Osho: du kannst nicht lieben – du hasst

 

Wenn du unwissend bist, sagt Tantra [Tilopa], kannst du nicht anders als verkehrt handeln. Selbst wenn du dir Mühe gibst, einen guten Charakter zu haben, wird dein „Gut-Sein“ zu einer Art von Sünde – denn wie kann ein unwissender Mensch, einer, der fest schläft, gut sein? Wie kann aus Unwissenheit, aus Unbewusstheit gutes Handeln entstehen? Unmöglich! Dein guter Charakter muss eine Maske sein; dahinter verbirgt sich das wirkliche Gesicht, das wirkliche Gesicht des Lasters.

Du magst von Liebe reden, aber lieben kannst du nicht – im Gegenteil: du hasst. Du magst von Nächstenliebe reden, aber deine Nächstenliebe kann nichts anderes als ein Deckmantel für deine Wut sein, für deine Habgier, deine Eifersucht. Deine Liebe ist giftig. Tief im Kern deiner Liebe steckt der Wurm des Hasses und frisst sie ständig auf. Deine Liebe ist wie eine eiternde Wunde. Sie ist nicht wie eine Blume – wie könnte sie auch? Und diejenigen, die von euch Liebe erwarten, sind Narren, sie erwarten das Unmögliche. Und wer ästhetisches Verhalten von euch verlangt, ist ein Narr, er verlangt etwas Unmögliches. Eure Sittlichkeit ist nichts anderes als eine Art Unsittlichkeit.

Seht eure sogenannten Moralisten, eure sogenannten Heiligen an. Nehmt sie unter die Lupe und beobachtet sie, und ihr werdet entdecken, dass ihre Gesichter nichts anderes sind als die Gesichter der Heuchelei, als Charaktermasken. Sie sagen das eine und tun das andere. Was sie wirklich tun, verbergen sie nicht nur vor euch: sie sind so gerissene Betrüger geworden, dass sie es sogar vor sich selber verbergen. Solange Unwissenheit herrscht, ist Sünde das Natürliche. Mit der Erleuchtung kommt das Gute von allein. Ein Buddha kann sich nicht vergehen; du dagegen kannst nichts anderes tun, als „sündigen“. Du tust diese Dinge nicht – sie sind Schatten deines Seins.

aus: Osho, „Tantra, die höchste Einsicht“

Ich liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen.
Na, ich liebe doch – ich setze mich doch dafür ein.

„Oh, ich hab’s ja schon immer gewusst, dass du mich nicht liebst. Osho hat vollkommen recht: Du kannst gar nicht lieben!“ mag jetzt jemand sagen oder zumindest denken und hat damit vielleicht sogar auch recht. Eines hat er auf jeden Fall damit dokumentiert: Dass er selbst nicht liebt, dass er selbst nicht lieben kann, dass er selbst unwissend und unbewusst ist. Osho hat nie seine Schüler aufgefordert zu lieben, weil er wusste, dass sie dazu gar nicht fähig waren. Sein Schwerpunkt war Wissen und Bewusstheit, nicht Liebe. Mit Wissen ist hier nicht das Anhäufen von Kenntnissen gemeint, sondern das Wissen um die Wahrheit über sich selbst. Dieses Wissen ist die Ausstrahlung von Bewusstheit und setzt eine gnadenlose Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber voraus.

Als Mielke am 13. November 1989 vor der DDR-Volkskammer die oben zitierten Sätze sagte, erntete er dafür lautes Gelächter. Er selbst schien sich seine Liebeserklärung tatsächlich zu glauben. Sein Beweis war sein Hinweis, dass er sich doch „dafür“ einsetze. Man könnte diesen Beweis auch so deuten, dass Mielke glaubte, wenn er nur seine Pflicht erfüllen würde, sei er ein Liebender. Das ist ein sehr weit verbreiteter Glaube, der etwa von vielen Eltern ihren Kindern gegenüber oder in vielen Beziehungen zwischen den Partnern geübte Praxis ist. Insofern müssten all diejenigen, die damals über Mielke gelacht haben, sich eigentlich erstmal selbst überprüfen, ob sie sich in ihrem eigenen Leben wirklich so von Mielke unterscheiden würden. Lieben drückt sich aus im Handeln für den anderen. Dachte mein Vater auch, wenn er mich verprügelte, und er berief sich dabei gern auf den Propheten Sirach. Immer gut, wenn man sich auch noch auf einen Propheten berufen kann.

