Huang-po: Ja, ja, nicht nur der Ingenieur hat’s schwör …


Einst besuchte unser Meister eine Versammlung der kaiserlichen Salz-Kommission, bei der auch der Kaiser T’ai-chung als Shramanera anwesend war. Dieser sah den Meister in der Halle der Verehrung treten und sich dreimal vor dem Buddha niederwerfen. Darauf fragte er ihn: „Wenn wir nichts von Buddha, Dharma oder Sangha erwarten sollen, was wollt ihr dann, ehrwürdiger Meister, mit solcher Verehrung erreichen?“

„Wenn ich auch nichts von Buddha erwarte“, antwortete der Meister, „und auch nicht von Dharma oder Sangha, so ist es doch eine Gewohnheit, in dieser Weise Ehrfurcht zu bezeugen.“

„Aber wozu soll das gut sein?“ bohrte der Shramanera weiter, worauf er plötzlich einen Schlag erhielt.

„Oh“, rief er aus, „wie grob Ihr seid!“

„Was ist das?“ schrie der Meister. „Man stelle sich vor, hier wird ein Unterschied zwischen höflich und grob gemacht“, und er gab ihm einen zweiten Schlag, woraufhin der Shramanera sich davon machte.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Huang-po verprügelt den Kaiser. Der lässt den Huang-po nicht etwa hinrichten, sondern zieht den Schwanz ein und schleicht sich davon wie ein verprügelter Hund. Der Kaiser war ein sog. Shramanera, das bedeutet, er war noch ganz am Anfang seiner buddhistischen Karriere, musste jede Menge Gelübde ablegen und versuchen, diese gewissenhaft einzuhalten. Deshalb nahm er alles wortwörtlich und sehr genau. Eines seiner Gelübde war es wohl, nichts von Buddha, Dharma oder Sangha  zu erwarten. Nun sieht er Meister Huang-po dabei, wie er sich dreimal vor dem Buddha niederwirft. Nichts geschieht ohne Grund, muss sich der Shramanera gedacht haben. Huang-po erwartet wohl etwas von Buddha, wenn er das tut. Ha, denkt der Kaiser weiter, da hab ich den Meister doch glatt bei einem Fehler ertappt. Und er freut sich, dass er schon weiter war als der Meister.

Anstatt aber von diesem Huang-po die verdiente Anerkennung zu kriegen, erklärt ihm dieser komische Kerl, dass das einfach eine Gewohnheit von ihm sei, sich vor dem Buddha niederzuwerfen. Das ist doch keine Erklärung, begehrt der Shramanera auf und bohrt weiter: „Aber wozu soll das gut sein?“ Was anderes kann er sich einfach nicht vorstellen. Was immer er tut, muss einen Nutzen haben. Einfach aus Gewohnheit, nee, das kauft er ihm nicht ab.

Und jetzt wird der Kerl auch noch primitiv und brät ihm eine über! Anstatt seinen Fehler zuzugeben, prügelt er rum! Und sowas schimpft sich Meister! Der Shramanera beschwert sich also mit Nachdruck über seine Grobheit.

Und wieder zeigt der Kerl keinerlei Einsicht, sondern geht brüllend auf ihn los: „Was ist das? Man stelle sich vor, hier wird ein Unterschied zwischen höflich und grob gemacht.“ Und wieder kriegt der Kaiser Prügel. Jetzt hat er die Nase voll und zischt ab. Gelernt hat er bei der ganzen Geschichte anscheinend nullkommanix. Wieso soll er in drei Teufels Namen keinen Unterschied zwischen höflich und grob machen dürfen? Der ist doch völlig verrückt, der Kerl. Oder ist vielleicht der ganze Buddhismus Quatsch? Vielleicht sollte er alle ihre Tempel niederbrennen und diese Irren auspeitschen lassen. Schließlich ist er ja der Kaiser. Professor Theodore Zeldin von gestern hätte jedenfalls volles Verständnis für ihn gehabt.

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