Ist Erwachen ein Programm?


Wenn ich morgens aufwache, ist das ein sehr sinnvolles biologisches Programm. Wenn Menschen das passiert, was man Erwachen nennt, könnte man das auch ein Programm nennen. Es scheint allerdings ein ziemlich beschädigtes Programm zu sein, sonst würde dieses Programm zwangsläufig bei jedem Menschen in Aktion treten, etwa so wie die Pubertät.
Was hat dieses Programm beschädigt? Wir wissen spätestens seit Freud, dass kulturelle Eingriffe in die natürliche Entfaltung des Menscheins Menschen auf bestimmte Stufen fixieren kann. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist die Sauberkeitserziehung. Zuerst packt man die kleinen Menschlein in Windelhöschen, dann befinden die geplagten Eltern irgendwann, dass sie jetzt die Nase voll haben von der ständigen Arsch-Abputzerei oder sie haben ein schlaues Elternberatungsbuch gelesen und ab sofort wird der oder die Kleine auf den Topf gesetzt. Und jetzt muss (!) gekackt werden – aber dalli! Mama oder Papa oder wer auch immer haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit, auf das tolle Ergebnis zu warten. Das wirkt dann so ähnlich, wie wenn ich zum Chiropraktiker gehe und der mich anherrscht: „Nu entspannen Sie sich mal endlich!“ Folge: ich verkrampfe noch mehr. Folge bei der kindlichen Entwicklung ist die Fixierung auf die sog. anale Phase. Folge davon: Zwanghaftigkeit, Geiz, geistige Enge – eine Neurose vom Feinsten. Und dann erst die sog. genitale Phase – ach ja. Freud nennt es den Preis, den wir notwendigerweise für unsere kulturelle Entwicklung (Behinderung) bezahlen müssen. Insgesamt ist die Folge davon mehr oder weniger, dass wir es mit einer Menschheit zu tun haben, in der die Leute aussehen wie Erwachsene, in Wahrheit aber in frühkindlichen Fixierungen feststeckende Kinder sind. Da brauch ich mir mal bloß die versammelte bundesdeutsche Regierungsmannschaft anschauen. Stellt sie euch mal alle in Windelhöschen vor, dann ahnt ihr vielleicht, warum die Welt durch unsere „hohen Kulturleistungen“ vor die Hunde geht.
Und nun glaubt bloß nicht, dass wir was Besseres wären! Wir haben alle ganz ähnliche Programme durchlaufen. So, und nun haben wir diese ganzen Scheiß-Programme am Hals. Und jetzt? Müssen jetzt alle Therapie machen? Freud meinte: „Ja.“ Werner Ablass meint, Aufwachen sei völlig genug. Aufwachen bedeute, dass du siehst, dass du nicht deine Programme bist. Was kümmern mich meine doofen Programme?! Ich stimme ihm ja IM PRINZIP völlig zu und die ollen Ch’an-Heinis hielten auch nix von Übungen und so’nem Kram, aber ich möchte nicht wissen, wieviele irre Spinner da um sie rumliefen! In Poona hatte sich eines des größten Therapiezentren der Welt entwickelt, weil Osho der Ansicht war, dass niemand wirklich fähig sei, sich vollkommen zu entspannen, wenn er nicht seine Fixierungen hinter sich gelassen hätte. Da gibt es eine schöne Reihenfolge: Erst Reinigung (Therapie) von dem alten Scheiß, dann kann das Aufwachen über reine Einbildung hinausgelangen. Ein Unwirklicher (Neurotiker) kann nicht zur Wirklichkeit gelangen. Der Kirchentag machte es mal wieder wundervoll deutlich, wie religiös verblödete Kleinkinder sich Kreuze auf ihre Windelhöschen gemalt hatten und nun erwachsene Gutmenschen spielten.
Wie steht es eigentlich mit der Verantwortung? Einem Laotse muss ich nicht Verantwortung „beibringen“, der fließt auf höchst natürliche Weise mit dem Ganzen. Warum sollte er auf die irre Idee kommen, jemandem schaden zu wollen? Einem Neurotiker, also einer völlig identifizierten Person, muss ich ggf. ganz zwangsläufig im eigenen Interesse seine Verantwortung klar machen. Vielleicht bremst das ein bisschen seine Zerstörungswut. Denn wütend (und ängstlich) sind sie alle. Halt mal eine Katze gegen ihren Willen fest, dann weißt du, was Wut ist. Und wir wurden alle gegen unseren Willen festgehalten und das über Jahrzehnte. Und dann durften wir nicht einmal unsere Wut zeigen. Was meint ihr, was sich da für Angst und Hass angesammelt hat! Muss also niemanden wundern, wenn wir diese „beschissenste aller Welten“ kaputt machen.

