Huang-po: „Schwert der Soheit“ – wat’n dit?

 

Werden sogenanntes Wissen und Schlussfolgerungen nicht verdaut, dann werden sie zu Giften, denn sie gehören nur zur Ebene des Samsāra. Im Absoluten gibt es nichts dergleichen. Darum heißt es: „In der Waffenkammer meines Herrn gibt es kein Schwert der Soheit.“ Alle Begriffe, die du in der Vergangenheit gebildet hast, müssen abgetan und durch die Leere ersetzt werden. Wo der Dualismus aufhört, dort ist die Leere, die der Schoß des Tathāgatas ist. Der Ausdruck „Schoß des Tathāgatas“ besagt, dass dort nicht eine Haaresbreite von irgendetwas existieren kann. Darum hat sich der Dharmarāja [der Buddha], der jeden Gedanken einer objektiven Existenz niederriss, in dieser Welt manifestiert und gesagt: „Als ich bei Buddha Dīpamkara war, gab es auch nicht das kleinste Teilchen von irgendetwas, das ich hätte erreichen können.“ Diese Worte sollen dein auf Sinneswahrnehmungen aufgebautes Wissen und deine Schlussfolgerungen entleeren. Nur wer jede Spur von empirischem Wissen abtut und aufhört, sich auf irgendetwas zu verlassen, kann ein vollkommen befriedeter Mensch werden.

aus: Huang-po, Der Geist des Ch’an“
„In der Waffenkammer meines Herrn gibt es kein Schwert der Soheit.“ – Kürzlich wollte jemand von mir etwas zu Laotse hören, „um seine Kenntnisse zu erweitern“. So haben wir es mal in der Schule gelernt, es ging immer nur um Erweiterung der Kenntnisse. Ich lese in irgendeinem wichtigen Buch etwa diesen Ausdruck „das Schwert der Soheit“ und füge ihn meinem spirituellen Wortschatz hinzu. Er klingt ja auch wirklich sehr vielsagend und geheimnisvoll und man kann auf jedem Treffen mit seinen spirituellen Freunden damit glänzen.
Das genau ist die Gefahr, wenn jemand von seinem Wissen berichtet. Ich erinnere an Shankaras Ausspruch: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Aber es ist ja noch schlimmer: Worte können gesammelt werden und dem Schatz der bereits gesammelten Worte oder Redewendungen hinzugefügt werden. Jetzt kann sich der stolze Besitzer bzw. der Herr der Worte einbilden, irgendetwas zu wissen, da er doch sein Leben lang seine Kenntnisse erweitert hat. Sich mit solchen Menschen verständigen zu wollen, ist wirklich ein hartes Brot. Man kriegt nur hohle Phrasen um die Ohren gehauen und soll dafür auch noch vor Ehrfurcht und Bewunderung auf die Knie fallen.

Ich wurde schon des Öfteren gefragt, warum ich nichts über oder zu „DAS“ sagen will. Ich will ja nicht einmal etwas dazu sagen, warum ich nichts dazu sagen will, und muss dabei gleich wieder an Rilkes „Ich fürchte mich so vor des Menschen Wort“ denken. Da ist immer das Gefühl, etwas zu zerstören, wenn ich etwas sagen soll, was nicht zu sagen ist. Ich vermute, das könnte auch der Grund sein, warum sich manche so schwer tun „Ich liebe dich“ zu sagen. Plötzlich wird das, wofür das Wort „Liebe“ steht, zum Objekt gemacht, mit dem auf jede nur erdenkliche Weise Politik gemacht werden kann.

Kürzlich hat uns Punito freundlicherweise an Bodhidharmas Hinweis erinnert, der in dieselbe Richtung zielt:

Das Wesen des Geistes, recht verstanden,
Lässt sich durch Menschenwort nicht greifen noch vermitteln.
Erleuchtung lässt sich nicht erlangen,
Und der sie findet, sagt nicht, dass er weiß.

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7 Antworten zu Huang-po: „Schwert der Soheit“ – wat’n dit?

  1. ananda75 schreibt:

    Als ich noch ziemlich klein war… da hab ich das noch nicht verstanden… meine Mutter meinte, über manche Dinge, Gott, Religion, was genau sie gesagt hat, weiß ich nicht mehr, aber den Kern hab ich irgendwie erfasst, als sie sagte „Sprich nicht darüber, sie zerreden es dir“
    Als natürlich gläubiger Mensch in einer atheistischen Familie und als poetischer Mensch in der Zeit des „Wieder-Aufbaus“, als sie alle nur mit Geld ranschaffen und Möbel kaufen beschäftigt waren, wusste sie wohl, wovon sie sprach…. Sprich nicht darüber, sie zerreden es dir….

    Und dann wollte ich dir mal sagen, dass ich mich immer wieder erfreue an deinen Fröschen und sonstigen Bildern, die du da ganz unglaublich immer wieder auftreibst von irgendwo für deine Beiträge 🙂
    Ich glaub, ich nominier dich mal für meinen liebsten Blog-Award 😆
    Nee, nur Scherz, ich lehne diese Awards auch immer dankend ab 😉

    Einen wunder-schönen Tag dir ❤

    Gefällt 1 Person

  2. punitozen schreibt:

    ……Plötzlich wird das, wofür das Wort „Liebe“ steht, zum Objekt gemacht, mit dem auf jede nur erdenkliche Weise Politik gemacht werden kann. ….

    天哪 [天哪] 🙂
    Tiānnǎ

    Gefällt 1 Person

  3. kopfundgestalt schreibt:

    Wieso soll’s er nicht sagen?

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  4. Heilsame Wege - für Ihre GesundheitPetra schreibt:

    Meine Frage zu diesem Thema; gibt es die wortlose Unterweisung?
    Vielen Dank

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Petra, kurze Antwort: Nein.

      Als Buddha dem Kashyapa sein Blümchen überreichte, lächelte dieser. Er hatte wortlos verstanden. Tausende Jünger saßen drumherum und verstanden überhaupt nichts. Das wäre eine schlechte Unterweisung gewesen. Nein, wenn es geschehen soll, wird es geschehen. Es ist wie ein Unfall. Es gibt eine Geschichte über die Nonne Chiyono, du kannst sie hier finden: http://www.sasserlone.de/zitat/4916/buddhistische.anekdote/ Was die Geschichte sagt, ist, dass es wie ein Unfall ist. Dafür braucht es auch keinen Lehrer. Ich kann über einen Stein stolpern und es kann passieren. Kashyapa passierte es, als Buddha seine Blume hochhielt. Mein Kunstprofessor zeigte vor über 50 Jahren auf einen Riss in einer alten Mauer und flüsterte: „Spüren Sie’s?“ und es passierte. Vielleicht hat er was ganz anderes gemeint. Das ist nicht wichtig. Es ist einfach ein Moment völliger Offenheit. Eigentlich ist ja schon immer alles da, aber wir bemerken es nicht, weil wir mit unserem Kopf mal wieder sonstwo unterwegs sind.

      Ich hoffe, du kannst mit meiner Antwort etwas anfangen. Wenn nicht, frag gerne weiter.

      Herzlichst
      Nitya

      Gefällt 1 Person

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