Rumi: Wahre Liebende sind nie ohne dieses Sehnen …


Verstand ist das, was ständig, Tag und Nacht ruhelos ist, denkend und ringend, Gott zu begreifen versucht, obwohl dieser unbeschreiblich und unfassbar ist. Der Verstand ist wie eine Motte und der Geliebte wie eine Kerze. Wenn die Motte sich auf die Kerze stürzt, wird sie verzehrt und zerstört; aber das liegt in der Natur der Motte. Wie zerstörerisch die Flamme auch sein mag und wie groß die Qual des Verbrennens – die Motte kann nicht von der Kerze lassen.

Gäbe es irgendein Tier wie die Motte, das es ohne die Kerze aushalten könnte und sich nicht in ihr Licht stürzte, so wäre das alles andere, aber keine Motte. Und wenn sich die Motte ins Licht der Kerze stürzen würde, ohne zu verbrennen, so wäre das keine Kerze.

Deshalb ist jener Mensch, der es ohne Gott, seinen Geliebten, aushalten kann, den keine Sehnsucht antreibt, überhaupt kein richtiger Mensch. Wenn er aber Gott begreifen könnte, so wäre das nicht Gott.

Deshalb sind wahre Liebende nie ohne dieses Streben; sie umkreisen unablässig, ruhelos das Licht Gottes, ihres Geliebten. Und Gott, der Geliebte ist es, der sie verzehrt und zunichte macht und den Schleier ihres Verstandes zerreißt.

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī
Gestern hat Werner Anahahata Krebber an diesen bekannten Satz von Meister Eckhart erinnert: Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe, mit dem Gott mich sieht; mein Auge und Gottes Auge sind ein und dasselbe im Sehen, ein und dasselbe im Wissen, ein und dasselbe im Lieben.“ Nun ist dieses Sehen ja kein statisches Sosein, sondern ein höchst dynamischer Tanz. Diesen beschreibt Rumi sehr schön in seinem Vergleich mit der Motte und der Kerze.

Meister Eckhart geht in seinen Zeilen noch einen Schritt weiter als Rumi, wenn dieser sagt: Liebende „umkreisen unablässig, ruhelos das Licht Gottes, ihres Geliebten. Und Gott, der Geliebte ist es, der sie verzehrt und zunichte macht und den Schleier ihres Verstandes zerreißt.“ Meister Eckhart sagt: „Mein Auge und Gottes Auge sind ein und dasselbe im Sehen, ein und dasselbe im Wissen, ein und dasselbe im Lieben.“ Da ist jede Trennung verschwunden. Motte und die Flamme der Kerze sind ganz eins geworden und verbrennen einer im anderen. Wenn Osho sagt: „Sieh den, der sieht!“, dann bleibt nur noch Sehen. Sehender und Gesehenes sind ganz eins geworden im Sehen und sind dennoch noch zwei.

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5 Antworten zu Rumi: Wahre Liebende sind nie ohne dieses Sehnen …

  1. fredoo schreibt:

    Ich habs ja nicht so mit der Vokabel „Liebe“ .

    Ich benutze stattdessen lieber „Staunen“ …
    Wie gestern ja geschildert , verbleibt in/nach diesem „AHA“ einfach nur noch Staunen.
    In diesem Staunen findet völlige Hingabe statt , in dem eine Her-Gabe der „Ich-bin-wirklich-als-ICH“ -Vorstellung stattfindet . Nicht als Handlung , sondern als quasi unentrinnbare Wahrheit , im gerade wieder bemerkten > SOistES .
    Diese wahrlich pompösen Worte versuchen nur einen schlichten Moment der „inneren Anlehnung“ an dieses „Eigentliche“ zu umschreiben , den man tatsächlich auch als Liebe bezeichnen kann .
    Aber halt nicht als eine Liebe , die von „mir“ ausgeht , sondern eine Liebe , in der (auch) ich vollständig eingebettet bin. Ich bemerke also nicht „meine“ Liebe , sondern eine Identität mit DER Liebe . Eine Liebe die gleichzeitig >liebt ( also das Objekt „ich“ liebend „hält“ ) als auch einfach nur LIEBE ist im IST …

    Nun habe ich mich doch auch mal auf dieses (für mich) etwas schwierige Vokabelterrain „Liebe“ eingelassen.

    einmal ist keinmal 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Ich weiß ja, dass dir dieses ominöse Wort also so was von suspekt ist, aber weil die Sonne so lacht und ich dich ein bisschen utzen möchte, sag ich’s trotzdem:

      Lieber Fredoo,

      nee, das reicht noch nicht, also nochmal:

      Geliebter Fredoo,

      mein Wonnewutz, mein Herzensbobbele. Ich finde das so was von wunderbar, dass es dich gibt. Also was wäre die Welt arm ohne dich! Du müsstest glatt neu erfunden werden und zwar genau so, wie du bist.

      Ha, fühlt sich geil an! Muss ich öfter machen.

      Immer der Deine

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  2. punitozen schreibt:

    Ich versuchte, ihn zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz, und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.

    ( Dschalal ad-Din Muhammad Rumi )

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