Günter Wohlfart: Apropos Angst vor dem Tod

 

Angst wovor? Ist die Angst vor dem Nichts nach dem Tod nicht eine Angst vor nichts? „Das allerschrecklichste Übel, der Tod, geht uns also gar nichts an, weil er nicht ist, wenn wir sind, und wir nicht mehr sind, wenn er ist. Also betrifft er weder die Lebenden noch die Toten…“, wie schon der alte Epikur in seinem Brief an Menoikeus gesagt hat. Und der junge Wittgenstein folgt ihm: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“ In einem todes- bzw. lebenswichtigen Punkt waren übrigens die beiden alten Thanatologen, die Todesforscher Epikur und Zhuangzi einer Meinung: Der Weise negiert nicht das Leben, noch fürchtet er, nicht zu leben. Er lehnt zwar das Leben nicht ab, aber nicht zu leben, hält er auch nicht für ein Übel.

Kleine Vinosophia, um diese Wortschöpfung eines alten Philosophen-Freundes zu borgen, der Weinhändler geworden ist: am Ende kommt es auf den guten ‚Abgang‘ an. Versuch, den bitteren Nachgeschmack zu vermeiden! Und wie?  Versuche guten Mutes die Wahrheit, die im Wein deines Lebens liegt, herauszuschmecken, zu goutieren und in deinem Leben wahr zu machen. Aber vielleicht geht es dem feigen Schreiber dieser Zeilen am Ende ja doch wie Derrida, der kurz vor seinem Tod im Blick auf das oben zitierte Wort von Montaigne sagte, er sei unbelehrbar, was das Sterben angeht. Kein Zweifel: Philosophie ist Lebensweisheit, oder um die etwas ältlich anmutenden Begriffe ‚Weisheit‘ und ‚Weiser‘ zu vermeiden: Philosophie ist Lebenskunst, ars vivendi – et moriendi, Lebenskunst und Sterbenskunst. Epikur hatte Recht: die Sorge um ein gutes Leben und um ein gutes Sterben ist ein und dieselbe. –  Ob es wohl ein Zufall ist, dass man das Stichwort Lebenskunst im Historischen Wörterbuch der Philosophie vergeblich sucht? – von der Sterbenskunst ganz zu schweigen; kein Sterbenswörtchen!

aus: Günter Wohlfart, „Moralphilosophische SPLITTER“

Das allerschrecklichste Übel, der Tod, geht uns also gar nichts an, weil er nicht ist, wenn wir sind, und wir nicht mehr sind, wenn er ist. Also betrifft er weder die Lebenden noch die Toten…“, sagt also dieser Epikur. Cicero hat den epikuräischen Weisen so beschrieben: „Er hat seinen Begierden Grenzen gesetzt; er ist gleichgültig gegen den Tod; er hat von den unsterblichen Göttern, ohne sie irgendwie zu fürchten, richtige Vorstellungen; er nimmt keinen Anstand, wenn es so besser ist, aus dem Leben zu scheiden. Mit solchen Eigenschaften ausgerüstet, befindet er sich stets im Zustand der Lust. Es gibt ja keinen Augenblick, wo er nicht mehr Genüsse als Schmerzen hätte.“ Ja, die Philosophen. Sie machen sich so ihre Gedanken über Gott und die Welt, ziehen dann ihre Schlüsse daraus und versuchen, sich ihren Schlüssen gemäß zu verhalten, oder – noch besser – sagen den anderen, wie sie sich zu verhalten hätten, um als weise zu gelten. „Der Weise hat von den Göttern richtige Vorstellungen …“ Ja, das ist es, worum es ihnen geht: Um ihre Vorstellungen. „Der Tod ist nicht, wenn wir sind, und wir sind nicht mehr, wenn er ist.“ Eine griffige Aussage. Klingt sehr plausibel, aber entspricht es der Wahrheit? Hat Epikur diese Wahrheit je überprüft oder ging es ihm nur darum, als Weiser dazustehen und Sätze zu fabrizieren, die man auf jeder Party gebildeter Griechen zum Besten geben konnte?

Ich denke gerade an das tibetische Totenbuch, auch „Bardo Thödröl “ genannt, von Padmasambhava oder an „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyal Rinpoche. Die haben sich noch richtig Mühe gegeben, hinter das Geheimnis des Todes zu kommen. Dies war nur möglich, indem sie sich selbst veränderten und so ihre Wahrnehmungsfähigkeit für feinstoffliche Erscheinungen erweiterten. Der Leser dieser Bücher wird eine Menge Informationen bekommen, die den guten Epikur ziemlich alt aussehen lassen. Aber er wird denselben Weg wie die Autoren dieser Bücher gehen müssen, um zu eigenen authentischen Aussagen kommen zu können.

