Thomas Fischer: Nichts in unserem Leben ist zufällig


Ohne Moral jedenfalls ist Strafrecht nicht denkbar. Aber auch nicht ohne Herrschaft, Gewalt, Streit um Legitimation. Man mag viele verschiedene Theorien vertreten zu der Frage, ob ein Verstoß gegen die Hackfleisch-Verordnung (Pflicht zum Schockfrosten von unverkauften Bratwürsten) mit einer Höchst-Geldbuße von einhundert oder von einhundert Millionen Euro sanktioniert werden sollte. Das ist, außer den Bratwurst-Verkäufern, den meisten Menschen egal. Aber man muss sich darüber öffentlich unterhalten, ob man Schwule oder Ehebrecherinnen steinigt, Pädophile ohne Schuld lebenslang einsperrt, das Töten von anderen Menschen als ein allerschlimmstes oder als ein durchschnittliches Verbrechen einordnet, ob man das Wegnehmen von fremdem Geld oder das Anfassen von fremden Körpern schlimmer findet und ob man über all dies im Einzelfall lieber noch mal reden möchte. All das und noch viel mehr ist „Strafrecht“.

Wir Menschen können – anthropologisch, evolutionär, also „natürlich“ – nicht leben ohne „Verantwortung“, Zuschreibung, „Schuld“ für Abweichung. Daraus ergibt sich freilich mitnichten eine spezielle Form der Definition, Zuweisung und Vollstreckung von Verantwortung. Nichts in unserem Leben ist zufällig im Sinn von „bedingungslos“, und sehr wenig vermutlich ist Resultat der Leistungen individueller Entscheidungen. Dieser schmale Rest genügt, um uns ein Leben lang auf Trab und im erregten Entscheidungsmodus zu halten, selbst wenn wir in Wahrheit gar nichts zu entscheiden haben.

Und das ist gut so. Denn nichts ist „naturwüchsig“ in der Gesellschaft und nichts zwangsläufig. Man kann Gegenwart und Zukunft gestalten. In dieser Zeit, da eine suizidal anmutende Theorie das Strafrecht als Freiheits-Gewährleistungsrecht an jeder neu erfundenen „Lücke“ aufzugeben bereit zu sein scheint, dieweil seine Gegner eine Morgenröte des ganz und gar „sicheren“ Staats herbeizufaseln suchen und als angebliche Vollendung einer „Technik“ (vulgo: Digitalisierung) feiern, die ihnen als eine Erneuerung der Natur erscheint, ist es erforderlich, nicht nachzugeben.

Wenn der Begriff des „Projekts der Moderne“ heute oft nur mehr als Ironisierung in einem höhnischen Abgesang verwendet wird, scheint mir dies vorschnell und in schrecklichem Maß überheblich. Man muss dem Sog zum Totalen, zum Sicherheitsstaat, zur Einheitsfront der tatsächlich und eingebildeten Reichen gegen die Armen widerstehen. Das gilt auch und gerade für das Strafrecht.

aus: Thomas Fischer, „Fischer im Recht“
Prof. Dr. Thomas Fischer, als Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Vorsitzender des 2. Strafsenats, ging jüngst vorzeitig in den Ruhestand. Gleichzeitig stellt er bei ZEIT ONLINE seine Kolumne „Fischer im Recht“ ein. Zu meinem großen Bedauern, muss ich hinzufügen. Thomas Fischer verabschiedet sich, und ich vermute, viele seiner Kollegen und Vorgesetzten werden drei Kreuze über seinen Abgang machen. Thomas Fischer ist ein brillanter Jurist und eine göttliche Nervensäge. Und genau Letzteres macht ihn mir so sympathisch und verdient aus meiner Sicht einen goldenen Lorbeerkranz. Da ich es ja von Geburt an mit einem Juristen zu tun und dadurch genug Gelegenheit hatte, ausgiebig hinter die Fassade eines solchen zu gucken, rangierte dieser Berufsstand in meiner Werteskala irgendwo ganz weit unten. Tiefer ging eigentlich fast schon gar nicht mehr. Irgendwann machte mich jemand auf die Kolumne „Fischer in Recht“ aufmerksam und ich war einerseits ziemlich unwillig, mich mit so einem Schrott abzugeben, andererseits plante ich, den juristischen Schmierfink zumindest im Geiste in der Luft zu zerreißen. Als ich dann zu lesen anfing, kam ich aus dem Grinsen überhaupt nicht mehr heraus. Von wegen „in der Luft zerreißen“ – ich war einfach begeistert. Ich hatte es ja schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt. Sowas gibt es also auch: Jurist – Beamter – und dann ein brillanter Kopf, der sich offensichtlich nie vor wem oder was auch immer ducken wollte, sondern allen Schwachköpfen zeigen konnte und auch zeigte, wo der Barthel den Most holt. Vorgestern hatte ich einen Beitrag über den Krieger gebracht. Gerd-Lothar Reschke ist so ein Krieger und Thomas Fischer auch.

