Konrad Kustos: Die Moderne hat das Rad neu erfunden – viereckig

 

Bestenfalls in Form des Brechtschen V-Faktors als selbstverständlich intellektuell  gesteuerte Verfremdung darf das Unterbewusste noch mitspielen im Konzert der reinen Geistmenschen. Bis heute lebt die Moderne von diesem Anspruch, und wieder wagt es niemand, dem Kaiser zu sagen, wie unzureichend er gekleidet ist. Von Siegfried Kracauer stammt der schöne Satz: „An das Nichtmalenkönnen werden – seit es eine eigene Kunstform geworden ist – immer höhere Anforderungen gestellt.“

Kein Wunder, dass ein solches die Kunst ersetzendes Kunstprodukt auf die Unterstützung der von Oligarchen und Kritikern vertrauen muss – und kann. Sollte man nicht angesichts der Gräueltaten, die die Moderne an einem ganzheitlichen Kulturverständnis begangen hat, von modernder Kunst sprechen oder dann gleich auch noch das ‚r‘ zwei Stellen nach links verschieben? Eine moderne Kunst ist umso dekadenter, je aufklärerischer sie sich versteht, weil sie sich dabei von ihren intuitiven Wurzeln entfernt.

Wie viele andere Fehlentwicklungen wird das durch mangelnde Kommunikations- und Kritikfähigkeit befördert. In der inzestuösen Kulturszene wird nicht miteinander, sondern übereinander und voneinander geredet. Individueller Erfolg wird über Selbstdarstellung angestrebt statt über einen Wunsch nach Erkenntnis (kognitiver wie transzendenter Art) und über die Qualität des Kunstprodukts. Das konstruktive Streitgespräch weicht dem selbstüberzeugten Monolog. Innovation entsteht bestenfalls noch um der Innovation willen.

aus: Konrad Kustos, „CHAOS mit SYSTEM“

Religion ist ein hübsches Thema. Kunst als Thema ist mindestens genauso hübsch. Auch wenn ich euch allen mit meinem Butz auf den Keks gehen sollte, ich kann einfach nicht anders, als ihn immer wieder zu erwähnen. Heinz Butz empfahl uns gerne die alte Pinakothek in München oder etwa das Pergamonmuseum damals in Ostberlin. Dort sollten wir Skizzen von Bildern und Skulpturen der alten Meister machen und ihre Maltechniken erforschen. Ansonsten, ich schrieb es schon des Öfteren, war ihm wichtig, dass wir nach der Natur zeichneten und es auf eine meditative Weise taten. Er erzählte gerne Geschichten von den alten Zen-Malern oder etwa von den Zen-Meistern in der Kunst des Bogenschießens. Kunst und Religion waren bei ihm noch ganz nah beieinander und eigentlich überhaupt nicht zu trennen. Er liebte das Bauhaus und hier wiederum ganz besonders Paul Klee und Wassily Kandinsky. Er ging gewissermaßen mit ihnen in eine zunehmende Abstraktion, ein Weg, der nicht unbedingt der meine war.

Vielleicht kennt ihr die Geschichte von einem König, der einen Zen-Meister als Gärtner hatte. Der König war ein sehr gewissenhafter Schüler und irgendwann wollte er selbst einen ganzen Garten selbst gestalten und sie seinem geliebten Meister voller Stolz vorführen. Als er fertig war, zeigte er dem Meister den Garten. Der Garten war absolut perfekt. Die beiden schritten durch den Garten, aber der König sah, dass sein Meister immer trauriger wurde. Schließlich fragte er ihn, was ihn so traurig machte. Der Meister entgegnete: Dein Garten ist absolut perfekt und ich kann dir eigentlich nur meine Anerkennung aussprechen – aber er ist tot. Und er ging in eine Ecke des Gartens, in der ein großer zusammengerechter Blätterhaufen lag, griff mit beiden Armen tief hinein und warf die Blätter in die Luft, von wo der Wind sie über den ganzen Garten verstreute. „Spürst du es“, fragte er, „dein Garten fängt an zu leben?“

nicht perfekt, aber ich würde mich drin wohlfühlen

Die Fassaden unserer Häuser sind ungleich perfekter als der Garten des Königs und absolut tot. Auch eine Folge der missverstandenen Bauhaus-Ästhetik. Die Kunst hat längst den Kontakt zur Natur, zum Menschen, zum Lebendigen verloren und ist zur reinen Hirnwichserei geworden – genau wie die Religion. Das Zitat von Konrad Kustos bringt die Sache wirklich schön auf den Punkt: „An das Nichtmalenkönnen werden – seit es eine eigene Kunstform geworden ist – immer höhere Anforderungen gestellt.“ Wenn ihr in eine Buchhandlung geht und ein Buch in die Hand nehmt, so viel Nicht-Können ist kaum noch zu ertragen. Und ich denke an die alten Bücher, die mit so viel Liebe auf hohem Niveau gestaltet wurden. Man mochte sie gar nicht mehr aus der Hand legen.

