Osho: Das ist doch ihre Sache


Es geschah, dass der Meister von Lin Chi starb. Die Leute kamen, ihm die letzte Ehre zu erweisen

Und sie sahen Lin Chi weinen und schluchzen, und seine Tränen flossen wie bei einem kleinen Kind, dessen Mutter gestorben ist. Die Leute konnten es nicht fassen, weil sie glaubten, dass er erleuchtet wäre – und trotzdem weinte er wie ein Kind? So etwas kann schließlich nur ein unwissender Mensch tun. Aber wenn ein Mensch erleuchtet ist und selbst schon gelehrt hat, dass das innerste Wesen unsterblich ist und niemals stirbt – warum weint er dann?

Lin Chi: Was soll ich denn machen? Die Tränen kommen einfach. Das ist ihr Dharmata. Und wer bin ich, sie zurückzuhalten? Ich lehne sie nicht ab und ich heiße sie nicht willkommen – ich bleibe in mir. Jetzt fließen die Tränen und das lässt sich nicht ändern. Wenn mein Ruf auf dem Spiel steht, bitte sehr. Wenn die Leute mich nicht mehr für erleuchtet halten, dann ist das ihre Sache. Aber was kann ich tun? Ich habe den „Tuer “ längst hinter mir gelassen. Es gibt ihn nicht mehr. Es geschieht von allein. Diese Augen weinen und vergießen ihre Tränen von sich aus, denn es wird ihnen nie wieder vergönnt sein, den Meister zu sehen. Und er war ihre Nahrung, von diesem Anblick ernährten sie sich. Jeder weiß sehr wohl, dass die Seele unsterblich ist, niemand stirbt je, aber wie soll ich das diesen Augen beibringen? Sie hören nicht, sie haben keine Ohren. Wie soll ich ihnen beibringen, dass sie nicht zu weinen brauchen, weil doch das Leben ewig ist? Und wer bin ich? Das ist doch ihre Sache. Wenn ihnen nach Weinen zumute ist, dann weinen sie.

aus: Osho, „Tantra, die höchste Einsicht“

Eine meiner Lieblingsgeschichten – inspiriert von Tilopa und erzählt von Osho, ich bin ganz zufällig wieder über sie gestolpert. Diese Geschichte kann uns so viel erzählen über Erleuchtung und Leben und vor allem über schlichte Menschlichkeit, die einfach Teil des Ganzen ist. Heute habe ich einen kleinen Ausschnitt aus dem ev. Kirchentag in Leipzig gesehen. Lange konnte ich nicht zugucken. Die Gesichter der Schäfchen in ihrer selbstgerechten Glaubensgewissheit – mein Gott bin ich froh, dieser Truppe entkommen zu sein! „Und jetzt stehen wir auf, und jetzt gedenken wir, und jetzt beten wir, … “ was für ein Kindergarten! Es sind dieselben Leute, die damals bereit waren, über Lin Chi den Stab zu brechen, weil er sich nicht an DIE LEHRE hielt. Überall dieselbe Dümmlichkeit und Selbstgerechtigkeit, anstatt zu begreifen, was sich da vor ihren Augen für eine Kostbarkeit enthüllt: Erleuchtung hat noch niemandem untersagt, der zu sein, der er ist.

„Diese Augen weinen und vergießen ihre Tränen von sich aus, denn es wird ihnen nie wieder vergönnt sein, den Meister zu sehen. Und er war ihre Nahrung, von diesem Anblick ernährten sie sich.“ Das ist so zutiefst menschlich. „Wie soll ich ihnen beibringen, dass sie nicht zu weinen brauchen, weil doch das Leben ewig ist? Und wer bin ich? Das ist doch ihre Sache.“ Byron Katie fragte oft: „In wessen Angelegenheit befindest du dich?“ Meist sieht dann jemand, dass er sich in das Leben eines anderen Menschen eingemischt hat. Hier geht es viel weiter: Meine Augen sind nicht meine Augen. Und wenn ich meinen Augen verbieten will, ihre Traurigkeit auszudrücken, dann befinde ich mich mitten in den Angelegenheiten dieser Augen. Wer bin ich, ihnen da Vorschriften zu machen? Und dann guck dir die Leute auf dem Kirchentag an: Lauter Vorschriftenmacher, die sich selbst allen Vorschriften unterwerfen. Die reinsten Vampire mit ihrem Contredanse (?) wie in Polanskis „Tanz der Vampire“, nur noch ein Haufen Untoter. Damals im Internat in Windsbach, jeden Sonntag in der Kirche: Die Untoten sterben nicht aus. Mich fröstelts.
Niemand stirbt und um einen geliebten Verstorbenen weinen – das ist zu viel für das kleine Hirn eines Gläubigen. Entweder – Oder, und damit Basta. Und Lin Chi ist ein Betrüger und überhaupt auch dieser Jesus und der Rest dieser aufgeblasenen angeblich Erleuchteten. Von wegen Hosianna! Kreuziget sie! Und jetzt lasst uns beten!

