Jos Slabbert: Der Außenseiter

 

Gewöhnliche Menschen verabscheuen die Einsamkeit.
Aber der Weise nützt sie,
er umarmt sie in dem Wissen,
dass er eins ist mit dem Kosmos.

Der Weise ist ein Einzelgänger. Er vermeidet nicht einen notwendigen Kontakt mit Menschen. Er fühlt sich im Small-Talk nicht zu Hause, und er hasst Tratsch. Er vermeidet es, zu viel zu reden. Die meisten Menschen empfinden seine Gegenwart vermutlich als langweilig. Das macht ihm nichts aus, da er seiner eigenen Beliebtheit neutral gegenüber steht.

Der Weise ist zeitlos. Er lebt außerhalb der kollektiven Paradigma und Ideologien, die die Gesellschaft zu jeder beliebigen Zeit kontrollieren und manipulieren. Selbst gegenüber den subtilsten Formen von Indoktrinierung und Manipulation scheint er immun.

Er bewegt sich innerhalb der Gesellschaft, ohne in sie einzutauchen. Er steht abseits von Modeerscheinungen. Er bestätigt nicht gesellschaftlich akzeptierte Vorurteile. Er weigert sich, am anspruchsvollen verbalen Zur-Schau-Stellen des neuesten intellektuellen Trends teilzunehmen.

Historische Verschiebungen von Paradigmen verwirren ihn nicht. Er weiß, dass alles Veränderung ist, und sich dennoch nichts verändert. Seine Perspektive ist ewig, weitläufiger als jegliche wissenschaftliche Dimension. Daher bleibt der Weise in Zeiten des Umbruchs ruhig. Selbst wenn die Menschheit ihren Glauben verliert, in was auch immer sie Glauben gesteckt hat, bleibt der Weise ungerührt. Er steckt seinen Glauben nicht in vom Menschen entworfene Konzepte und kann somit auch keinen Glauben verlieren.

Der Weise lebt außerhalb der diktatorischen Reichweite der „Gruppenmeinung“, unberührt vom unbeseelten Zeitgeist seiner Epoche, insofern hat er wenig Anteil an der Kollektivschuld der heutigen Gesellschaft. Doch er wird versuchen, am Rande der menschlichen Torheit so unauffällig wie möglich zu leben. Nur wenn er keine andere Wahl hat, wird er aktiv gegen die anstehenden Täuschungen eintreten. Er wird darin mutig sein und jegliche daraus erwachsende Verfolgung mit stiller Würde ertragen.

aus: Jos Slabbert, „Der moderne taoistische Weise“

Das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen bei dieser Überschrift: „Der moderne taoistische Weise“. Klingt wie der Titel von einer Illustrierten. Irgendwie sträubten sich bei mir auch deshalb meine Nackenhaare – einen Weisen, ob alt oder modern, einen Weisen zu definieren, ist einfach nicht so mein Ding. Ich hab mir mal bei diesem Thema von Jos Slabbert das Unterthema „Der Außenseiter“ herausgepflückt. Einfach deshalb, weil ich selbst nie etwas anderes war. Mal sehen also, dachte ich, was der Jos dazu zu sagen hat. Mir sind die Aussagen von Jos natürlich insgesamt viel zu idealtypisch und ich merke, wie da etwas in mir sofort in Widerstand geht. Wenn er das Ganze so dargestellt hätte, dass er seine Aussagen als Tendenzen gekennzeichnet hätte, wäre ich völlig einverstanden mit seinen Aussagen.

Also ich verabscheue das Alleinsein nicht. Nicht in dem Wissen, eins zu sein mit dem Kosmos, sondern einfach weil ich gern allein bin ohne jedes „Weil“. – „Die Ros ist ohn Warumb, sie blühet, weil sie blühet, …“ sagt Angelus Silesius. Das gefällt mir besser. Die Ros‘ tut das nicht „in dem Wissen“ von was auch immer, sondern weil es einfach so geschieht. „Er fühlt sich im Small-Talk nicht zu Hause, und er hasst Tratschsagt Jos. Er, „der Weise“ – also diese Bezeichnung geht mir auch schon wieder gegen den Strich, das klingt schon wieder nach irgendetwas Besonderem – dieser Außenseiter hasst Small-Talk und Tratsch. Small-Talk find ich tatsächlich einfach nervig und langweilig, aber für den neuesten Tratsch kann ich mich manchmal durchaus erwärmen. Also, is nix mit weise, mein lieber Nitya.

Ich kann mich in den meisten von Jos aufgeführten Aussagen durchaus wiederfinden, mehr oder weniger halt und ganz bestimmt nicht wie in Stein gemeißelt. Ein guter Muslim betet 5 mal am Tag zu bestimmten Zeiten in Richtung der Ka‘ba in Mekka, ein guter Christ geht regelmäßig zum Abendmahl, ein guter Taoist vermeidet es, zu viel zu reden, … der Teufel hole alle –isten! Mal ist mir nach Reden und mal nach Klappe-Halten. Diese ganzen Verhaltensbeschreibungen kannste alle in der Pfeife rauchen. Aber ja, natürlich, es gibt Tendenzen. Osho würde vielleicht sagen, dass da ein gewisser Duft ist. Aber der ist nicht zu fassen. Mach etwas Festes daraus, etwas Definiertes, und du liegst daneben. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ (joh 3,8)

 

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9 Antworten zu Jos Slabbert: Der Außenseiter

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Was für mich gut und richtig ist , ist meine Sach `.
    Lieber punitisch- doof , als verbissen , beflissen Bücher-Tao-weise .
    Liebe Grüße
    Punito

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  2. Baboji schreibt:

    Ja da muss ich dir Recht geben, solche „Typologien“ sind irgendwie merwürdig, klingen immer wie Verhaltenskataloge. Gerade in einem daoistischen Kontext würde vielleicht das einzigste Merkmal – „unberechenbar“ sein, welches man aufstellen könnte.

    Der „Weise“ der sich in einem berechenbaren/festgelegten Charakter ausdrückt (so wie er beispielhaft hier dargestellt wird vom Autor), ist vielleicht eher ein „edler Mensch“ nach Konfuzius.

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  3. Du bist ein Meister darin jeden Anflug einer definierten Lehre sofort wieder ins Feuer des schöpferischen Nichts zu werfen. Die Wolke des Nichtwissens regnet herab, jeder Tropfen ein Nada, Nada, Neti, Neti. Sehr sympathisch.

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