Ich bin diesen Weg nicht gegangen. Es war einfach nicht meins. Ich hab’s nicht so mit den ganzen Theorien über den Tod, ich hab’s nicht mit Reinkarnation. Haben die ollen Ch’an-Heinis sich je dazu geäußert? Sie sind bestimmt auch danach gefragt worden. Ich unterstelle mal, dass sie dem Fragenden nur eine Tracht Prügel verabreicht haben. Leben ist immer nur jetzt. Wen kümmert, was morgen vielleicht erscheinen wird? Jesus soll gesagt haben: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage. (Mt 6,34) Und Heraklit meinte: „Lasst uns keine beliebigen Vermutungen anstellen über die höchsten Dinge.“ Was im Prinzip auch nichts anderes bedeutet als das Eingeständnis von Sokrates, nicht wirklich wissen zu können.

 

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13 Antworten zu Günter Wohlfart: Apropos Angst vor dem Tod

  1. chantaltalia schreibt:

    Lieber Nitya
    einen 1. Mai Gruss aus Zürich. Ich lebe noch, aber der Körper schmerzt beim Aufstehen, die Beine fühlen sich schwer an. Dann kommen schnell mal Gedanken auf, ist das jetzt meine verkörperte Wirklichkeit? Du kennst das ja auch!
    In deinem Blog zu lesen ist eine wunderbare Ablenkung und geistiges Futter. Aber zum selbt Schreiben treibt mich nichts an. Was soll ich hinzufügen, wenn mir keine originellen Gedanken dazu kommen.
    Zwei Kohlmeisen, die bei mir am Fenster, oben wo der Rolladen befestigt ist, in einer für das Auge nicht sichtbaren Niesche, haben sich dort ein Nest gebaut. Ich freue mich an ihrem Dasein und habe sie während der kalten Tage mit gekochten Eiern und weichen Kernen durchgefüttert. Das Futter legte ich in ein Vogelhäuschen, das ich auf dem Fenstersims mit einer Schnur anbrachte, das es nicht runter fiel. So konnte ich sie von ganz nahe beobachten. Nahrung für die Augen!!!
    Herzgruss vom Leben!
    Chantal

    Und hier noch ein Video, was ich zu deinem heutigen Text passend finde.

    Gefällt 3 Personen

  2. fredoo schreibt:

    zu chantal … ( fein von dir zu lesen 😀 )

    worin ist man denn geborgen , wenn man jung ist ?
    fredoo denkt > in das vertrauen ein fürsorgliches leben zu erwarten …

    worin ist man geborgen , wenn man (frau) älter wird ?
    fredoo denkt > in die seltsame gewissheit , dass auch ( oder gerade ? ) der schmerz und die begrenzungen des alters eine form der lebendigkeit sind .
    denn (noch) ächzt und stöhnt ja die olle organismus-maschine und zeigt genau damit ihr „lebendigkeit“ …

    letztlich war doch dieser „schmerz“ der lebendigkeit von anfang an nicht anders … die organismus-maschine scheint schon immer dieses zu verursachen … die jugend ist nur so intensiv erfüllt von faszination , dass es ganz einfach übersehen wird , dieses „ächzen“ und „stöhnen“ der maschine …
    wie ein oller dampfkessel macht sie halt ihre „gefühls“-geräusche …
    das absinken der faszinations in den älteren jahren , lässt nur das zugrundeliegende erheblich unverdeckter „auftauchen“ … doch letztlich begleitet das uns alle vom moment der geburt an … die erste reaktion des babys , unmittelbar in dies „ächzen und stöhnen“ eintauchend , ist ja fast immer die selbige … erst ablenkung durch faszination oder erschöpfung gibt da eine gewisse ruhe …

    ( und wenn dies nicht stimmen sollte , so hat es doch zumindest für mich eine gewisse trostpotenz .. 😉 )

    Gefällt 4 Personen

    • chantaltalia schreibt:

      Hallo Fredo, danke für deine wie immer origenellen Gedanken“. Gebe es mal vereinfacht in einem Satz wieder „Altern ist eine Herausforderung, die jung hält.“ 🙂

      Gefällt mir

  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Dir und allen Anderen auf dieser Seite ,
    wünsche ich ,
    eine quicklebendige Maienzeit . .
    Herzliche Grüße
    Punito

    Zur Hölle mit dem Wind !
    Verdammter Regen !
    Ich erkenne keinen Buddha an !
    Ein Schlag wie der Blitz –
    Eine Welt dreht sich in ihrer Angel .
    ( Nampo Jomyo 29.12.1308 )

    Der letzte Atemzug !
    Jetzt-Hier !
    Dieses
    Jenseits-Entfleuchen !
    Der Ego
    Ewigkeitvorstellung
    Todesstoß !
    ( Punito )

    Wenn es Nacht wird
    Wenn die Welt in Ruhe liegt
    Dann findest du mich
    An dem Ort, den ich am besten kenne
    Da tanze ich und rufe
    Und fliege zum Mond
    Mach dir keine Sorgen
    Denn ich bin schon bald zurück
    ( Paul Kalkbrenner )

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