Niemand ist gestorben und meine Augen weinen. Nicht über einen Verstorbenen, sondern über die zahllosen Untoten.

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14 Antworten zu Osho: Das ist doch ihre Sache

  1. Peter schreibt:

    ….’Jeder weiß sehr wohl, dass die Seele unsterblich ist, niemand stirbt je, aber wie soll ich das diesen Augen beibringen?‘ …..und wie soll ich das diesen Ohren, dieser Nase, diesem Menschen Peter beibringen? Führe ich mal so fort. Gibt es dagegen ein Mittel? Ich finde es wunderbar, wie vielfältig sich das Göttliche oder was das auch immer sein mag, in fast unzähligen niedergeschriebenen und gesprochenen Weisheiten zeigt. Herrlich diese Vielfalt! Da verspühre ich Freude, da jucht mein Herz, da zeigt sich etwas sehr wertvolles, die Einfachheit und die Schönheit des Seins und das erfahrbar durch diesen Menschen. Welch ein Geschenk. Was kann mir die Welt da noch geben? Die Welt ist so wie sie ist. Was kann ich ihr beibringen? Letztendlich nichts. Danke lieber Nitya für die Schätze, die Du immer wieder herausbringst.

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  2. ananda75 schreibt:

    Die Augen haben keine Ohren – Der is gut 🙂

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  3. fredoo schreibt:

    Weil es so gut zum Thema passt … obwohl ich es hier wohl schon mal erzählt habe …

    Ramesh hatte einen Sohn , Ananda , der seit Geburt sehr schwächlich war … ein Sorgenkind …
    Es war mitten in einem Talk , als er die Nachricht bekam , dass sein Sohn , erst um die 40 , plötzlich gestorben sei …
    Er saß schweigend da , und ein immenser Fluss von Tränen geschah …

    Etwas später , als er tatsächlich den Talk weiterführte , fragte ihn eine Frau , durchaus vorsichtig :
    „Ramesh , du hast uns doch erzählt , das alles in dieser Welt nur Illusion ist , warum musstest du denn dann so sehr weinen“.
    Mit sanftem Lächeln antwortete Ramesh :“weil der Tod eines Kindes , die traurigste alle Illusionen ist „.

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  4. chantaltalia schreibt:

    Gestern war Lachen, heute ist Weinen dran. Es fliesst einfach wie es will. Bei mir auch. Sonnengrüsse euch allen. 🙂

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  5. Alexandra schreibt:

    „Ich danke Ihnen sehr, auch dass Sie sich fast alle an die Spielregel gehalten haben…..“ und dann feiern sie 500 Jahre Reformation. Weiß ich , ob ich da lachen oder weinen soll. Sie verehren die Regelbrecher wie Jesus und Luther und sind selber… der Begriff „untote“ passt wirklich sowas von! Selig sind die Regelbrecher! Mehr als diese 1 1/2 Minuten kann ich mir vom Kirchentag nicht antun! Da geh ich lieber raus, mein Garten ruft.
    Einen schönen Tag euch allen, und dir lieber Nitya, weiter gute Besserung! Es ist so schön, jeden Tag deine Beiträge zu lesen!

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  6. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    seit Mittwoch wieder zuhause . Zum 26 Juni stationär vorterminiert .Dann gilt es .
    Neues Karzinom gebildet , mal woanders !
    Die Natur formt sich so wie sie will , völlig egolos – es ist so wie es ist .
    Manchmal auch zum weinen ! Weint Punito ? Heute nicht , warum auch , an so einem herrlichen Maientag ! ,
    Tag um Tag , guter Tag !
    Punito

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