Also wie ist das nun mit der Verantwortung? Ist ein „Erwachter“ – was immer das sein soll – verantwortlich für das, was „durch ihn getan wird“? Die Frage ist eigentlich ziemlich blöd. Wenn ein Kind auf eine heiße Herdplatte fasst, verbrennt es sich. Das Kind hat die Erfahrung noch nie gemacht, ist also in keiner Weise dafür verantwortlich. Wenn es nicht völlig neurotisch ist, wird es in Zukunft Verantwortung für sich übernehmen, indem es heiße Herdplatten mit großem Respekt behandelt. Und es wird dies tun, ohne dass es je das Wort Verantwortung gehört hätte. Fritz Perls: „Verantwortung ist die Fähigkeit, lebendig auf die Herausforderung der Gegenwart antworten zu können.“ Und eben diese Fähigkeit ist dem Neurotiker weitgehend verloren gegangen. Er definiert sich über seine Programme, was bedeutet, dass er nicht aufhören kann, sich selbst zu schädigen (und andere in der Regel gleich mit). Er kann nicht aufhören, weil er sonst sein Selbstbild zerstören würde. Er wäre nicht mehr „er selbst“ – was das Beste wäre, was ihm passieren könnte.

Die ganzen Fragen sind einfach nicht einfach zu beantworten. Es kommt immer drauf an, wer fragt. Deswegen musste sich Osho ja auch ständig widersprechen, weil das, was für den einen richtig war, für den anderen falsch war. Ich finde Anarchie absolut wundervoll und halte den Staat für so überflüssig wie einen Kropf. Staat, Polizei – wer braucht denn so was? UND ich bin heilfroh, dass ich noch in einem Staat lebe und es unsere Polizei gibt, die für uns täglich den Kopf hinhalten muss. Ganz schön widersprüchlich. So zum krönenden Abschluss gibt’s noch mal meinen Lieblings-Erleuchteten Ikkyû Sôjun:

Ich liebe – ich denke –
Ich liebe – ich erinnere mich –
Liebe sprengt meine Brust,
Sprengt meine Gedanken.
Kein Gedicht, keine Prosa,
Nicht eine Silbe fällt mir ein.
Ich bin ein Erleuchteter,
Doch solches Wissen allein
Hilft meinem Herzen nicht.
Umso schmerzlicher jetzt,
So gefangen zu sein
Zwischen Leben und Tod.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

 

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10 Antworten zu Ist Erwachen ein Programm?

  1. Alexandra schreibt:

    Immer wieder die ollen festsitzenden Konditionierungen… aber auch sie wollen ja ihren Platz haben und eigentlich nur gesehen werden… und dann wird wieder geurteilt, da ist man als Lehrer ja sowas von überkonditioniert darauf! Und wenn auch das nur gesehen wird macht sich oft grinsen breit oder eine Art von liebevoll-akzeptierendem Trotz: so bin ich halt ( oder so ist diese gespielte persona) zu sehen, was für Gedanken eingespielt werden ist schon höchst interessant auch wenn mir immer wieder mal etwas längere Pausen von Gedankenströmen auch ganz lieb wären. Denn dann findet einfach nur wahrnehmen statt. Was der Denker allerdings gleich wieder kommentieren muss. Nu ja, was hilfst? Lass ma halt brabbeln. „… sie musste allen Dingen einen Namen geben…“ (Mark Twain)

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      das ist die Aufgabe des Denkers zu kommentieren. Auch wenn es völlig überflüssig ist. Also lass ihn einfach,bleibt dir eh nichts anders übrig. Und solange du darüber grinsen kannst, ist doch alles bestens.

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  2. Marianne schreibt:

    Das Tückische an den „Programmen“ (Konditionierungen) ist, dass wir den Teil, mit dem wir identifiziert sind, nicht wahrnehmen können, was ja das Merkmal jeder Identifizierung ist …
    Ich empfinde das auch oft schmerzlich. 😦
    Nur die Liebe/das Herz ist in der Lage die alten Programme einzuschmelzen und damit zu wandeln – keine noch so tiefe Erkenntnis kann das. ❤

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  3. ananda75 schreibt:

    Wenn wir Glück haben, wird uns irgendwann, rein durch Gnade und vollkommen „unverdient“ ein Einblick zuteil… da sehen wir dann, wie es sein kann…
    Dann noch ein paar Jahrzehnte am Leben bleiben
    Ohne jedes Risiko zu meiden
    Immer schön tapfer weiter gehn
    Auf die Schnaurze fallen und wieder aufstehn
    Nach ein paar tausend Kilometern Umwegen
    Könnte es dann passieren…
    dass wir uns langsam auf’s Erwachen zubewegen 🙂

    Eigentlich bin ich ja schon lange wach
    Ich war nämlich schon immer viel wacher als die anderen

    Hat aber seltsamerweise nie so richtig Spaß gemacht… was natürlich daran lag, dass die anderen alle schlafen, die Torfköppe
    🙂

    ❤ Alles Liebe

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  4. fredoo schreibt:

    „““ Ist Erwachen ein Programm ?“““

    hmmm … was ich unter „Erwachen“ verstehe ist keinesfalls ein Programm …
    sondern eher der „brummende Prozessor“ des Computers …
    die Hardware in vibrierender (potentieller) Bereitschaft …

    es ist noch nicht einmal das Betriebssystem …
    oder gar die aufgespielte Software …

    es wird nach meiner Beobachtung oft etwas leichtfertigt vermischt …
    das was Erwachen „ist“ …
    und das , was aus diesem in einer Lebensgeschichte manchmal bei Mancheinem erstmaligen Übrigbleiben einer unbenennbaren Nicht-Etwas-Basis daraus „folgt“ …

    das was folgt , ist immer wieder auch (nur) Programm …
    quasi „Grund-Erkenntnis“ in Anwendung …
    und dies ist stets so individuell und dual wie alle Programme …

    doch nix ändert das an der „unberührbaren“ Istigkeit per se , die „Erwachen“ erstmalig unleugbar deutlich werden lässt .

    diese „Deutlichwerdung“ ist keine Show und kein Screan-Shot (Programm) sondern einfach nur das Auftauchen der Leinwand aus üblicherweiser Verdeckender „Überblendung“ .
    Eine >neutrale Leinwand , auf der diese Programme abgespult werden …

    die Show mag schlecht oder gut sein , die Leinwand ist stets weder noch ( denn ihre Bedeutung ist ja nur die schlichte , unbeeinflusste Projektion von allem , was da gerade zur Projektion drängt )

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    • Nitya schreibt:

      „Eine >neutrale Leinwand , auf der diese Programme abgespult werden … “

      Werter Fredoo, vielleicht geht es bei dem Begriff „Programm“ im Zusammenhang mit dem Begriff „Erwachen“ weniger um das, was plötzlich bemerkt wird, als um … wie sag ich es… Du schläfst, erwachst, schlägst die Augen auf und bemerkst – nennen wir es die die neutrale Leinwand oder den Grundton hinter allen Erscheinungen. Ein anderer schläft, erwacht, schlägt die Augen auf und bemerkt, dass er dringend pinkeln muss – und nur das. Beides ist ein Erwachen, beides wenn du willst Programm. Beides unterscheidet sich lediglich dadurch, dass in einem Fall nur das Pinkeln-Müssen erscheint und im anderen Fall auch das, vor dem alles erscheint. Wobei hier ja nicht zwei Objekte (Leinwand – Escheing) gemeint sind, sondern Objekt und Nicht-Objekt als nicht getrennt.

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      • fredoo schreibt:

        Das ist halt das fatale an der Vokabel „erwachen“ …..
        Nix und niemand erwacht da …
        Nix und niemand bemerkt da was … ( mein „bemerken“ ist da auch nur Hilfsvokabel , mangelns besserer ) …

        Und … zugegeben in dem von Dir benutzten „bemerken“ ist so und so Programm ein Fakt …
        Ich weiß auch , dass mein „verbal-konzeptionelles“ Beharren auf dem „reinen Auftauchen“ nur Petitesse ist , denn wo „nix“ ist , kann ja auch „nix“ auftauchen und auch nicht „bemerkt“ werden … Letztlich wird ja auch nur „bemerkt“ , dass da nix zu bemerken ist ( als Objekt=Form) …
        Und klar … in diesem „Bemerken“ ist bereits wieder „Programm“ , und zwar das Nicht-Form-Programm …

        Man … was für ein Scheiss … nix kann man richtig sagen … und alles gesagte bleibt müßiger Bullshit … 😉
        ich glaub , ich geh jetzt mit meinem Enkel spielen …

        Gefällt 3 Personen

      • Nitya schreibt:

        Macht aber trotzdem Spaß der müßige Bullshit

        Ich vermute, mit deinem Enkel zu spielen, macht mindestens denselben Spaß.

        Gefällt 2 Personen

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