Ich weiß, ich bin ein alter Sack und hoffnungslos „altmodisch“. Ich erinnere mich: In einer Ausstellung mit tibetischer Kunst sah ich eine kleine goldene Figur. Ein sitzender, nackter Mann. Er war kein bisschen so, wie ein Buddha üblicherweise dargestellt wird. Aber er war ein Buddha – für mich. Ich saß stundenlang davor und verlor mich völlig in ihm. – Ich gehe schon lange auf keine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mehr. Gerade fällt mir eine begehbare Plastik auf einer Dokumenta ein: In einem Metallgestell hingen von oben ganz viele Plastikschnüre herunter. Titel „Im Schilf“. Ich hätte heulen können. Wer einmal in seinem Leben durch hohes Schilf am Rande eines Sees gegangen ist, musste sich über die Ärmlichkeit und Erbärmlichkeit dieses „Kunstwerks“ entsetzen. Ich kann das Entsetzen von Konrad Kustos bezüglich zeitgenössischer „Kunst“ vollkommen nachvollziehen. Und es ist ein absolut treffendes Spiegelbild unserer Zeit, einer Zeit des Niedergangs.

Kunst

 

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18 Antworten zu Konrad Kustos: Die Moderne hat das Rad neu erfunden – viereckig

  1. Alexandra schreibt:


    Leider so selten…

  2. fredoo schreibt:

    Als ein Kasselaner ( = in Kassel geboren und in Kassel lebend ) und als (gescheiterter 😉 ) Student der dortigen Hochschule für Bildende Künste , war und ist es mir natürlich ein Anliegen „unsere“ Dokumenta zu besuchen ( natürlich dieses Jahr erneut ) .

    Ich erinnere dabe viele Werke , die mir so etwas von „bemüht um Bedeurtung“ dünkten .
    Aber halt auch diverse Arbeiten erfüllt mit einer stillen Poesie , einer Wehmut , einer Freude , die mir heute noch im daran erinnern , das Herz wärmen …
    Unter all dem eitlen Müll ist manchmal eine einzige Arbeit dieser speziellen Qualität den ganzen Besuch wert…

    So erinnere ich mich heute noch mit breitem Schmunzeln an meinen „All-Zeit-Favoriten“ …
    Es war , wenn ich mich recht erinnere die 11.Dokumenta …
    Im Obergeschoss des Friederizianums hatten Arbeiter ( oder Studenten , oder beides ) beim Aufbau der Installationen in einem Zwischengang zwei lange Nägel ins weiße Mauerwerk geschlagen . Auf diese Nägel ein mit Wasser gefülltes Trinkglas gestellt , und dorthinein ein gar fein aus Wachs geformtes Segelboot mit Mast gesetzt …
    Dieser Jux entwickelte sich zum stillen Highlight der Ausstellung , wurde von den offiziellen Rundgang-„Erklärern“ der Ausstellung immer gewürdigt , und mit leichtem Schmunzeln als „Werk“ erklärt … Die dafür enstandenen „Erklärungen und Deutungen der vermuteten Bedeutung“ waren ein echter Insider-Joke … Selbstverständlich wurde gar brav das immer wieder verdunstende Wasser aufgefüllt , und so blieb dies „Objekt“ bis zum letzten Tag in der Ausstellung … um dann tatsächlich durch den damaligen „Boss der Dokumenta“ eine ebenso „schmunzelnde“ Würdigung zu erhalten …
    Dieses „Schiff der Hoffnungs-Winde“ erfreut mein Herz noch heute …

    • punitozen schreibt:

      Kunst ist Kunst als Kunst , und alles andere ist alles andere .
      ( AD REINHARDT )

      Seit 1992 fährt Herr Hesse in Kassel Taxi. Der gelernte Werkzeugmacher ist in Nordhessen geboren, in Frankfurt aufgewachsen und hatte sein großes documenta-Erlebnis 1977, als er sich mit Joseph Beuys unterhielt.

