Dattatreya: Wie willst du das verstehen?

 

Ohne Zweifel – du bist Wirklichkeit!
Gibt es etwas, das verstanden werden muss?
Das, was nicht zu verstehen ist,
und das, was selbst offensichtlich ist,
ist das Selbst.
Wie willst du das verstehen?

aus: Dattatreya, „Avadhuta Gita“ (1.42)

Selbst Zweifellosigkeit ist bereits zu viel. Du kannst sagen, dass Zweifellosigkeit oder Wunschlosigkeit die reinste Form ist, aber das Reinste ist nicht rein genug, weil du es von etwas anderem unterscheiden kannst. Die Wunschlosigkeit unterscheidet sich von etwas anderem. Die Wunschlosigkeit unterscheidet sich vom Wunsch und vom Nicht-Wunsch. Damit ist selbst der Ursprung nicht der Ursprung. Der Ursprung von etwas, das du dir vorstellen oder nicht vorstellen kannst, ist nicht der Ursprung. Er ist nicht ursprünglich.

aus: Karl Renz, „Heaven And Hell“

Was willst du jetzt damit anfangen? Es entzieht sich jedem Zugriff. Karl Renz bringt u.a. das Beispiel mit der Wunschlosigkeit. Sehr beliebtes Thema bei den Spiris, und sie mühen sich wirklich redlich ab, sich nichts mehr zu wünschen. Und dann kommen die Schlaumeier und sagen: „Ätschibätschi! Jetzt wünscht du dir also Wunschlosigkeit! Mensch, bist du bescheuert! Siehst du nicht, wie sich der Hund in den eigenen Schwanz beißt?“ Der Schwanz hat sich zwar nicht seinem Zugriff entzogen, aber er war halt nicht das, was der Hund eigentlich ergreifen wollte. Karl: „Die Wunschlosigkeit unterscheidet sich von etwas anderem. Die Wunschlosigkeit unterscheidet sich vom Wunsch und vom Nicht-Wunsch.“ Unterscheiden können sich immer nur Formen, unterscheiden kann sich nur, was auch benannt werden kann. Und nur, was sich von anderem unterscheidet, können wir wahrnehmen. Der berühmte Schimmel im Schneegestöber und der ebenso berühmte Rappe in der Nacht können halt nicht erkannt werden. Wir brauchen Kontraste, um sehen zu können oder hören, riechen, schmecken, spüren zu können. Als mich seinerzeit Heinz Butz fragte „Spüren Sie’s?“, gab’s für mich komischerweise in diesem Moment keinen Kontrast und ich fiel ins – wenn ich jetzt ein Wort dafür sage, beiß ich mir wie der Hund schon wieder selbst in den Schwanz. Auch wenn ich es das „das Bodenlose“ nenne, unterscheidet sich das Bodenlose von dem, was unter sich Boden hat, und wenn ich es das Nichts nennen würde, unterscheidet sich das von einem Etwas.

Was für das Wahrnehmen gilt, gilt in derselben Weise für das Verstehen. Verstanden werden kann ebenfalls nur das, was sich von anderem unterscheidet. Ramesh Balsekar hat oft gesagt: „Verstehen ist alles.“ Aber er meinte damit wohl ein Verstehen ohne zu verstehen. Er meinte damit das, was das Kōan meint mit seiner Frage: Hörst du das Klatschen der einen Hand? Dattatreya bringt es exakt auf den Punkt mit seinem Vers:

Ohne Zweifel – du bist Wirklichkeit!
Gibt es etwas, das verstanden werden muss?
Das, was nicht zu verstehen ist,
und das, was selbst offensichtlich ist,
ist das Selbst.
Wie willst du das verstehen?

Das isses nicht!
Das kann man nämlich sehen, verstehen, wissen …!

Aha.

(Aber du darfst es natürlich kopieren und auf deinem Altar installieren und anbeten.)

 

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8 Antworten zu Dattatreya: Wie willst du das verstehen?

  1. ananda75 schreibt:

    Einen schönen Tag dir ❤

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  2. fredoo schreibt:

    hmmm … was hat das denn mit dem „Verstehen“ so auf sich ?
    ich habe mich ja auch diverse Male in diversen Jahren in einen Raum gesetzt , um einem der „davorne sitzt“ auf Verstehen bei mir hoffend , zuzuhören. Und wohl tausend Bücher wurden durchforstet …
    ich hatte dabei bereits einen Rucksack von „Verstehen“ dabei , den ich in jahrzentelangem Studium von erinnerten „Wahrheiten rsp. Weisheiten“ gepackt und mir aufgebürdet hatte …
    und doch war ich in all der Zeit der tiefen Überzeugung , dass all dies „Gepäck“ in alle Winde zerstieben würde , falls dieses ominöse „Erwachen“ auch bei mir stattfinden sollte .
    und war dem so ? … nun ja … zerstoben ist da alles … und doch war nix , erstaunlicherweise ,von diesem Gepäck tatsächlich „falsch“ … es war nur auch nicht „richtig“ in seiner formulierten Wissenhaftigkeit …
    Und gab es so etwas wie eine hilfreiche Information durch den „davorne“ oder durch die Mühen der diversen Autoren ?
    Jain … hilfreich schon , doch nicht so , wie es von mir erwarten rsp. erhofft wurde .
    Da wurde ja , auch bei mir , eine Art sukzessive Klärung , Erweiterung , Vertiefung des Verstehens erwartet .
    Das ist definitiv nicht geschehen .
    Sogar das Gegenteil geschah .
    Wurde Klärung erwartet , geschah eine immer tiefere „Einsickerung“ von „Knoten“ des Nicht-Kapieren könnens … All diese Formulierungen ( z.b. von WeiWuWei ) von der Anwesenheit der Abwesenheit der Anwesenheit u.ä. konnte mein armes Gehirn trotz aller Mühen einfach nicht „raffen“ und eine graue Verzweiflung erfasste mich , mehr und mehr … Unterbrochen von erneuten Anläufen ( ich neige ja trotz meiner angeborenen Faulheit zu einer gewissen Zähigkeit ) erfasste mich diese graue Verzweiflung immer mehr … und irgendwann , wie bei einem vom Löwe ergriffenen Antilopenbaby , erfasste mich eine Art katalytische Erstarrung … eine unfreiwillige Hingabe an den Lauf der Dinge … Ich war wohl unfähig … Es war nicht für mich bestimmt … Ich war der Gnade nicht würdig , und und und … so glitt ich in ein resignatives , irgendwie wortloses , nacktes Überleben hinein ( passend dazu zerbrach die Familie und meine Firma kollabierte ) … und ich ? … ich fing an … zu meiner Verblüffung , mich genau darin , verblüffend wohl zu fühlen … Das Glück des Ignoranten breitete sich vor mir aus …
    Irgendwie kollabierte mein ganzes Leben gar prachtvoll „vor sich hin“ … und ich konnte mir darob statt tiefer Depression ein „grinsendes“ Schmunzeln nicht verkneifen …
    Wäre nun zu erwarten , das ich aufhörte zu lesen oder zuzuhören , so war das in quantitativer Sicht durchaus richtig , aber ein Interesse blieb erhalten … Irgendwie hatte sich aber das „wissen-wollende“ erledigt … Ich las , wieder mal von der Abwesenheit der Anwesenheit der Abwesenheit ( oder umgekehrt ) und begann statt vergeblich verstehen zu wollen , mich am „musikalischen Rhytmus“ der Worte zu erfreuen … und beim Zuhören von englischen Texten nicht verzweiflt die rudimentären Vokabelkenntnisse des Englischunterrichts zu bemühen , sondern einfach … unbemüht … dem Klang zu lauschen …
    ( Wer darin aber nun wieder eine „Methode“ vermutet , ist auf dem Holzweg … Es geht nicht um ein „richtig“ dabei , sondern , wie ich vermute , um ein „endlich mal anders“ lesen / zuhören )…
    Hab ich nun durch dies „anders“ etwas kapiert ? … Wie denn !! … Ich bin stattdessen noch intensiver in ein „Nicht-Kapieren-Können“ reingerutscht …
    Und das ging dann soweit , dass in einem plötzlichen Kollaps der Aufmerksamkeit ( beim Sitzen auf meinem Teppich an einem höchstgewöhnlichen Tag meines Lebens ) , meine „Wahrnehmung in sich selbst kollabierte“ … Großes Spektakel ? … ja und nein … „groß“ durch schlichte (!) UNMITTELBARKEIT … verblüffend , weil ES so e i n f a c h d e u t l i c h war , und immer sein wird , und schon immer – genau so – war … und sein wird .
    Habe ich dadurch dann „verstanden“ ? … Definitiv nein , obwohl ich danach all meine tausend Bücher auf eine Art „neu“ verstand. „Mann , das hat der ja auch SO gemeint ! „.
    Eine Art unverstehbares Verstehen , besser formuliert ein Wegfallen von hypnotischen Scheuklappen , fand statt. ( und hat seit dem nicht mehr aufgehört , auch zu meiner Verblüffung ) .

    Und nun , verstehe ich mehr oder besser ? …. Nein , definitiv nein …
    Aber es juckt mich nicht mehr die Bohne …
    Die ewige Frage „was und wie ist diese Welt und dieser seltsame fredoo“ ist nicht beantwortet (und doch beantwortet ) … Aber sie hat definitiv jegliche Relevanz verloren …
    Ich muss gar nix kapieren ! … wie wundervoll ….

    Gefällt 3 Personen

    • Nitya schreibt:

      Lieber … äähhh … werter Herr Fredoo, ganz herzlichen Dank für diese wundervolle Schilderung! Zwischendurch beim Lesen deiner Zeilen dachte ich mal kurz an Osho, der manchmal dazu ermunterte, nicht auf seine Worte zu achten, sondern auf das, was zwischen den Worten zu „hören“ war.

      „( Wer darin aber nun wieder eine „Methode“ vermutet , ist auf dem Holzweg … Es geht nicht um ein „richtig“ dabei , sondern , wie ich vermute , um ein „endlich mal anders“ lesen / zuhören )…“

      Gefällt 1 Person

    • ananda75 schreibt:

      das is ungefähr das, was ich gestern meinte (unterer Kommentar meinerseits gestern) und was mir im Moment mal wieder passiert (oberer Kommentar meinerseits gestern)
      wundervoll, ja … und äußerst erheiternd 🙂 … und mir wackelt schon wieder der Bauch vor Lachen… ich weiß auch nicht… 😉

      Auch dir einen wunder-baren Tag ❤

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  3. Nitya schreibt:

    Die Vorhut?

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