Wozu glauben?

 


Das is ne Frage! Und das am Karsamstag! Also, wozu glauben? Ist doch klar: Um in den Himmel zu kommen, um endlich meine 72 Jungfrauen zu kriegen, um mit der Kirche gute Geschäfte zu machen, um vor den Leuten gut dazustehen , … um endlich aus gutem Grund meine Mordgelüste austoben zu können. Wozu? Das muss doch einen Zweck erfüllen! Alles muss einen Zweck erfüllen, ich auch – oder doch nicht? Die Sendung beginnt mit der Aussage des Moderators Jo Schück: „Das [der jüngste Anschlag in Stockholm] war bestimmt wieder einer dieser religiösen Fanatiker, die im Namen ihrer Religion Menschen umbringen.“
Da sitzen also Hamed Abdel-Samad, Margot Käßmann und Friedrich C. Delius und reden über den Nutzen von Religion. Das war schon ein bemerkenswertes Trio. Der Schriftsteller und Pastorensohn Delius vertrat zu meiner Freude die Auffassung, dass Nicht-Glauben viele Probleme erst gar nicht entstehen lässt, dass Nichtglauben einfach viel mehr Freiheit bedeutet; Abdel-Samad, Deutschlands bekanntester Islam-Gegner,  meinte, dass Kirche und Staat endlich radikal getrennt werden müssten und dass der Glaube nur reine Privatsache sein dürfe; Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, heute „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017“, vertrat eine konsequente Weiterführung der Reformation Luthers sowie Toleranz gegenüber Andersgläubigen … als ehemaliger Evangele war ich erstaunt, was von der mir bekannten evangelischen Kirche noch übrig geblieben ist. Erstaunt und keineswegs entzückt, denn der Weg der permanenten Reformierung bedeutet, die Möglichkeit, dass die ganze Reformiererei zu überhaupt nichts führt und dass der Standpunkt von Delius „kein Glaube ist besser als Glaube“ nicht einmal in Erwägung gezogen werden darf. Da ist Abdel-Samad zumindest für den Islam sehr viel radikaler mit seiner Aussage: „Der Islam ist nicht reformierbar“.

Hauptsache, er hat was zum Festhalten!

Da steckt also eine interessante Frage drin: „Ist Kirche überhaupt reformierbar?“ Klar ist sie das. Die Kirche ist eine reine Institution und die sind immer reformierbar. Aber weiter zu der Frage: „Ist Glaube reformierbar?“ Also wenn die Gläubigen nicht allzu stur am Alten haften, kann man jederzeit beim christlichen Abendmahl aus einem „Dies ist mein Leib.“ ein „Dies bedeutet mein Leib.“ basteln. Na prima. Stur ist allerdings nicht nur der Islam. Und da wo die Sturheit an Kraft verloren hat und alles ständig neu definiert wird, um zu retten, was zu retten ist, ist die Frage erlaubt, ob das dann überhaupt noch Religion ist. Denn Glaubensinhalte bilden im Prinzip keine Verhandlungsmasse. Da hängt die Leiche an den Schläuchen und der Arzt weigert sich, den Stecker zu ziehen. An so’ner Leiche lässt sich noch lange Geld verdienen.

Ist der Buddhismus reformierbar? Ja, wenn es sich um eine Institution handelt. Nein, wenn es um die Erkenntnisse von Buddha geht. Ich kann an diese Erkenntnisse glauben, was der größte Schwachsinn wäre und Buddha geradezu beleidigen würde, wenn er überhaupt noch zu beleidigen wäre. Buddhas Aussagen können jedoch etwas bei dem, der davon hört, auslösen. Das kann allerdings auch die Vogelscheiße, die gerade auf meinem Kopf landet. Es gibt den bekannten Spruch „Schönheit liegt im  Auge des Betrachters.“ Natürlich nicht nur Schönheit, alles liegt im Auge des Betrachters. „Schönheit“ kann einfach nicht definiert werden. Es gibt keine objektive Schönheit, da stimme ich nicht mit George I. Gurdjieff (Objektive Kunst) überein, aber Gurdjieff war halt auch so was wie ein Schulleiter.
Gestern hat mir ein guter Freund den Link zu dem Video unten geschenkt. Darin taucht ein gewisser Jonathan Meese auf. Der taucht ja auch im Video oben auf. Der taucht überhaupt gerade mit Macht auf – und diesmal könnte man sich fragen: „Wozu Kunst?“ Genauso wie man sich fragen kann, was eigentlich Religion ist, kann man das auch bei dem Begriff Kunst. Das „Wozu“ können wir uns wohl in beiden Fällen schenken. – L’art pour l’art? So weit kommt’s noch! Unerhört! Oder doch nicht?

