in meiner Jugend mir selbst geleistet habe: Ganz gleich, mit welcher Ideologie ich es noch zu tun haben werde, ich werde nie nie nie etwas tun, was meinem Herzen widerstrebt, um rgendeiner Ideologie gerecht zu werden.

      Übrigens wurden und werden weiterhin Menschenopfer im Namen irgendeines Herren gebracht, und Abraham war auch nicht bereit, sein Liebstes zu opfern. Das wäre nämlich sein Gottesbild gewesen. Also echt: Ein Gott, der von mir verlangen würde, meinen Sohn zu ermorden, könnte mich mal am Arsch lecken. Diesen Gott würde ich mit Wonne opfern, aber nicht einen Menschen aus Fleisch und Blut für meine fixe Idee.

      War das nicht bei Rumpelstilzchen, die Idee mit „das Liebste opfern“? Dieser Gott muss wohl so ne Art Rumpelstilzchen gewesen sein.

      Lieben Gruß
      Nitya

      • Alexandra schreibt:

        Naja, muss ich mich nicht sogar von der Idee verabschieden, überhaupt einen Sohn zu haben? Und gibt es nicht vergleichbar grausame Geschichten in den hinduistischen Schriften? Die kann ich auch nicht wörtlich nehmen.

      • Nitya schreibt:

        Moses war ein Massenmörder.
        Darf ich das auch nicht wörtlich nehmen?

  2. Alexandra schreibt:

    Da haste ja Recht, Nitya. Will ja nix verharmlosen. Aber viele DEUTEN ja alles in der Bibel wörtlich und sehen das dann als Gottes Wort an. Da ist manchmal ein bisschen Beschäftigung mit der Geschichte nicht schlecht. Aber ist das nicht eigentlich alles nur pillepalle im Theater? War ja keiner dabei von uns früher. Der Scheiß heute reicht eigentlich. Und was ist daran wahr? Was WEIß ich denn schon?

  3. Alexandra schreibt:

    Aber ich kann auch schon lange vielmehr mit den buddhistischen und taoistischen Schriften was anfangen als mit 80% der Bibel. Oder sogar 90%. Spielt auch keine Rolle.

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