Steven Harrison: Der Anfang der Erforschung von Bewusstsein

 

Indem wir das Ende der spirituellen Suche erreicht haben, sind wir eigentlich am Anfang angelangt – am Anfang der Erforschung von Bewusstsein. Dies ist kein Weg des Suchens und Findens; es ist nicht das Negieren von Gedankenprozessen oder das Verändern von irgendetwas. Es ist die Erforschung der Manifestation und der Gestaltwerdung der Totalität, die sich genau in dem ausdrückt, was kommt nach dem Jetzt – in meinem Körper, meinem Leben, meinen Beziehungen, in sämtlichen Formen und Ausdrucksweisen, die sichtbar sind, – und in allen, die nicht sichtbar sind.

Damit verlassen wir die Welt der Ideale und betreten eine frei fließende Wirklichkeit. Dies kann eine beängstigende Welt sein, weil sich darin die dunklen Energien und Leidenschaften nicht mehr kontrollieren lassen – jene Dinge, die wir zu kontrollieren gelernt haben. Es gibt keine Garantie, dass wir liebenswert, sanft oder irgendetwas sein werden; wir könnten beim genauen Gegenteil landen. Und es stellt keine besondere Herausforderung dar, wenn sich Mitgefühl in uns zeigen sollte.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

die holde Muse küsst des Dichters Stirn

Wenn wir das Ende der spirituellen Suche erreicht haben, verlassen wir die Welt der Ideale und betreten eine frei fließende Wirklichkeit, sagt Steven Harrison sinngemäß. Mit diesem Satz habe ich ganz unstatthaft die Anfänge der beiden Abschnitte zusammengefügt. Das bedeutet für mich nichts anderes als das Verlassen von idealistischen Vorstellungen zugunsten der Realität dessen, was gerade erscheint. Wenn nun Steven Harrison sagt, dass dies nicht das Negieren von Gedankenprozessen oder das Verändern von irgendetwas sei, will er damit sicher nicht sagen, dass wir zukünftig zur Untätigkeit verdammt sind, sondern dass wir die Manifestation und Gestaltwerdung der Totalität erforschen. Hierzu gehören selbstverständlich nicht nur unsere Gedanken- und Gefühlsprozesse, sondern auch alle unsere Handlungsimpulse und angeblichen  Handlungen. Während wir vorher der Annahme waren, unser Leben weitgehend planen und kontrollieren zu können, lassen wir uns jetzt zunehmend einfach überraschen, was geschieht – überraschen auch und vor allem von dem, was gerade aus uns heraus geschieht. Auf diese Weise ist unser Leben durch seine Unberechenbarkeit total spannend geworden.
U.a. erwähnt Steven, dass es keine besondere Herausforderung darstellt, wenn sich Mitgefühl in uns zeigen sollte. Wer die Beiträge im Zusammenhang mit Konrad Kustos erinnert, wird vielleicht den Eindruck von Rassismus und Unmenschlichkeit haben. Dieser Eindruck ist allerding völlig beheimatet in der Zeit, als noch die Ideale über die Realität gestellt wurden. Aus dieser Zeit stammen dann Gedanken wie „Ich habe Mitleid mit allen Hungernden, Vertriebenen, Ausgebeuteten oder sonst wie Gequälten dieser Welt.“ Aber das ist nur das Wiederkäuen von humanistischen Idealen. Kein Mensch liebt „alle Menschen“, das schafft nur ein Erich Mielke. „Alle Menschen“ das ist ein Abstraktum, genauso wie das angebliche Lieben derselben. Reine Einbildung also. Der unvergessliche Bundespräsident Gustav Heinemann sagte einmal „Ich mag nur Dinge mit Knochen und Substanz“ und die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, macht ihn beinah böse: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“

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5 Antworten zu Steven Harrison: Der Anfang der Erforschung von Bewusstsein

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Wow!
    Wie zärtlich ist das denn???

    Gefällt mir

  2. fredoo schreibt:

    das ist mal eine Äußerung des Herrn Harrison , die ich voll teilen kann …
    „““wir betreten die frei fließende Wirklichkeit“““
    mit allen damit möglich werdenen emotionalen und intellektuellen Konsequenzen …
    von Staunen , über Irritation und Erschrecken … alles (!) möglich …

    und halt nicht „eingetütet“ in die Behauptungen eines „noch bewusster“ a la Ken Wilber und Torsten Brügge …
    nix ist zu steigern ( oder zu verändern ) an „eigener BewusstHEIT“ , da diese immer Reaktion auf Zustand ist , und bleiben wird …
    jedoch bietet das sich „ausgeliefert“ (wow) fühlen an die „frei fließende Wirklichkeit“ wahrlich genug Höhen und Tiefen für ein menschliches Er-Leben …
    Da bedarf es gar keiner „“Bewusstseinserweiterung““ … bzw. ist dies eh ein absurder Konstrukt der Bewusstseinsbastler …

    Gefällt 3 Personen

  3. Nitya schreibt:

    Danke Fredoo für den Tipp!
    Hach ja.

    Gefällt 3 Personen

  4. Pingback: Bewusstsein und Mitgefühl | per5pektivenwechsel

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