Karl Renz: Form und Nicht-Form im selben Augenblick sehen

 

Die Form wird vom Auge wahrgenommen.
Das Formlose wird geistig erkannt.
Das Selbst ist nicht zu beschreiben,
weder als Sein, noch als Nicht-Sein.

Dattatreya, „Avadhuta Gita 2.18“

Du musst die Form und die Nicht-Form im selben Augenblick sehen. Du erkennst, dass das, was Form ist, formlos ist und du bist das, was diese Form sieht – du bist die Quelle von beidem. Du bist Leere und Fülle, oder das, was Form ist und Nicht-Form, weil beides als das vorhanden ist, was du bist – als etwas dem Raum Gleiches und als das, was nicht einmal Form ist. Du bist keine Form und du bist noch nicht einmal Raum.

aus: Karl Renz, „Erstes und Letztes“

Falls ihr es nicht selbst gesehen haben solltet: Das ist ein sog. Vexierbild – eins von der eher gemeinen Sorte. Auf den ersten Blick erkennt man vielleicht, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Da hängt eine unbekleidete Frau am Fensterrahmen irgendwie in der Luft, also nee, komisch. Und dann fängst du vielleicht zu suchen an. Und wenn du richtig gut drauf bist, kannst du vielleicht sehen, dass es sich um zwei Bilder in einem handelt. Also zuerst sieht man da eine nackte Frau vor einem Fenster – aber vielleicht seh ich das bloß, weil ich ein altes Ferkel bin? Dann sieht man vielleicht den Wäschetrockner vor dem Fenster mit der Wäsche –  sind das vielleicht Strümpfe, die da hängen? Aber was wird aus der Frau, wenn das nicht ihre Beine, sondern Strümpfe sind? Ist das ein Sektglas auf dem Fensterbrett und nicht die Kreuzbein-Po-Gegend der Frau? Dann die Katze – und darüber ein Regal …? So, langsam  entfaltet sich das zweite Bild. Aber, um endlich auf den Punkt zu kommen: Könnt ihr beide Bilder gleichzeitig sehen? Aber in beiden Fällen handelt es sich „nur“ um Formen, nur um Bilder. Und jetzt wird’s  richtig happig: Könnt ihr, wie das der Karl fordert, Form und Nicht-Form im selben Augenblick sehen?

Dattatreya: „Die Form wird vom Auge wahrgenommen. Das Formlose wird geistig erkannt.“ Also bevor jetzt jemand versucht, Nicht-Form zu sehen, wie das der Karl sagt: Du wirst nur halluzinieren, wenn du da was zu sehen glaubst. Das Formlose kann natürlich nicht gesehen werde. Aber, sagt Dattatreya, du kannst es „geistig erkennen“. So, jetzt bist du so schlau wie vorher: Wie kann ich Nicht-Form geistig erkennen? Na ja, zumindest versuchst du vielleicht nicht, dir was vorzumachen. Ich kann ja nur sagen, dass der Dattatreya das völlig richtig beschrieben hat.

Und „das Selbst“? „Das Selbst ist nicht zu beschreiben“, sagt Dattatreya, „weder als Sein, noch als Nicht-Sein.“ Wie willst du es dann wahrnehmen?

Na hoffentlich kann mein Gefasel irendjemand noch verstehen. Ich häng irgendwie noch immer im Dämmerschlaf rum. So richtig schön gaga.

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6 Antworten zu Karl Renz: Form und Nicht-Form im selben Augenblick sehen

  1. Inge schreibt:

    Einen schönen guten Morgen, llieber Nitya! Es scheint ja völlig egal zu sein, ob du hellwach oder ‚…irgendwie immer noch im Dämmerschlaf rumhängst und so richtig schön gaga bist.‘ Das ist nicht zu verstehen!!! Und Karl verstehe ich auch nicht mit seiinem ‚…du musst…‘ und ‚du bist…‘ Aber das Zitat aus „Avadhuta Gita 2.18“ Dattatreya ist eingängig: „Die Form wird vom Auge wahrgenommen. Das Formlose wird geistig erkannt. Das Selbst ist nicht zu beschreiben,weder als Sein, noch als Nicht-Sein.
    Grüße an den Tag und den Frühling – Inge

    • Nitya schreibt:

      Liebe Inge, Hauptsache der Frühling hat dich voll erwischt und du tanzt vergnügt durch die Gegend. Was den Karl betrifft, es wäre immerhin möglich, dass er auch gerade aus einem Dämmerschlaf erwacht ist oder was Schweres gegessen hat, was ihm jetzt quer im Magen liegt. Mit dem einen kannst du was anfangen, mit dem anderen nicht; davon lassen wir uns doch nicht die Laune verderben. Gell?

