Steven Harrison: Wenn man im Nicht-Realen funktionieren will

 

Dass sich die subjektive Wirklichkeit als die objektive ausgibt, liegt in der Natur der Sache. Dies erlaubt es uns, entsetzt auf die Handlungen unserer Feinde zu reagieren oder verletzt zu sein durch die Worte unserer Partnerin und überhaupt den Stress des Alltags durchzustehen, als sei dies alles von klar definierter Bedeutung. Unsere objektive Realität als subjektiv zu erkennen und – schlimmer noch – überrascht zu erkennen, dass so etwas wie ein Subjekt gar nicht existiert, das sind die Gefahren, die es mit sich bringt, wenn man nicht länger funktioniert, wie man es gewohnt war.

Vielleicht kündigt man dann einfach seinen Job, lässt die Ehe in die Binsen gehen oder führt sich auf, dass andere einen für vollkommen verrückt erklären. Alles nur, weil man es gewagt hat, die grundlegende Frage zu stellen. Ist die allgemein für gültig gehaltene Realität tatsächlich real?

Diese Frage zu stellen ist etwas anderes, als sich zu fragen, wie man am besten in dieser künstlich geschaffenen Realität funktionieren kann. Letzteres ist ziemlich einfach zu beantworten. Man betrachte das Relative und das gedanklich Erschaffene einfach als objektiv und substanziell. Wenn man im Nicht-Realen funktionieren will, muss man es in etwas Reales umformen. Man schlägt sich dann zwar nur mit einer relativen Wirklichkeit herum, aber das muss reichen.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Wenn man im Nicht-Realen funktionieren will … dann, „handle, als ob du der Handelnde wärest, in dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist!“ (Hans Vaihinger) Oder spiel „Oma-Verbrennen“ in dem Wissen, dass du nur so tust ALS OB du deine herzallerliebste Oma verbrennst. „Man betrachte das Relative und das gedanklich Erschaffene einfach als objektiv und substanziell. Wenn man im Nicht-Realen funktionieren will, muss man es in etwas Reales umformen.“ Klingt doch sehr vernünftig – andernfalls: „Unsere objektive Realität als subjektiv zu erkennen und – schlimmer noch – überrascht zu erkennen, dass so etwas wie ein Subjekt gar nicht existiert, das sind die Gefahren, die es mit sich bringt, wenn man nicht länger funktioniert, wie man es gewohnt war. Vielleicht kündigt man dann einfach seinen Job, lässt die Ehe in die Binsen gehen oder führt sich auf, dass andere einen für vollkommen verrückt erklären.“

Ich hatte mal so’n Drogendealer als Klienten, so’n richtig kriminellen Heini, dem der Richter auferlegt hatte, Therapie zu machen. Nach ein paar Wochen kam er gar nicht mehr aus dem Lachen raus. So richtig Therapie haben wir gar nicht gemacht. Aber wir haben viel gelacht. Er war inzwischen total clean und freute sich nur noch seines Lebens. Also, ich sag euch, ein echt dufter Typ. Er fuhr nach Hause und tanzte in der Nacht nackt auf dem Friedhof rum. Er war so richtig gut drauf. Natürlich haben sie ihn geschnappt, in die Klapse gesteckt und mit weiß nicht was für Drogen vollgepumpt. Nach einem halben Jahr kam er mal wieder zu mir. Fett und aufgedunsen, tot und verblödet. Na prima, was für ein toller medizinisch-psychiatrischer Erfolg! Also hört lieber auf den Steven, wenn er euch erzählt, wie ihr das am besten hinkriegt, falls es euch erwischen sollte. Tut so, ALS OB, spielt mit dem ganzen Scheiß rum und, wenn es sich vermeiden lässt, nehmt bloß nix ernst! Also ganz im Ernst! Die Erwachsenen sind zwar nur relativ, aber in der scheinbaren Objekt-Welt echt gefährlich.