Boris

Früher schien das alles viel klarer zu sein. Kunst steht im Dienste von Kirche und Staat oder irgendwelchen Reichen und Mächtigen – die Story vom sozialistischen Realismus, wie sie mir mein Freund Boris erzählt hat, fällt mir gleich ein. Uns wurde etwa in der Klasse für angewandte Malerei gesagt: „Wenn der Metzgermeister Huber über seiner Tür eine Sau gemalt haben will, dann freut euch gefälligst über den Auftrag!“ Na klar, auch Künstler müssen ihre Brötchen verdienen. L’art pour l’art? – und wer soll mir dafür Geld geben? Und was soll jetzt überhaupt Kunst sein? Die Sau über der Tür oder das, was da gerade aus mir herausbricht. Ist das, was dieser Jonathan da produziert, Kunst? Könnte ich da nicht gleich behaupten: Was diese Psychotiker da rumgeschmiert haben, ist Kunst? Oder die Kinder? Oder die Spuren, die eine Schnecke bei ihrer Wanderung über ein Blatt hinterlassen hat? Oder überhaupt diese unglaubliche Natur? Warum eigentlich nicht?

Heinz Butz fällt mir ein, natürlich. Wenn wir beim Aktzeichnen waren, setzte er sich manchmal neben einen und zeichnete vielleicht das Knie des Modells. Das war geradezu erotisch, die Begegnung seines Bleistifts mit dem Papier. Darin lag eine unendliche Zärtlichkeit und ich versank beim Zuschauen immer in einer tiefen Andacht. Da war keine Trennung mehr zwischen Modell, Zeichner, dem Stift, dem Papier, der Form, die da auf dem Papier entstand und mir, dem Betrachter. War das Kunst oder war das Religion? Der Teufel hole alle Definitionen! Bodhidharmas „Offene Weite – nichts von heilig“, schließt das alles ein. Schließt natürlich auch Jonathan Meese ein. Schließt alles ein, was die bürgerlichgeistige Enge sprengt. Und das besorgt Jonathan ja nun absolut gründlich. Kunst zerstört, muss zerstören, damit wieder diese offene Weite sichtbar werden kann. In diesem Punkt stimmen Kunst und Religion völlig überein, nee, sollten übereinstimmen: Alles, was Bodhidharmas Weite im Wege steht, sollte zerstört werden. „Wir arbeiten hier für den Papierkorb“, hat Butz gesagt und auch das bedeutet Zerstörung, auch wenn dies auf seine sanfte Art geschah. – Und wer bezahlt mir jetzt meine Brötchen? -Woher soll ich denn das wissen? Sehet die Vögel unter dem Himmel – ähem, die verhungern oft genug.

 

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3 Antworten zu Wozu glauben?

  1. Inge schreibt:

    Das, lieber Nitya, ist ja ein echter Hammer heute morgen (J.Meese kannte ich nicht, ohne TV gibt es noch Schock-Effekte). Es gibt so etwas wie einen Vorgeschmack ab für die ‚Anarchie‘ zwischen Zusammenbruch und ‚…wie Phönix aus der Asche‘.
    Doch fand ich auch gerade dies:’Genau genommen, sehe ich ja gar nichts, sondern „das allsehende Auge“ sieht – Was auch immer gesehen wird, es wird als Erscheinung gesehen. Also, es ist egal, was ich denke, fühle und tue. Es erscheint einfach, erscheint, erscheint, erscheint…‘
    Entspannung ~ ~ ~ ~ ~

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    • Nitya schreibt:

      Stell dir vor, liebe Inge, du lagst friedlich in deinem Bett. Plötzlich kommt ein Mörder und drückt dir die Kehle zu. Und du, weiterhin friedlich und entspannt, murmelst: „Es erscheint einfach, erscheint, erscheint, erscheint…“

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  2. Inge schreibt:

    Ich stelle mir das vor – und, es ist genau so wie du sagst

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