Leo N. Tolstoj: Rettung und Strafe des Menschen

 

So lebten wir in einem ewigen Nebel, ohne die Lage zu erkennen, in der wir uns befanden. Und wenn das nicht gekommen wäre, was schließlich gekommen ist, so hätte ich bis in mein hohes Alter so weiter geglaubt und noch auf meinem Sterbebett gedacht, ich hätte ein ganz gutes Leben hinter mir, zwar nicht durchweg gut, aber auch nicht schlecht, ein Leben, wie alle es leben. Ich hätte den Abgrund von Unglück und schändlicher Liebe, in dem ich zappelte nie erkannt.

Wir waren zwei Sträflinge, die an eine Kette geschmiedet sind, einander hassen, sich gegenseitig das Leben vergiften und sich bemühen, das nicht zu sehen. Ich wusste damals noch nicht, dass von hundert Ehepaaren neunundneunzig in der gleichen Hölle lebten wie ich und dass es nicht anders sein konnte. Damals wusste ich das weder von den anderen noch von mir.

aus: Leo N. Tolstoj, „Die Kreuzersonate“

Da gibt’s ja diese Story über Jiddu Krishnamurti: Jemand preist den gewaltigen Fortschritt an, dass jetzt auch Frauen in die Kirche und zu Gott beten dürften. Krishnamurti soll ganz trocken gesagt haben: Aber Gott ist doch gar nicht in der Kirche. Zur Zeit können wir lesen, dass die SPD die Homo-Ehe noch vor der Bundestagswahl will. Krishnamurti würde jetzt vielleicht etwas in der Art sagen: Ja aber die Liebe ist doch gar nicht in der Ehe. Und ich muss an Kurt Tucholskys Gedicht „Danach“ denken, in dem es so schön heißt: „da hat sie nun den Schentelmen. Na, und denn – ?“ Muss ja keine Sie sein, die sich den Schentelmen ergattert hat, sondern auch ein Er. Oder eine Sie die sich eine Schentelledi unterden Nagel gerissen hat. Ist doch pottpiependeckelegal. Und darum schließt Tucholsky sein Gedicht mit dem Vers:

Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Von hundert Ehepaaren leben neunundneunzig in der gleichen Hölle, sagt Tolstoj. Also dürfte nicht nur Tucholskys oller Mann so miesepetrig zurückdenken. Keine Organisation, keine Lebensform bietet irgendeine Garantie auf Gück. Tolstoi fällt zu dieser Scheißsituation dies ein:

Eine Periode der Liebe – eine Periode der Erbitterung; eine heftige Periode der Liebe – eine längere Periode der Erbitterung; eine schwächere Periode der Liebe – eine kürzere Periode der Erbitterung. Damals begriffen wir nicht, dass es sich um das gleiche tierische Gefühl handelte, nur von verschiedenen Seiten erfasst. Es wäre entsetzlich gewesen, so zu leben, wenn wir unsere Lage begriffen hätten; aber wir begriffen und sahen sie nicht. Darin liegt zugleich die Rettung und die Strafe des Menschen: Wenn er verkehrt lebt, dann kann er sich etwas vortäuschen, um das Furchtbare seiner Situation nicht zu sehen.

Die Gedanke Tolstojs lassen sich mühelos auf jede andere Situation und Konstellation übertragen. Oder wie es Brecht sang: „Ja; mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch´nen zweiten Plan gehn tun sie beide nicht.“ Oder wie es der Prediger formulierte: „Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Haschen nach dem Wind.“

Und jetzt, bevor ihr euch alle einen Strick kauft: Genauso soll es anscheinend sein. Wer ganz ohne Hoffnung auf ein Anderssein ist, schaut einfach zu – auch seiner eigenen Abstrampelei und seiner ständigen Hoffnungsproduziererei und auch wenn das dem guten Tolstoj nicht so recht gelungen zu sein scheint- vielleicht kann er sogar darüber lachen.

 

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5 Antworten zu Leo N. Tolstoj: Rettung und Strafe des Menschen

  1. kopfundgestalt schreibt:

    „Hoffnungsproduziererei“ ist gut. 🙂

  2. Gerhard Mersmann schreibt:

    Junge, Junge, das ist ein Wort zum Montag!

    • Nitya schreibt:

      Lieber Gerd,

      da rettet dich nur Oshos dezenter Hinweis: „Sei dir selbst ein Witz, der dich erheitert!“

      Ich hoffe, der kleine Hinweis rettet dich über den Tag.

  3. Pingback: Das Wort zum Montag | per5pektivenwechsel

  4. punitozen schreibt:

    …. So oder so , ist es recht ! 🙂

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