Handeln kann die Ausstrahlung von Liebe sein, ist aber ganz sicher nicht der Ersatz für Liebe und auch kein Beweis für das Vorhandensein von Liebe. Liebe bedarf keines Beweises, kein „ich setze mich doch dafür ein“. Eingesetzt haben sich auch die KZ-Kommandanten und ihre Helfershelfer. Die Verweigerung, sich an bestimmten Einsätzen zu beteiligen, kann oft viel mehr Zeugnis für ein liebendes Bewusstsein ablegen als die Beteiligung. Es geht nicht darum mit dem Finger auf Mielke zu zeigen, sondern sich selbst zu fragen: Wo ist der Mielke in mir? Das Ende der Selbsttäuschung und der permanenten Heuchelei wäre ein guter Anfang, um mit dem Lieben zu beginnen. Osho: „Selbst wenn du dir Mühe gibst, einen guten Charakter zu haben, wird dein ‚Gut-Sein‘ zu einer Art von Sünde – denn wie kann ein unwissender Mensch, einer, der fest schläft, gut sein?“ Und wie könnte er fähig sein zu lieben?

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9 Antworten zu Osho: du kannst nicht lieben – du hasst

  1. Alexandra schreibt:

    „Seht, ich habe es immer gesagt, man muss die Menschen froh machen“
    “ wie kann ich eine goldene Krone tragen, wenn ich sehe, dass der Herr eine Dornenkrone trägt!“
    Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1207-1231)
    Sie konnte halt einfach nicht anders…

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  2. Marianne schreibt:

    Ich empfinde dieses Gutmenschen-Bashing immer einseitig – auch wenn es aus Oshos Feder stammt …
    Im Moment haben wir doch eher das Phänomen, dass sich die (unbewussten) „bösen Buben“ politisch durchsetzen: Sie werfen ihre größten Bomben, wollen die Todesstrafe wieder einführen, bringen öffentlich ihre Verwandten um und werden trotzdem – oder gerade deshalb? – als politische Führer von der Mehrheit ihres Volkes hochgejubelt.
    Was ist denn deren „Verblendung“ und Faszination? Für liebevoll halten die sich sicher nicht … 😉
    Aber sie halten sich für (uneingeschränkt) mächtig und meinen, mit ihrer Macht dem Wohle des Volkes zu dienen – auch ein (verbrämtes) Gutmenschen-Image???
    ICH, der Retter und Erneuerer der Menschheit!
    Mehr Schaden als die so genannten „Gutmenschen“ haben in der Menschheitsgeschichte solche Unbewusstheiten angerichtet, oder nicht?

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Marianne,

      ich weiß je nicht, was du gelesen hast, mit meinem heutigen Beitrag und dem Osho-Text kann es jedenfalls nichts zu tun haben. Da wurde dir anscheinend ein komischer Knopf gedrückt. Ich kann jedenfalls absolut nichts von wegen Gutmenschen-Bashing lesen.

      Es geht um nichts anderes als Bewusstheit. Und dagegen hast du ja vermutlich nichts einzuwenden. Wer nun mehr Schaden anrichtet, die unbewussten angeblichen Gutmenschen oder die unbewussten Bösewichter mag eine interessante Frage sein, hat aber nun wirklich nichts mit dem Beitrag zu tun.

      Oder?

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      • Marianne schreibt:

        Das ist doch einseitig, wenn immer nur die Charaktermasken derjenigen als unbewusst gebrandmarkt werden, die sich für „gut“ und „liebevoll“ halten …
        Mag sein, dass das bei mir auf einen persönlichen „Knopf“ drückt.

