Ramesh Balsekar: Alle Begriffe im Zen sind reine Notbehelfe



Der Bodhisattva MIND ist wie die Leere, in der alles preisgeben ist: Gedanken an die Vergangenheit, Gedanken an die Gegenwart und Gedanken an die Zukunft – die vollkommene Preisgabe der Dreifachen Zeit.

MIND ist immer durch MIND übertragen worden und MIND ist immer identisch gewesen. Er unterscheidet sich nicht. Eine Übermittlung der Leere kann nicht durch Worte erfolgen; eine auf diese Weise erfolgte Vermittlung kann nicht der Dharma sein. Übertragung und Empfang der Übertragung sind eine besondere Form mysteriösen Verstehens. Das hat zur Folge, dass nicht viele in der Lage gewesen sind, sie zu empfangen. Tatsache ist, dass Mind nicht MIND und Übertragung nicht Übertragung ist.

Das ist eine Mahnung, dass alle Begriffe im Zen reine Notbehelfe sind.

aus: Ramesh Balsekar,“Zen und Tao im Licht von Advaita“

Gestern zitierte Werner Anahata Krebber den Ramana mit den Worten: „Das Gemüt klärt sich von seinen Unreinheiten und wird klar genug, die Wahrheit zu spiegeln: Das wahre Selbst. Das ist unmöglich, solange das Ich tätig ist und auf Selbstbehauptung drängt.“ Das Ich, das nichts anderes ist als ein Produkt des Minds und als solches wie ein Homunkulus sein scheinbares Eigenleben führt, verschleiert in aller Regel jeden Blick auf das, für das Ramana  als Notbehelf den Begriff „wahres Selbst“ verwendet. Ramesh benützt den Begriff „Bodhisattva MIND“, der wie die Leere ist. Diese Leere ist leer von allen Gedanken an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, leer vor allem von jedem Glauben, dass dieser vom Mind kreierte Homunkulus „Ich“ sei.

Ramesh sagt: „MIND ist immer durch MIND übertragen worden und MIND ist immer identisch gewesen. Er unterscheidet sich nicht.“ Übertragung ist ein leicht misszuverstehender Begriff, weil dabei schnell die Vorstellung entstehen kann, dass da etwas von A nach B übertragen wird. Wenn etwas von A nach A „übertragen“ wird, wäre ein anderer Begriff sicher hilfreicher. Zwischen A und A kann keine Beziehung bestehen, weil sie identisch sind. Zu einer Beziehung gehören immer zwei Entitäten. Gestern erinnerte ich an Rumis Hinweis: „Wo die Liebe ist, gibt es kein Ich.“ Ohne ein Ich gibt es auch kein Du. Liebe ist nur ein anderes Wort für Leere. Auch die Liebe ist ohne „die vollkommene Preisgabe der Dreifachen Zeit“ nicht möglich. Gemeint ist natürlich nicht die Rosamund Pilcher-Liebe mit all ihren Dramen, sondern – ach Gott ja, „die wahre Liebe“, „das wahre Selbst“, die „wahre Leere“, der „Bodhisattva MIND“, … alles Worte – wie Ramesha sagt, sind alle Begriffe im Zen reine Notbehelfe. Und ich erinnere in diesem Zusammenhang an Shankaras Fingerzeig: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Also bitte: In diesem Blog befinden sich nur Vorstellungen erzeugende Worte.
„Der Befreite“ ist keine Person, das ist nur die Personifizierung des Begriffs „MIND“. Eine scheinbare Person ist dagegen „der Unbefreite“, der den Mind repräsentiert. Dieser ist wie eine dichte Wolkendecke, hinter der sich die Sonne (der MIND) versteckt zu haben scheint. Manchmal reißt die Wolkendecke auf und die Sonne wird für einen Augenblick sichtbar. Sichtbar im Sinne von „Sehen ist Sein“. Dann schließt sich die Wolkendecke wieder und es herrscht wieder Dunkelheit. Ich muss wieder an den Satz von Johnnes denken: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Wenn die Wolkendecke sich wieder schließt, ist Dunkelheit dunkler als je zuvor, denn jetzt gibt es da einen Jemand, der sagt: „Ich habe das Licht gesehen.“ Jesaia, dem Propheten, das geschah, dass er im Geist den Herren sitzen sah.“ Dann kommt zum Beispiel ein Michael Prätorius und macht daraus einen Teil einer Christmette und Jahrhunderte später wird das etwa gesungen und gehört. Im Windsbacher Knabenchor hab ich das auch mal mitgesungen. Leider hatten sie kein Video mehr von ihm im Netz.

Das alles findet unter der Wolkendecke statt in der Dunkelheit, die im spirituellen Hochgefühl vom Licht träumt. Ramesh sagt sehr deutlich: „Eine Übermittlung der Leere kann nicht durch Worte erfolgen.“ Und ich ergänze: Nicht durch Gesänge, nicht durch Symbole, nicht durch irgendwas Begrenztes. „MIND ist immer durch MIND übertragen worden und MIND ist immer identisch gewesen.“

Nur ein Symbol

 

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10 Antworten zu Ramesh Balsekar: Alle Begriffe im Zen sind reine Notbehelfe

  1. punitozen schreibt:

    Über nichts nachzudenken ist Zen.
    Wenn man dies einmal verstanden hat,
    ist alles, was man tut
    gehen, stehen, sitzen oder liegen
    Zen

    Gefällt 2 Personen

  2. Brigitte schreibt:

    immer wieder ein Genuss 🙂

    Gefällt 1 Person

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