Im Tagesspiegel vom 1.Mai war zu lesen: „Als besonders dämlich gelten ihm Journalisten, deren Fehldeutungen er sprachmächtig zerlegt. Warum er das alles macht, trotz richterlicher Verantwortung, trotz Mäßigungsgebot, wurde er mal gefragt. „Weil ich es kann.“ Das kennen wir ja … „Warum leckt der Hund seine Eier?“ Die letzten Idioten benützen diesen Satz genauso wie der von ihnen angenervte, nunmehrige Ex-Bundesrichter. Da muss wohl zu den Eiern noch ein bisschen was dazukommen, damit dieser Satz irgendwie einen annehmbaren Sinn bekommt. Wenn mir der Boxweltmeister eine auf die Glocke hauen würde, um mir anschließend was von seinen Eiern zu erzählen, wäre ich vermutlich nicht sonderlich amüsiert. Wenn ich einen Pianisten frage, warum er sich an den Flügel setzt, und er mir antwortet: „Na, weil ich Klavierspielen kann“, dann fände niemand daran irgendetwas komisch. Wenn aber irgendwelche gekauften Journalisten ihren Mist absondern und sie daraufhin so ein blitzgescheiter Typ wie der Thomas Fischer abwatscht, dann tut er das nicht nur, weil er das kann, sondern weil er aufgrund seiner Intelligenz fast dazu verpflichtet ist. Das ist schon merkwürdig, wie die Menschen mit ihresgleichen umzugehen pflegen, die intelligenter als sie selbst sind. Anstatt sich darüber zu freuen, dass sie einem intelligenteren Menschen begegnet sind und ihm einfach zuzuhören, um ihren Horizont etwas zu erweitern, bewerfen sie ihn von allen Seiten mit Schmutz. Ich hab das nie verstanden. Ich war immer hocherfreut, wenn ich jemandem begegnet bin, von dem ich etwas lernen konnte.


Wie ihr in dem Video schön hören konntet, ist Thomas Fischer mit 16 von daheim abgehauen, hat sich irgendwann von der Schule verpisst, hat rumgejobbt, seinen Kriegsdienst verweigert, hat Musik gemacht, wollte Schriftsteller werden , … kurz, er war drauf und dran, sich am Rande oder außerhalb der Gesellschaft anzusiedeln, die ihm wohl insgesamt ziemlich suspekt erschienen sein muss. Und dann reißt er das Steuer herum, macht sein Abi, studiert und wird ein Star-Jurist, dem niemand das Wasser reichen konnte. Seiner inneren Haltung scheint er dabei immer treu geblieben zu sein. Das gibt’s! – Kaum zu glauben. Ein echter Krieger. Ich erhebe mein Glas auf ihn und wünsche ihm noch ein aufregendes Kriegerleben.

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Und mir wünsch ich,
dass er frei von jeder Amtsbürde
wieder von sich hören lässt.

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3 Antworten zu Thomas Fischer: Nichts in unserem Leben ist zufällig

  1. Ayni schreibt:

    “ Thomas Fischer ist ein brillanter Jurist und eine göttliche Nervensäge.“
    Chapeau ! ……eine mehr als bemerkenswerte & erstaunliche Kombination bei diesem verantwortungsvollem Berufsstand.
    Ich wünsche mir Politiker derartiger~seiner Brillanz.

    CHi(ə)rz

  2. Inge schreibt:

    Schön, danke dass ES so jemanden wie diesen Menschen gibt.

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