Hui Hai: Zeit

 

Es gibt kein einzelnes Ding (dharma), das man ergreifen oder ablegen kann. Wenn du damit aufhörst, Dinge in ihren zeitlichen Aspekten zu betrachten, als entstanden oder vergangen, dann gibt es im ganzen Kosmos nicht ein Körnchen von irgendetwas, das nicht zu deinem eigenen Schatz gehört … Suche nicht mit deinem Intellekt nach der Wahrheit. Suche überhaupt nicht. Die Natur des Geistes ist ganzheitlich. Deshalb steht im Avatamsaka-Sutra: „Kein Ding hat einen Anfang, kein Ding hat ein Ende.“

Hui Hai

Anmerkung

‚Dein eigener Schatz‘, was sich aus relativer Sicht, wie ein objektiver Begriff liest, meint hier das ‚absolute Wirken dessen, was du bist‘. In relativer Sprache könnte man dies kaum klarer offenbaren. Wir müssen es nur direkt erfassen.

*****

Großes Spiel

Solange wir ‚Zeit und Raum‘ stillschweigend als wahre Größe akzeptieren, ist alles, was wir sagen und tun, metaphysisch gesehen unsinnig, oder – weniger scharf formuliert – Spielerei.

Vermutlich verschließen wir unsere Augen davor, dass wir instinktiv wissen, dass das Eingeständnis ihrer faktischen Nicht-Existenz das gesamte Gebäude der Phänomenalität in die Luft jagen würde – denn nur die ‚Noumenalität‘ kann überleben.

aus: Wei Wu Wei, „Nachrufe“
Nur die Noumenalität kann überleben, sagt Wei Wu Wei. Von Hui Hai überliefert ist der Satz: Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen. Dies nahm er als Verpflichtung für seine Schüler, aber auch für sich selbst. Als er so alt war, dass seine Schüler meinten, er müsse sich jetzt schonen, versteckten sie sein Werkzeug, worauf Hui Hai sich weigerte, Nahrung zu sich zu nehmen. Von eben diesem Hui Hai stammt allerdings auch die folgende Aussage: Ihr tätet gut daran, Menschen des Nicht-Handelns zu werden. Unablässig seid ihr mit irgendetwas beschäftigt. Ihr gebt vor, die Wahrheit zu suchen, euch in der Meditation zu üben, und legt eure Auffassungen über die Buddha-Lehre dar. Dieses ganze Treiben ist nur hinter leeren Worten her sein und ist völlig sinnlos. Unmittelbar nachdem mir mein Lehrer sagte: ‚In deiner eignen Schatzkammer ist alles in seiner ganzen Vollkommenheit enthalten. Du solltest besser davon Gebrauch machen als vergeblich irgendwo sonst danach zu suchen‘, habe ich das ganze Suchen eingestellt. Hebt die Schätze, die in euch verborgen liegen und – was kann es Besseres geben – macht von ihnen Gebrauch! Und das als Schatz Bezeichnete ist nichts anderes als das, was Wei Wu Wei Noumenalität nennt.

Klingt sehr widersprüchlich. Einerseits treibt Hui Hai seine Schüler zum Arbeiten an, andererseits wirft er ihnen vor, unablässig beschäftig zu sein, und zu allem Überfluss fordert er sie auch noch auf, Menschen des Nicht-Handelns zu werden.

Ich kann ja nur spekulieren. „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen“, klingt ja ganz realistisch. Andererseits erinnert es an das bei uns bekannte „Ora et labora!“ Vielleicht ist Hui Hais Aufforderung nicht nur als notwendige Überlebensstrategie zu verstehen, sondern auch als Methode, die Schüler davon abzuhalten, ständig die Wahrheit zu suchen, sich in der Meditation zu üben, sowie ihre Auffassungen über die Buddha-Lehre darzulegen. Arbeit hat darüber hinaus den genialen Effekt, sich im Hier und Jetzt zu verankern und wie ein Kind beim Spielen die Zeit zu vergessen. Und das nicht-handelnde Handeln ist ja, wie ihr alle wisst, kein Widerspruch in sich.

Hui Hai sagt: „Wenn du damit aufhörst, Dinge in ihren zeitlichen Aspekten zu betrachten, als entstanden oder vergangen, dann gibt es im ganzen Kosmos nicht ein Körnchen von irgendetwas, das nicht zu deinem eigenen Schatz gehört …“ Wenn du ganz mit dem bist, was gerade ist, bist du ganz im „absolute Wirken dessen, was du bist“(Wei Wu Wei) aufgegangen und damit ist auch jede Suche verschwunden.

 

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5 Antworten zu Hui Hai: Zeit

  1. ananda75 schreibt:

    „Es gibt kein einzelnes Ding (dharma), das man ergreifen oder ablegen kann. Wenn du damit aufhörst, Dinge in ihren zeitlichen Aspekten zu betrachten, als entstanden oder vergangen, dann gibt es im ganzen Kosmos nicht ein Körnchen von irgendetwas, das nicht zu deinem eigenen Schatz gehört … “

    Das is doch super – so machen wir das und dann können wir uns jetzt entspannen 🙂

    Alles Liebe ❤

    • Eno Silla schreibt:

      Vielen Dank, liebe Brigitte. Eines führt zum Anderen.
      Nach der wunderbaren Deva P. stieß ich auf dieses:

      Sehr relaxend! Bestimmt auch gut anzuhören, zur Erholung von einer anstrengenden OP…

  2. Eno Silla schreibt:

    Ich habe Platz genommen,
    Im großen Konzertsaal des Alls.
    Am Rande eines Kiefernwäldchens.
    Ein Buchfink singt im Glanz des Sonnenscheins,
    Begleitet vom rhythmischen Knacken
    Der, in der Wärme der Sonne,
    Aufplatzenden Kiefernzapfen.
    Zeit? Keine Frage in diesem grandiosen Spiel.
    Nur jubelnder Applaus…

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