        Welche Charaktermaske hat einer auf, der sich – auf Kosten von anderen – so viele teure Autos vor die Tür stellt und das noch als „spirituelles Exempel“ tituliert?

        Ich moniere hier nur einseitig bewertete Berichterstattung, sonst nichts …

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      • Nitya schreibt:

        Marianne moniert

        „Das ist doch einseitig, wenn immer nur die Charaktermasken derjenigen als unbewusst gebrandmarkt werden, die sich für „gut“ und „liebevoll“ halten …“

        „Immer nur“ hätte dich eigentlich aufmerksam werden lassen müssen. Osho hat hier über die Liebe gesprochen und versucht zu klären, was den Namen Liebe verdient und was nicht. Nachdem du hier ja bisweilen reinguckst, könntest du wissen, dass in diesem Blog die Kriegstreiber und Ausbeuter noch nie veschont wurden. Hin und wieder habe ich auch mal einen Pfeil auf die sog. Gutmenschen abgeschossen, geb ich gerne zu.

        „Das ist doch einseitig, wenn immer nur die Charaktermasken derjenigen als unbewusst gebrandmarkt werden, die sich für „gut“ und „liebevoll“ halten …“

        Mit Verlaub, das ist einfach Quatsch, was du da verzapfst.

        „Ich moniere hier nur einseitig bewertete Berichterstattung, sonst nichts …“

        Ich finde in dem ganzen Beitrag keinerlei „Berichterstattung und keine Bewertung einer Berichterstattung. Du solltest dir eine Zeitung kaufen. Darin findest jede Menge Berichterstattung, angebliche Berichterstattung.

        Noch besser: Guck dir endlich deinen Knopf an!

        Hast du heute deinen drolligen Tag?

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      • Marianne schreibt:

        Noch besser: Guck dir endlich deinen Knopf an!

        Lieber Nitya,

        diese Aufforderung gebe ich gerne zurück …
        Einseitiges Knopf-Angucken auf schulmeisterliche Anweisung hin ist nicht mein Ding. 😦

        Offensichtlich ist hier gerade eine gleichwertige Diskussion über „Einseitigkeiten“ nicht drin.
        Hab einen drolligen Tag!

        Herzlich
        Marianne

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  3. Alexandra schreibt:

    Als Sünde wird im Kurs in Wundern die (vermeintliche, erdachte) Trennung von Gott beschrieben. Aus diesem Trennungsgedanken heraus wird alles getan, um Gott zu „versöhnen“ (interessantes Wort, fällt mir gerade auf!): gute (gut gemeinte) Taten, „schlechte“ Taten (sind die nicht auch aus der Sicht des Betrachters gut gemeint? Daher der Satz, gut gemeint ist nicht immer gut gemacht…) Der Mielke in mir will immer alles richtig, alles besser machen. Vor allem für andere, aber darin (oder dahinter) natürlich für mich. (Will ja Aufmerksamkeit und Liebe!) Und so pfuscht der Mielke in mir dem großen Manitu immer ins Handwerk, aber das ist ja auch mit drin im Paket, also nur ein vermeintliches ins-Handwerk-pfuschen. Leben ist so nur einfach anstrengender als gelassen machen (zu lassen), bzw. ohne dem Gedankenkobold im Kopf allzuviel Aufmerksamkeit zu schenken. Der einem natürlich einreden will, wie wichtig man ist und wie wichtig das Tun (vor allem für andere!!!)…

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  4. Brigitte schreibt:

    drollige, ernste und heitere Momente mit Herman von Veen, die genieß ich grad sehr 😉

    Ich lieb diesen Mann, seine Kunst, sein Gesang, sein Lächeln, und wie er da auf der Bühne so rumtobt, so völlig ausgelassen wie ein Kind, und sich dabei völlig vergisst, des is so schee 🙂

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