Steven Harrison: Ein Leben, ohne Spuren zu hinterlassen

Keine Praxis oder Technik kann uns den Weg vom Gedanklichen hin zum Wirklichen zeigen. Radikales Nichts-Tun im Angesicht unserer Konditionierungen, jeglichen Versuch der Selbstverbesserung aufgeben, das Wirkliche in seinen sämtlichen Gestalten umarmen, all das ist der Reinigungsprozess – den man sich mit spirituellem Materialismus so leicht vom Hals halten kann.

Das Wirkliche pocht hartnäckig darauf, dass es kein Ich gibt und keinerlei Belohnung, wenn man das einmal erkannt hat. Es gibt keine Belohnung, sondern nur das, was ist. Und was ist, ist nicht etwas, sondern das, was als Nächstes kommt.

Wir idealisieren das erleuchtete Leben von Macht, außergewöhnlichen Erfahrungen und tiefer Verwirklichung. Es ist nichts von alledem; ganz im Gegenteil ist es ein Leben, ohne Spuren zu hinterlassen. Es ist ein Leben, wie Leben wirklich ist – es ist ein Leben ohne Ich.

Dass Transformation bedeutet, alles zu verlieren, ist eine derart immense Untertreibung, dass es bedeutungslos wird, so etwas überhaupt zu sagen. Man muss alles verlieren und man muss denjenigen verlieren, der alles verloren hat. Selbst denjenigen, der die Erfahrung gemacht hat, alles zu verlieren. Und denjenigen, der dem Alles-verloren-Haben eine Bedeutung verleihen will.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?

Das ist mein Großvater mütterlicherseits. Er starb an einer Lungenentzündung und weil er Ärzte hasste und sie nicht in sein Zimmer ließ. Irgendwie hat mir das immer imponiert. Er starb 1935, also bevor ich geboren wurde. Meine Großmutter habe ich nach dem Krieg noch einmal gesehen. Sie lebte in Ostberlin und sprang nach dem Mauerbau aus dem Fenster, was sie nicht überlebte. Mein Großvater gründete zuerst mit einem Kompagnon ein Kolonialwarengeschäft. Als der Kompagnon mit der Kasse durchbrannte, musste er wieder ganz bei Null anfangen. Diesmal versucht er es mit einer Gärtnerei. Er hat sein ganzes Leben nur geschuftet und war dabei so tüchtig, dass er meiner Mutter das „Wartheschloss“ vererben konnte. Wie er das nur mit seiner Hände Arbeit hingekriegt hat, ist mir ein völliges Rätsel.
Dieses Ding gehörte also mal meiner Mutter. Kann ich ja nix für. Ich war nur einmal da. Das war 1944. Danach waren die Russen im Anmarsch und wir mussten fliehen. Nach dem Krieg fielen viele ehemals deutsche Landstriche den Polen zu, u.a. Landsberg an der Warthe, heute Gorzów Wielkopolski. Obwohl ich „das „Wartheschloss“ nur kurz kennengelernt hatte, bin ich gewissermaßen mit ihm aufgewachsen: Früher war es der Besitz meiner Mutter, später war es der Besitz des verlorene Besitzes meiner Mutter. Sie konnte den Verlust ein Leben lang nicht überwinden und hoffte immer wieder, dass sie es wiederbekommen könne. Sie hasste Willy Brandt für seine Ostpolitik, weil sie dadurch ihre Hoffnung fast vollständig aufgeben musste. Meine Mutter war bis an ihr Lebensende die stolze Besitzerin einer verlustig gegangenen Prachtvilla und ich musste mir immer wieder ihre Klagen anhören. So lernte ich sehr früh, was das damit auf sich hat, Besitzer von etwas zu sein, das man nicht mehr besitzt. Mein Vater pflegte oft ganz trocken zu sagen: „Fürs Jewesene jibt der Jude nischt.“

Steven Harrison sagt: „Dass Transformation bedeutet, alles zu verlieren, ist eine derart immense Untertreibung, dass es bedeutungslos wird, so etwas überhaupt zu sagen. Man muss alles verlieren und man muss denjenigen verlieren, der alles verloren hat. Selbst denjenigen, der die Erfahrung gemacht hat, alles zu verlieren. Und denjenigen, der dem Alles-verloren-Haben eine Bedeutung verleihen will.“ Oh Gott, wenn meine Mutter selig das gehört hätte! Sie wäre dem Steven an die Gurgel gegangen. Is ja auch harter Tobak, und so wahr. Nur ist es mal wieder nicht machbar. Die einen würden es Gnade nennen, die anderen Fluch. Bevor das geschieht, was Steven da beschreibt, muss ich erst mal sehen, dass mir noch nie etwas gehört hat. Mich schon gleich gar nicht.

 

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3 Antworten zu Steven Harrison: Ein Leben, ohne Spuren zu hinterlassen

  1. Nitya schreibt:

    Steven Harrison sagt: „Dass Transformation bedeutet, alles zu verlieren, ist eine derart immense Untertreibung, dass es bedeutungslos wird, so etwas überhaupt zu sagen. Man muss alles verlieren und man muss denjenigen verlieren, der alles verloren hat. Selbst denjenigen, der die Erfahrung gemacht hat, alles zu verlieren. Und denjenigen, der dem Alles-verloren-Haben eine Bedeutung verleihen will.“

    Mein Beispiel hinkt natürlich insofern gewaltig, weil sich meine Mutter dabei stets als Opfer fühlen konnte. Erben und das Erbe wieder hergeben müssen, ist natürlich etwas anderes als freiwillig z.B. um der höheren Ehre Gottes willen etwas herzugeben. Nun den edlen Opferer herzugeben, loszulassen oder zu vergessen wäre das, was Steven Harrison letztlich anspricht.

    • Alexandra schreibt:

      „Früher war es der Besitz meiner Mutter, später war es der Besitz des verlorene Besitzes meiner Mutter.“ Guten Morgen, Nitya, na da haben wir wieder was gemeinsam! Besser hätte ich es über meine Mutter auch nicht zusammenfassen können. Naja, sie verlor ganz früh ihren Vater, dann die Mutter, ich glaube später waren alle Habseligkeiten, die sie noch ins Nachkriegszeitalter rettete Ersatz für all das verlorene! Immer „etwas“ aufrechterhalten, um weiter aufrecht gehen können… was blieb? Das Gefühl, eine Mutter zu haben, die nie in der Gegenwart angekommen war… naja, das sind halt so Geschichten…

      einen schönen sonnigen Tag wünsch ich dir!

      • Nitya schreibt:

        „Das Gefühl, eine Mutter zu haben, die nie in der Gegenwart angekommen war… naja, das sind halt so Geschichten… “

        Na ja, liebe Alexandra, für ein Kind ist das eine ziemlich schlimme Geschichte, wenn die Mutter eigentlich nicht wirklich präsent ist.

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