Elif Şafak: Du siehst ihn in dem Wassertropfen, der ins Meer fällt


Kein Auge sieht so klar und scharf wie das Auge der Liebe. Der Trauer folgt eine andere Zeit, ein anderes Tal, ein anderes Ich. Dann sieht man den unauffindbaren Geliebten auf einmal überall.

Du siehst ihn in dem Wassertropfen, der ins Meer fällt, in der Flut, die auf den zunehmenden Mond folgt, und im Morgenwind, der seinen frischen Duft verbreitet. Du siehst ihn in den Zeichen im Sand, die die Wahrsager deuten, in den winzigen Steinchen, die in der Sonne glitzern, im Lächeln des neugeborenen Kindes und im Pulsieren deiner Adern. Wie könntest du je sagen, Schams sei fort, wenn er doch überall ist und in allem?

aus: Elif Şafak, „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“

Rumi war ein äußerst beliebter Lehrer, als sein Leben im Jahr 1244 eine dramatische Wende erfuhr: Der Wanderderwisch Shams aus Täbris kreuzte seinen Weg und wurde sein geistiger Lehrer und geliebter Freund. Die Gesellschaft Konyas war schockiert, standen doch Wanderderwische in keinem guten Ruf. Für Rumi war Schams das Antlitz Gottes in Person. Ihm zuliebe ließ er alles liegen und stehen und vernachlässigte seine Pflichten als Familienvater, Lehrer und Rechtsprechender. So kam es, dass eifersüchtige Schüler und auch Angehörige Rumis Druck auf Shams ausübten und ihn vertrieben. Zunächst gelang es Rumi noch ihn wieder zu finden, eines Tages aber blieb Shams für immer verschwunden, wahrscheinlich wurde er von einem Sohn Rumis ermordet.

Rumi litt entsetzlich unter diesem Verlust, seine Seele verbrannte im Feuer seiner Liebe. Fortan schrieb er Gedichte für Shams und begann sogar sie mit seinem Namen zu unterzeichnen (so heißt auch seine berühmteste Gedichtsammlung „Diwan – i – Schamsi Täbrizi“) . Immer mehr wurde er zu Shams und überwand damit die große Illusion von Trennung und Tod. Von jetzt an kannte Rumis Freude keine Grenzen mehr. Er hatte das „Fanafillah“ – die Entwerdung, das islamische Einheitsbekenntnis – verwirklicht.

Wenn du fühlst
Wie deine Lippen unendlich werden
Und süß wie der Mond am Himmel,
wenn du diese Weite in dir fühlst,
ist Shams von Täbris auch da.

aus: Annemarie Schimmel, “ Mystische Dimensionen des Islam“

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī  und Schams-e Tabrizi stehen für das, was auch spirituelle Liebe genannt wird. Im Deutschen haben wir ja eigentlich für alles nur ein Wort. Die einen wollen ’ne Runde rumvögeln und nennen das „Liebe machen“. Günstigsten Falls kann man das wohl unter dem Stichwort „Eros“ einordnen. Die anderen mögen ihre Kegelbrüder oder anders gesagt, sie mögen Leute wegen ähnlicher Interessen. Das ist das, was unter „Philia“ verstanden wird. Eros und Phlia haben eines gemeinsam: Beide wollen etwas vom anderen und sind deshalb bedingt. Ihre Liebe ist so etwas wie ein Tauschgeschäft. Das, was Rūmī  und Schams verband, könnte man dann vielleicht als Agape bezeichnen oder als selbstlose Liebe. Gemeint ist damit nicht Mutter Theresas „Caritas“, sondern das,  was Annemarie Schimmel „Entwerdung“ nannte, ein Begriff, der nicht nur bei den Sufis bekannt ist, sondern auch bei den christlichen Mystikern, etwa bei Johannes Tauler, wenn er schreibt: „Wenn Gott den Menschen so in völliger Entwordenheit und Hingabe sich gänzlich zugewendet und seinen Seelengrund aufgeschlossen findet, neigt sich der Gottesgrund ihm zu und ergießt sich in den ihm offenen und gelassenen Seelengrund, überformt den geschaffenen Seelengrund mit der Fülle seines Lichts und zieht ihn durch diese Überformung in die Ungeschaffenheit des Gottgrundes, so dass der Geist ganz eins mit ihm wird.“

Wenn es bei diesen drei Formen der Liebe zu Vermengungen kommt, kann das möglicherweise katastrophale Folgen haben, wie etwa bei Schams-e Tabrizi, der möglicherweise durch den ältesten Sohn Rumis getötet wurde. Getötet aus enttäuschter Liebe zu seinem Vater. Bedingte Liebe kann unbedingte Liebe nicht verstehen und verfolgt sie daher in der tiefen Angst, die Liebe eines anderen, die ihr angeblich zusteht, zu verlieren. Unbedingte Liebe, die irgendwo noch auf eine Vereinigung aus ist, muss zwangsläufig scheitern. Aber in diesem Scheitern kann vielleicht erkannt werden, was Rūmī in diesem Gedicht auszudrücken versucht hat:

Es kam jemand zur Tür des Geliebten und klopfte.
Ein Stimme fragte: „Wer ist da?“ Er antwortete: „Ich bin es.“
Die Stimme sagte: ‚Hier ist kein Platz für mich und Dich.‘
Die Tür wurde geschlossen.

Nach einem Jahr Einsamkeit und Entzug
kam der Mann wieder an die Tür des Geliebten.
Er klopfte.
Eine Stimme von drinnen fragte: „Wer ist da?“

Der Mann sagte: „Du bist es.“
Die Tür wurde für ihn geöffnet.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Elif Şafak: Du siehst ihn in dem Wassertropfen, der ins Meer fällt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s