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7 Antworten zu Steven Harrison: Wenn man im Nicht-Realen funktionieren will

  1. fredoo schreibt:

    zu Kerstin ( und jeden den es interessieren könnte ) 😉 :

    wenn sich das erstemal dieses „AHA“ offenbart hat ( und sich damit das Wunder der Unmittelbarkeit im höchst simplen Alltag zeigte ) findet bei vielen im weiteren etwas statt , was man mit dem Zauber der Verliebtheit vergleichen kann … Mal länger mal kürzer auf dem Zeit-Raum-Horizont erscheinend … Und in seiner Erscheinung oft alles anderer „beiseiteschiebend“ … Diese Tiefe der „Simplizität“ ist ja auch atemraubend … gerade wegen ihrer völligen Simplizität ( hat man doch höchst gravierende , erhöhende Spektakulosien erwartet ) und trägt einen auf Wolken in ihrer „befreiend“ wirkenden Qualität … plötzlich befreit von all den Vorstellungen eines besonderen Ereignisses mit jubilierenden Engelchören und gesteigerten Bewusstheiten , oder ähnlichen Hoffnungsabstrusitäten zeigt sich die „banale“ Simplizität … in ihrer schlichten Schönheit …
    Für mich , werte Kerstin … ein Wunder … zuvor stets übersehen , wohl abgelenkt durch die Faszinationen der Objekte einer Lebensgeschichte … doch jetzt plötzlich deutlich geworden … dadurch , das dessen „Wirklichkeit“ unleugbar wurde …
    Eine Unleugbarkeit , die selbst in erneuten Faszinosien , in ihrer Unleugbarkeit Bestand gehalten hat …
    Nix hat sich verändert ( an diesen Faszinationen ) , nur eines „durchdringt“ diese Faszinosien seit dem „AHA“ ( und lässt sie tatsächlich , wie du ja auch erwähnst , seltsam „entmachtet“ erscheinen ( übrigens bei mir bis heute und ich denke und hoffe bis zum letzten Schnaufer ) — diese „schlichte Unmittelbarkeit“ enttarnte sich selbst als das „Eigentliche“ und dieses Faktum ( ! ) kann einfach nicht mehr be-zweifelt werden , weil dies „Eigentliche“ nix anderes wie das (einzig) EINE ohne ein zweites ist … ( was für pompöse Worte für so ein schlichtes DA )
    Zweifel jedoch bedarf der Zwei-heit … Was diese „Offenbarung“ betrifft > no chance ! anymore …
    Dadurch entsteht etwas , was ich gerne „die Nabelschnur zum Eigentlichen“ nenne … ( und was du ja von mir schon im Weltinnenraum lesen konntest 😉 )
    Auch wenn die Fasziniosien weiter faszinieren und ihren Ablenkungszauber inszenieren , bleibt da jetzt stets und unzerstörbar ein seltsames „Grundgefühl“ , diese Erinnerung an eine Einzigartigkeit > an das erstmalige Auftauchen im eigenen Leben von völliger Unbezweifelbarkeit ! … gerade besonders erstaunend ob ihrer völlig unspektakulären , schlichten Präsenz … Und dieses Staunen begleitet nun als eine Art „Grundton“ das weitere er-scheinende (Er)Leben … Und genau das lässt den Kontakt zu diesem „spüren sie es ?“ weiter bestehen …
    Dieser kurze MOMENT der Leere ( halt leer von Faszinosien ) bleibt unvergessbar , da er halt ohne jeden Zweifel – einfach – so – simpel – unmittelbar – unter all dem all-täglichen Erscheinungen „be-gründenden“ Bestand behält … Auch wenn das Glitzern der Welt den Verstand und die Sinne bezaubert , bedarf es nur eines kurzen „inneren Verweilens der Aufmerksamkeit“ und diese > Unmittelbarkeit wird wieder – unmittelbar – als stets – unmittelbar vorhanden …. bemerkt … fein das 😀 … doch weit entfernt von all den Erwartungen von Besonderheiten eines „Erwachens“ … auf die ich ja so gerne immer wieder aufs neue hingewiesen hatte , und was dich in all den Jahren ja auch oft bei Herrn fredoo und seinen Schwatzereien ärgerlich werden lies … und wie fein erst das ! … es war , und ist mir eine Freude , werte Kerstin mit Dir … 😀

    Gefällt 3 Personen

  2. Kerstin P. schreibt:

    „bedarf es nur eines kurzen „inneren Verweilens der Aufmerksamkeit“ und diese > Unmittelbarkeit wird wieder – unmittelbar – als stets – unmittelbar vorhanden …. bemerkt … fein das 😀“