  2. fredoo schreibt:

    Es war (und ist) mir ein „zusätzliches“ … Soll heißen ein nach wie vor übliches Formerfassen … und zusätzlich (!) ein „wissen um“ … was aber kein „etwas“ wissend erfasst , sondern genau dadurch „weiß“ , das es das „Bodenlose“ (jeder) Form nicht mehr vergessen kann … und das dies unbezweifelbar wurde …

    Dieses (lediglich) „zusätzliche“ erscheint mir besonders erwähnenswert … denn häufig sehe ich mich im Gespräch konfrontiert mit einer Vorstellung von „besser“ , „tiefer“ , „erweiterter“ , „feinstofflicher“ , und und .
    Jedoch das was da als Form bereits völlig perfekt Form ist , kann weder erweitert noch verbessert werden … Und auch eine „feinstofflicherer“ Form ist immer auch Form und wird es stets bleiben .

    Dieses „zusätzliche“ resultiert aus einem MOMENT (ohne Form) … aus dem , was ich manchmal auch die plötzliche Offensichtlichkeit des „leeren EIGENTLICHEN“ nenne …

    Es zeigte sich die leere Leinwand , die den Hintergrund jeder Form bildet . Gar nicht spektakulär oder atemraubend , sondern seltsam zart und simpel … ES „zeigt“ sich jedoch nicht durch ein „etwas“- zeigen , sondern ES „bleibt übrig“ , in dem alle gewohnten „Etwasse“ plötzlich versiegen und eine Art Sturz der Aufmerksamkeit/Wahrnehmung ins „Bodenlose“ stattfindet … Damit fällt diese wahrnehmende Aufmerksamkeit gewissermaßen in sich selbst zurück …. wie gesagt , nicht spektakülar sondern so schlicht und simpel , dass man diese erstmals bemerkte UNMITTELBARKEIT fast übersehen könnte und beiläufig mit Tagträumereien assoziieren möchte … seltsam nur , dass diese SIMPLIZITÄT danach unvergessbar bleibt … auch der raffinierteste „Formgeber“ , unser aller Erinnerung , vermag dieses unbeschreibbare ES =“Nicht-Etwas“ nicht wieder einzukleiden …

    und es verbleibt , dieses „Zusätzliche“ im weiteren Leben … das Form-an-Form-Spiel geht weiter wie gewohnt ( und nix dabei ist besser oder erweiterter ) … jedoch jetzt zusätzlich verbleibt diese Gewissheit um die „Bodenlosigkeit“ jeder dieser Formen … seien sich glücklich oder schrecklich dekoriert …
    Und eine Art schmunzeldes Wissen darum , das es … letzlich … nie anders war … Dass also diese „Bodenlosigkeit“ bereits von Anbeginn des Menschseins „gewusst“ wurde , dass man sie lediglich aus Gewohnheit an – und Faszination durch – die Formenwelt chronisch übersehen hatte …

    • Nitya schreibt:

      Kleine Ergänzung am Rande: Wenn der ehrenwerte Herr Fredoo von Leinwand spricht, dann meint er natürlich nicht Leinwand. Nicht dass sich jetzt jemand auf die Suche nach einer Leinwand macht. Was er unter „Leinwand“ versteht, hat er hier in seiner unnahmlichen Art offenbart: „Dieses ‚Zusätzliche‘ resultiert aus einem MOMENT (ohne Form) … aus dem , was ich manchmal auch die plötzliche Offensichtlichkeit des ‚leeren EIGENTLICHEN‘ nenne …“

  3. Alexandra schreibt:

    Am Grunde eines Teichs im Sumpf,
    zwischen Algen und Wassergrün,
    da saß vor seinem Haus ein Mumpf
    und mumpfte vor sich hin.
    Eine Mümpf, die ihres Weges kroch,
    blieb atemlos bei ihm stehn
    und keuchte:
    „Ach, Mumpf, so denk Dir doch,
    ich habe einen Menschen gesehen!
    Einen richtigen Menschen mit Arm und Bein
    und einem schönen Gesicht!“
    Da knurrte der Mumpf: „Lass die Kindereien!
    Denn Menschen gibt es doch nicht.
    `s ist längst bewiesen, dass außer dem Teich
    ein Leben nicht möglich wär.
    Und Menschen sind – entschuldige nur gleich! –
    doch bloß eine Kindermär.
    Drum wende dich lieber der Wirklichkeit zu:
    Unserm, nahrhaften Schlick und Schleim.
    Und vor allem sag mir, wie findest du
    Mein neues, prächtiges Heim?“
    Da lachte die Mümpf ihn einfach aus:
    „Ach, Mumpf, lass Dein dummes Geschniefel!
    Worin Du da wohnst, dein neues Haus
    Ist ein alter Kinderstiefel!“
    Manche sagen nach diesem Gedicht:
    „Ach was, einen Mumpf – den gibt es doch nicht!“
    Michael Ende

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