      • ananda75 schreibt:

        Mich erinnert das an Menschen, die haufenweise Gedichte in die Welt setzen, die ich als therapeutisches Schreiben bezeichnen würde
        Das is okay, das is gut, dass sie das machen, besser, als wenn sie einen erschlagen
        Nur mag ich das auf Dauer nicht lesen – Weil es mir einfach nicht gut tut

  3. Alexandra schreibt:

    Eines der wenige Museen, die ich wirklich beeindruckend fand: das Dali-Theater-Museum in Figueres, der Heimatstadt Dalis. Zum Eintauchen…
    https://goo.gl/images/Py7e1U

    • fredoo schreibt:

      Zu Alexandra … stimmt … dieses Museum ist mehr als nur einen Besuch wert … ich erinnere den „gefluteten“ Wagen im Innenhof … den Turm der TV-Schirme … diese unglaublich „“visionären“ Schwemmsteine aus dem Meer in Cadaques vor Dalis Haus … und und und … ein echt „seenswerter“ Platz …

  4. Alexandra schreibt:

    Ich finde, an der Architektur kann man sehr schön sehen, wie es um uns heute bestellt ist. Wenn ich mal durch Eisenach gehe bewundere ich immer diese vielfältigen alten Villen. Jede ist anders und kann bestaunt werden. Das trifft natürlich auch auf andere alte Städte zu. Letztes Jahr war ich in Florenz. Unglaublich dieser Dom dort! Dass Mensch das alles für einen nichtexistenten Gott gemacht hat…. komisch, dass dort so viel Kreativität aufkam,… ganz im Gegensatz zum reinen funktionalismus des Kommunismus… und jetzt? Meistens kalte Nutzbarkeit… die höchsten Gebäude sind meist die Banken… ach was bin ich froh über den Wald vor der Tür und „meinen“ Giersch-Garten, in dem gerade das wiesenschaumkraut blühen darf!

    • fredoo schreibt:

      Und dann …. ein Besuch durch die besseren Gebiete der Städte … überall die gleichen Lego-Schachtel-Häuser der Eigent(ümlichen) Investoren ( die die sich hineinstecken) …
      😉

  5. fredoo schreibt:

    bzgl. Architektur im Heute …
    dieser Horror der Uniformität der Phantasielosigkeit …
    diese immergleichen Kisten in immergleichem Erscheinungsformen von Kuhstallästhetik gemischt mit repräsentationsbau eines MaschinenbauUnternehmen …
    Ein Freund , selber Architekt , hat es mir erklärt … diese Armseeligkeitsoffenbahrung einer ganzen Branche.
    Er erklärt sich dies durch den Umstand , das Gestaltung früher „im Hirn“ als Vision erfolgte , und dabei durch vielfältigste Assoziationen ganz anderer Ideen , die aber parallel zur Architekturvision , das Hirn fluteten , „gedüngt“ wurden.
    Heute erfolgt „Gestaltung“ im PC und in größten Teilen durch den PC …
    Entsprechend rational eindimensional zweckmässig sind die Resultate …

  6. Alexandra schreibt:

    Ich finde, in den Gärten sieht man es ebenso. Möglichst immer „aufgeräumt und ordentlich“. Keine „Schandflecken“…jede verblühte Blume wird sogleich entfernt (der Tod darf halt nicht sein), jedes „Unkraut“ vernichtet (die meisten davon Heilkräuter mit wesentlich mehr Lebens und Heilkraft als alle salate) stattdessen armselige Pflänzchen oder noch besser Steine, damit hat man weniger Arbeit. Lieber Nitya, dein Bild des Gartens oben, in dem du dich wohlfühlen würdest, das wäre auch so meins. Ist die wahre Perfektion nicht in der scheinbaren Nichtperfektion zu sehen? Man kommt ja tatsächlich langsam auf den Trichter, Gärten wieder etwas insektenfreundlicher zu gestalten. Der Satz von Einstein: „stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch “ scheint doch wach zu rütteln. Im Wald hat man ja auch schon gemerkt, dass aufräumen eher negativ ist….
    Wir haben allerdings für „unseren“ pfarrgarten auf der letzten Kirmes beim „dorfklatsch“ eine Hacke geschenkt bekommen…

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