    Wunderbar beschrieben Fredo, DANKE dafür.
    Es ist ein Unterschied, ob man „DIES“ erinnert (im Verstand) oder im hier und jetzt als das SoSeiende in Anwesenheit wahrnimmt.
    Vor dem, was mich letzte Woche ereilte „kannte“ ich ja das „schwarze Nichts“, das IchBin, was weiß ich alles, nur war ich getrennt davon durch meinen Verstand, der eben immer darauf gewartet hat, dass der Mann mit den Erbeeren kommt und ich sie DANN esse.
    Ich wusste nicht, dass die Erdbeeren IMMER schon hier waren/SIND!

    Ich „hing“ an dem IchBIn, wie es sich im Moment des Wegfalles von Welt und mir als inneres Bild – Erleben (!) zeigte.
    Eben als weiter offener endloser Raum, der ich bin.
    Dann hat sich meine Welt in unüberbrückbare Zweiheit getrennt.
    In „dort“ – wo das Ichbin ist – im Geist und in hier, wo ich armes Schwein mich im Dreck suhlen muss, bis mich „Gott“ endlich wieder ins IchBin zurückholen würde.

    Ich vermute, dass ich daher den Drang habe diese Videos zu machen und so detalliert von meinem Alltag erzähle, weil ich weiß, dass das, was du Fredo hier schreibst und das, was ich darüber schreiben kann einen Menschen, der auf der Suche ist in den Wahnsinn treiben kann.
    Man weiß doch nicht was gemeint ist, wenn man Fisch im Wasser ist und das Wasser sucht, von dem man glaubt es müsste sich golden zeigen und nicht so, wie es ist in seiner Natürlichkeit.

    Vielleicht hebt Gott uns deswegen einen Augenblick aus dem Wasser, in einer Nahtoderfahrung oder in den offenen Raum, damit wir dann, wenn wir zurück ins Wasser kommen, das Wasser endlich mal bemerken?

    Ach wer weiß.
    Ich komme ins Schwatzen 😉

    Wünsche euch allen ein schönes Wochenende im Wahrnehmen des Wassers oder auch nicht.
    Einfach schwimmen oder rumplanschen ist auch schön.
    Vor allem aber TRINKEN – aaaahhhhhhh 😉

    lieben Gruß und tausend Dank an Nitya für all seine Tätigkeit als Durstlöscher ❤

    Gefällt 4 Personen

  3. fredoo schreibt:

    ein weiteres Beispiel dieser seltsam „wundervollen“ Musik mit einem nicht berührtem Instrument …

    Gefällt 3 Personen

  4. fredoo schreibt:

    Kerstin schrieb : „“Es ist ein Unterschied, ob man „DIES“ erinnert (im Verstand) oder im hier und jetzt als das SoSeiende in Anwesenheit wahrnimmt.“““

    Genau das ist der Casus Cnaksus , werte Kerstin …
    Alles was erinnert wird , ist stets nur (indirekte) Geschichte voller Vorstellungen und Konstrukte .
    Was jedoch (immer wieder aufs neue) „bemerkt“ werden kann , wird zur Quelle einer „Ver-Ge-Wisserung“ …
    Eine „Ver-Ge-Wisserung“ die jedoch nicht weiß , schon gar nix sicheres , sondern lediglich im völlig Chaotischen des „sich gerade ereignens“ das stets „Zugrundeliegende“ – bemerkt ….

    Sorry , an die Mitleser , auch dies „bemerken“ ist hier nur eine Hilfs-Vokabel im Kontext eines eigentlich un-wörterbaren Geschehens von Unmittelbarkeit und soll lediglich einen Duft vermitteln von diesem schlicht un-aussprechlich Banalen , was wir alle seit frühester Kindheit aus Gewohnheit der Faszination durch „Besonderes“ gelernt haben zu übersehen … und was uns so lange hat leiden lassen … nicht am Mangel von etwas … sondern an der Sehnsucht nach diesem uns allen bereits völlig vertrauten – einfachen SoSein , was wir … irgendwie … nur vergessen hatten …

    Gefällt 5 Personen

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