Rumi: Schlaf Kindchen, schlaf …



Schlaf weiter! 

Jene, die diese Liebe nicht wie ein Strom mitreißt,
jene, die diese Morgendämmerung nicht
wie einen Becher reinen Quellwassers trinken
oder den Sonnenuntergang wie ein Festmahl genießen können,
jene, die sich nicht ändern wollen –

 lass sie schlafen!

 Diese Liebe ist jenseits des Studiums der Theologie,
dieser alten Bauernfängerei und Scheinheiligkeit.
Wenn du auf diese Weise weiterkommen willst,

 schlaf weiter!

Ich habe meinen Verstand aufgegeben.
Ich habe meine Kleider in Fetzen gerissen
und sie weggeworfen.
Wenn du nicht vollkommen nackt sein kannst,
verhülle dich mit einem schönen Kleid aus Worten

 und schlaf!

Ein Leben ohne Liebe ist bedeutungslos.
Liebe ist das Wasser des Lebens.
Trinke es ganz, mit Herz und Seele!

Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī

Nisargadatta wird u.a. gern mit diesem Hinweis zitiert: „Die Liebe sagt, Ich bin alles, die Weisheit sagt, Ich bin nichts. Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.“ Als Osho einmal gefragt wurde, welchen Weg er empfehlen würde, den Jnana-Weg oder den Bhakti-Weg, antwortete er, wenn ich das recht erinnere: Ein Weg führe ganz von selbst in den anderen. Er würde jedoch empfehlen, mit dem Jnana-Weg zu beginnen, weil über die Liebe so viele Missverständnisse existierten, dass man dabei leicht auf einen Irrweg geraten könne. Das Gedicht von Rumi steht ganz am Ende eines langen Weges und es schließt ganz selbstverständlich das mit ein, was als Jnana-Weg verstanden wird.

Rumi bringt in seinen letzten Zeilen die Quintessenz seines Lebens zum Ausdruck: „Ein Leben ohne Liebe ist bedeutungslos. Liebe ist das Wasser des Lebens. Trinke es ganz, mit Herz und Seele!“ Aber das ist seine Erfahrung, ganz seine Erfahrung, und so billigt er jedem anderen ganz selbstverständlich zu, seinen Weg zu gehen und seine ureigenen Erfahrungen zu machen. Wie hätte er seinen ureigenen Ausdruck, seinen Duft verhindern können? Jeder von uns muss sich auf seine Weise ausdrücken. Alles, was nicht einfach absolut nackt ist, ist nichts als Schlaf, sagt Rumi. Er nennt es Schlaf, und weiß doch, dass keiner anders sein kann als er ist, und so sagt er: Schlaf ruhig weiter. „Schlaf weiter!“ ist so etwas wie ein Erlauben und ein Weckruf zugleich, die er als kleines Glöckchen in den Wind gehängt hat.

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11 Antworten zu Rumi: Schlaf Kindchen, schlaf …

  1. Nitya schreibt:

    Das möchte ich euch nicht vorenthalten,
    damit ihr euch auch daran freuen könnt. Hoffentlich 😀

    Liebe Kerstin, ganz herzlichen Dank dafür!

    „Das bedeutet gar nichts!“ Hach ist das schön!
    Das ist totale Feiheit: Das bedeutet gar nichts!

  2. Peter schreibt:

    …pooh….Tiefgang, berührend und wie wahr. Wundervoll, liebe Kerstin und Danke dafür.

  3. fredoo schreibt:

    Jnana … das gedanklich/konzeptionelle „in Kontakt geraten“
    Bhakti … das emotional/intuitive „in Kontakt“ geraten …
    nichts davon ist wohl besser oder wichtiger ..
    einfach nur zwei Seiten einer Münze …
    die erst zusammen diese ergeben …

    So muss der Jnani wohl noch durch das Nadelör von Bhakti …
    aber nicht als Tat , sondern als Aus-Wirkung …
    Die manchmal bei Mancheinem sich ergebende plötzliche Implosion des Dauer-Denk-Konzeptens ist nix anderes (in Aus-wirkung) als Verschwinden in Bhakti …
    Denn das was da „übrigbleibt“ in diesem Kollaps des durch Denken be-greifen wollens , in dieser Implosion der Konzepte von „ich und die Welt“ , ist ja nix anderes wie die totale Hingabe an das , was halt gerade beliebt zu „sein“ .
    Keine höheren Sphären zeigen sich da , keine jubilierenden Engelschöre , keine Offenbarung des Göttlichen ( als etwas neues noch nicht erreichtes ) geschieht .
    Sondern in der oft durch Verblüffung begleitenden „Hineingleitung“ in das Stink-Normale , in seine schlichte , simple , unentrinnbare Unmittelbarkeit , die halt einfach nur endlich mal >bemerkt wird ,
    zeigt sich das uns alle schon seit Anfang der Zeiten begleitende „Eigentliche“ , was sich halt in diesem >ichBIN erstmal entfaltet , und auch alles weitere durchdringt …
    Mir will da sogar die Vokabel „Liebe“ einfallen . Jedoch keine Liebe zu jemand oder zu etwas hin , sondern eine Liebe , die sich selbst genug ist , also sich letztlich selbst liebt .

    Und da , wo es in einer individuellen Geschichte mit Hingabe beginnt , muss wohl auch noch die Versöhnung mit dem „betrachtenden“ Impuls geschehen .
    Ich selber bin wohl stets auf der Jnani-Spur unterwegs gewesen .
    Zumindest sieht es im Nachhinein so aus als ob.
    Ich habe aber auf der Reise in die „eigene“ Lebensgeschichte hinein , immer wieder auch mal welche getroffen , die „andersrum“ unterwegs waren.
    Und von ihrer Version zu hören , war mir immer besonders spannend …
    und ist es noch heute …

    😀

    • Nitya schreibt:

      „Mir will da sogar die Vokabel „Liebe“ einfallen . Jedoch keine Liebe zu jemand oder zu etwas hin , sondern eine Liebe , die sich selbst genug ist , also sich letztlich selbst liebt .“

      Howgh, der Jnani hat gesprochen.

      Hier also noch einer aus der anderen Fraktion:

      Es gibt keine andere Befreiung für die Seele als sich zu verlieben.
      Sie muss sich zuerst unter die Liebenden mischen.
      Nur Liebende können den beiden Welten entrinnen –
      dies wurde so in die Schöpfung geschrieben.
      Nur vom Herzen aus
      kannst du den Himmel erreichen.
      Die Rose der göttlichen Herrlichkeit
      kann nur im Herzen erblühen.

      Rumi

  4. Ayni schreibt:

    „When you change the way you look at things,
    the things you look at change.“~Wayne Dyer

    Und wenn nicht, nehmen Wir es lediglich nicht wahr……Na & ?!
    ¡Olé! & Es lebe das Jnana~Paradox im Kontext von Bhakti.
    :https://www.youtube.com/watch?v=IGwnOuUO3K4

    Mamasté Pachamama

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