Marguerite Porète: Kein Herz könnte dafür Worte finden

 


Freund, du hast mich in deine Liebe eingeschlossen, um mir deinen großen Schatz zu schenken, nämlich dich selbst, der du die himmlische Güte bist. Kein Herz könnte dafür Worte finden. Doch reines Nichtwollen erahnt es, es hat mich so emporgehoben in diese Verbindung des Herzens mit dem Herzen, doch dieses kann ich nicht enthüllen.

Ich war einst eingesperrt in die Sklaverei der Gefangenschaft in der Zeit, als sehnsuchtsvolle Wünsche mich gefangen hielten. Doch dann hat mich das brennende Licht der göttlichen Liebe gefunden, das mein Wünschen, Wollen und Sehnen alsbald ersterben ließ – die hatten mich davon abgehalten, mich ganz der göttlichen Liebe hinzugeben.

Nun hat das göttliche Licht mich aus dem Gefängnis befreit, und hat mich aus Freundlichkeit dem göttlichen Wollen der Liebe verbunden, da wo die Dreieinigkeit die Lust ihrer Liebe mir schenkt. Kein Mensch kennt diese Gabe, solange er noch irgendeiner Tugend unterworfen bleibt oder irgendeinem menschlichen Gefühl, das ihm der Verstand vermittelt.

aus: Marguerite Porète, „Spiegel der einfachen, vernichtigten Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren“

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, sagte Rilke, und konnte dies natürlich auch nur mit Worten tun. Was wäre auch ein Dichter ohne Worte? Tiere benötigen keine Worte, keine abstrakten Begriffe und verstehen sich vollkommen ohne das Hilfsmittel der Sprache. Und die Menschen? Ohne Worte, ohne Sprache, ohne all diese abstrakten Symbole wäre die ganze moderne Kultur und Technik nicht vorstellbar. Marguerite Porète versuchte mit Worten ihr allerinnerstes Erleben auszudrücken und landete deshalb auf dem Scheiterhaufen. Sie hatte es mit Menschen zu tun gekriegt, für die das Wort als Wort heilig war, für die „das Wort das Ding“ war, das Wort, das ihnen irgendeine Autorität mitgegeben hatte, auf dass sie es anbeten sollten. Das Ergebnis war der Scheiterhaufen für sie.
Gestern schrieb Marianne: „Das Tückische an den ‚Programmen‘ (Konditionierungen) ist, dass wir den Teil, mit dem wir identifiziert sind, nicht wahrnehmen können, was ja das Merkmal jeder Identifizierung ist … Ich empfinde das auch oft schmerzlich. Nur die Liebe/Herz ist in der Lage die alten Programme einzuschmelzen und damit zu wandeln – keine noch so tiefe Erkenntnis kann das. “ Ich antwortete ihr: „Liebe Marianne, danke. Ich stimme dir vollkommen zu. “

Dagegen gäbe es jetzt natürlich unendlich viele Einwände vorzubringen und ja, natürlich kommt es ganz darauf an, was unter „Liebe/Herz“ und „Erkenntnis“ verstanden wird. Ich habe an den Anfang die Zeilen der Begine Marguerite Poréte gesetzt, um klar zu machen, was hier aus meiner Sicht unter „Liebe/Herz“ zu verstehen ist. Rumi sagte: „Wo die Liebe ist, gibt es kein Ich.“ Oder wie es Marguerite ausdrückte: „Er ist und ich bin nicht mehr.“ Wenn ich das so darstelle, dann gibt es für mich auch nicht mehr den geringsten Unterschied zwischen „Liebe/Herz“ einerseits und „Erkenntnis“ andererseits – beides nicht als Objekte zu verstehen, sondern als gelebtes Sein. Und ja, es ist klar, dass die Schergen des heiligen Wortes immer wieder Scheiterhaufen anzünden werden, um diese für sie größte Bedrohung zu vernichten.

Ich habe mir erlaubt, das Buch, das Jesus hier in der Hand hält, von allen Worten zu reinigen und es bei seinem Hinweis auf das Herz zu belassen.

Es kommt nicht darauf an,
was man aus uns gemacht hat,
sondern darauf,
was wir aus dem machen,
was man aus uns gemacht hat.

Gestern las ich bei Gerd Mersmann diesen Satz von Sartre. Diesen Satz unterschreibe ich sofort, und er besitzt auch und in ganz besonderer Weise für das Gültigkeit, worum es Marguerite Poréte ging.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Marguerite Porète: Kein Herz könnte dafür Worte finden

  1. Ayni schreibt:

    „1000 Türen, aber nur ein einziger Pförtner. ‚Er‘ trägt Schlüssel aus“ ‚ER’Kenntnis “ und eine Klinke aus Liebe. Seine Gefühle sind Bettler, seine Gedanken sind Diebe“

  2. punitozen schreibt:

    “ Bis jetzt habe ich geträumt. In meinem Traum wandelte ich durch Wälder der Illusion, von Geburt zu Geburt überhäuft von allen möglichen Sorgen und Leiden, der Wiederverkörperung und dem Tod und der Verwesung unterworfen. Der Tiger der Selbstsucht sprang mich grausam an, ohne Unterlass. Nun, durch deine unendliche Barmherzigkeit, o Meister, bin ich aus meinem Traum erwacht. Du hast mich für immer frei gemacht ! “
    ( Shankara )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s