Linji: Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt

 

Ihr Schüler von überall habt von diesem Alten namens Linji gehört und seid hierhergekommen, um ein Dharma-Gefecht zu erleben und mich mit euren gewitzten Fragen zu bezwingen. Doch als ihr auf die volle körperliche Präsenz dieses Bergmönchs traft, blieben eure Augen und Ohren offen stehen und ihr wart wie gelähmt. Verdutzt, wie ihr seid, fehlt es euch an Worten. Ich sage euch: „Ein Esel kann das Trampeln eines Drachenelefanten nicht aushalten.“ Ihr geht an verschiedene Orte, zeigt auf eure Brust, schlagt euch auf die Brust, schlagt euch auf die Rippen und sagt: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ Doch selbst, wenn zwei oder drei von euch hierherkommen, seid ihr zu nichts fähig. Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen. Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister. Was den Höchsten Weg angeht, so will er nicht durch Argumente und Debatten die Begeisterung erhöhen; er versucht auch nicht, leidenschaftliche Ketzer in die Schranken zu verweisen.  Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht. Auch wenn es verbale Lehren gibt, sind diese alle in den Kategorien von Ritualen, Rechten, dem Kausalgesetz der Drei Fahrzeuge, den Fünf Naturen, Menschen und Himmelswesen angesiedelt. Im Fall der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.

Tugendhafte Mönche, missbraucht nicht euren Geist. Der große Ozean bewahrt keine Leichen auf, aber ihr wollt sie auf euren Schultern durch die ganze Welt tragen. Ihr erzeugt Hindernisse, weil ihr an euren eigenen Ideen hängt, und das wird euren Geist beschränken. „Wenn die Sonne nicht umwölkt ist, dann scheint ihr Licht überall. Wenn keine Trübungen in den Augen sind, dann gibt es auch keine eingebildeten Blumen in der Luft.“ Schüler des Weges, wenn ihr im Einklang mit dem Dharma sein wollt, dann lasst einfach keine Zweifel aufkommen. „Ausgebreitet zieht es sich durch den ganzen Dharmadhatu. Aufgeklaubt ist da nicht ein einziger Faden.“ Deutlich und klar leuchtet es allein und entbehrt doch nichts. Augen können es nicht sehen, Ohren nicht hören. Was ist es dann? Ein Altehrwürdiger sagte: „Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt.“ Schaut nur in euch selbst – was ist denn da sonst noch? Ich könnte ewig so mit euch sprechen. Doch jeder von euch muss es selbst erfahren. Passt gut auf euch auf!

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

Heraklit sagte: „Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort erschreckt dazustehen.“ Er scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben wie Linji: „Doch als ihr auf die volle körperliche Präsenz dieses Bergmönchs traft, blieben eure Augen und Ohren offen stehen und ihr wart wie gelähmt. Verdutzt, wie ihr seid, fehlt es euch an Worten.“ Was ist für Heraklit ein hohler Mensch? Er hat die Frage gewissermaßen in einem anderen Fragment beantwortet: „Vielwisserei führt nicht zum Erkennen.“ Genau darum ging es auch Linji, wenn irgendwelche angeblichen Schüler angekleckert kamen und ihn mit ihren gewitzten Fragen bezwingen wollten und dabei behaupteten: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“
Linji zitiert einen „Altehrwürdigen“ mit dem Satz: „Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt.“ Wenn Linji beim Bäcker um die Ecke zwei Brötchen kaufen wollte, musste er wohl oder übel diese „Dinge“ benennen. Sonst hätte er nichts zum Frühstück zu beißen gehabt. Also hat er vermutlich das hier nicht mit „Ding“ gemeint. Gemeint hat er wohl das, womit diese Typen gerne herumprahlten: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ So was hätte Linji vermutlich nie von sich gegeben. Kürzlich zitierte Fredoo den WeiWuWei mit seiner „Abwesenheit der Anwesenheit der Abwesenheit“. Ich hatte gerade den fiesen Verdacht, WeiWuWei wollte damit die Erleuchtungsstreber nur in den Wahnsinn treiben. Heut hab ich’s mal wieder mit diesem wundervollen Heraklit: „Alles, was man sehen, hören und lernen kann, das ziehe ich vor.“ Denkt mal an meinen gestrigen Beitrag und die ganze Einwanderungsarie: Da wird der Journalist Konrad Kustos massiv bedroht, wenn er weiterhin seine Recherchen und Schlüsse veröffentlicht, und das von Leuten, die genau das vorziehen, was man nicht “ sehen, hören und lernen kann“: humanistische Phrasen. Des Kaisers neu Kleider sind halt immer noch hundertmal schöner als die Kleider, die man sehen und anfassen kann. Das ist das Kreuz mit den Spiris und Ideologen, dass sie unfähig sind, das Unsagbare im Sagbaren zu entdecken und es immer irgendwo jenseits von allem ansiedeln wollen. Fredoo hat das kürzlich so gesagt: „Es geht nicht um ein ‚richtig‘ dabei, sondern, wie ich vermute, um ein ‚endlich mal anders‘ lesen/zuhören …“ Das kann ich nur bestätigen.

 

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2 Antworten zu Linji: Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt

  1. punitozen schreibt:

    Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
    so wird das Volk hundertfach gewinnen.
    Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
    so wird das Volk zurückkehren zu Kindespflicht und Liebe.
    Tut ab die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
    so wird es Diebe und Räuber nicht mehr geben.
    In diesen drei Stücken
    ist der schöne Schein nicht ausreichend.
    Darum sorgt, daß die Menschen sich an etwas halten können.
    Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
    Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden!
    Gebt auf die Gelehrsamkeit!
    So werdet ihr frei von Sorgen.
    ( Vers 19 , TAO-TE- KING )

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  2. Alexandra schreibt:

    „Das Namengeben geht unbekümmert weiter, egal, was ich dagegen unternehme. Ich hatte einen tollen Namen für diesen Ort. Er war klangvoll und hübsch –der Garten Eden. Wenn ich alleine bin, nenne ich ihn weiter so, aber nicht länger öffentlich. Dieses neue Wesen sagt, es sei alles nur Wald, Felsen und offene Landschaft und habe deswegen keinerlei Ähnlichkeit mit einem Garten. Sagt, es sähe aus wie ein Park und auf keinen Fall wie irgendetwas anderes. Folglich wurde er, ohne mich zu fragen, umbenannt in Niagarafällepark. Das scheint mir aber doch recht willkürlich. Es steht sogar schon ein Schild da: Betreten DES RASENS VERBOTEN!“ Mark Twain, Tagebuch von Adam und Eva

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