Karl Renz: Du bist die Ursachenlosigkeit selbst

 

Frage: Können wir über den Unterschied von „Ich“ und „Ich bin“ sprechen? Mich verwirren diese beiden. Du hast gesagt: „Ich bin“ ist das Formlose und „Ich bin so und so“ ist Form.

Karl: Genau. Und das reine „Ich“ ist Formlosigkeit. Es ist die Quelle von Form und Nicht-Form, also Gewahrsein. Darin gibt es nicht einmal die Idee von „Nicht-Form“. Es gibt kein zweites Gewahrsein. Es gibt nicht einmal Raum. Das „Ich bin“ ist bereits raumartiges, formloses Bewusstsein. Und aus diesem Raum oder dieser Leere kommt es zur Form – In-form-ation. Beides entspringt zusammen dem, was Gewahrsein ist.

Frage: Also ist das „Ich bin“ potenziell Form?

Karl: Nein. Das „Ich bin“ ist bereits formartig. Selbst die Nicht-Form ist eine Art von Form. Sie treten gemeinsam auf. Es gibt keine Form ohne Nicht-Form. Es gibt keine Leere ohne Fülle. Beides erscheint zusammen aus dem, was Vater ist, Gewahrsein.

aus: Karl Renz, „Eight Days in Tiruvannamalai“Weil der Karl das grad wieder so schön verbal dargestellt hat, hab ich mich ganz zwangsläufig an das Bildchen erinnert, das ich mal vor langer Zeit gebastelt habe. Da kann man die drei … Ebenen ist falsch, Dimensionen auch, weiß nicht wie ich das nennen soll … da kann man also die drei *** veranschaulicht sehen.

Aber das sind natürlich auch wieder nur Symbole, so wie Karls Worte. Beim Offensichtlichsten angefangen, habe ich es mit der Existenz zu tun, die nur existieren kann in ihrer Plus-Minus-Polarität. Das ist die Basis des Dreiecks und stellt das dar, was für die meisten die ganze Welt ist. Mehr existiert für sie nicht, obwohl sie es zwar wahrnehmen könnten, es aber nicht bemerken, weil es nicht Teil ihres Glaubenssystems ist. Das, was sie nicht bemerken, ist Nicht-Existenz, ist das Fehlen von wahrnehmbarer Existenz. Nicht-Existenz ist die Polarität zur Existenz und so unteilbar mir ihr eins wie der Plus-Pol mit dem Minus-Pol unteilbar mit diesem eins ist. Sehen können wir jedoch im Allgemeinen nicht die Gleichzeitigkeit von allem. Wir sehen den Tag oder die Nacht und nicht Tag-Nacht. Wir sehen Existenz und vielleicht sogar das Nicht-Vorhandensein von Existenz und nicht Existenz-Nichtexistenz.

Dies widerspricht entschieden dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, wie ihn etwa Aristoteles formuliert hat: „Es ist unmöglich, dass jemand annehme, dasselbe sei und sei nicht.“ Jeder Mystiker würde das dem Aristoteles nicht bestätigen wollen. Aristoteles hat aus seiner Sicht ja durchaus recht. Seine Sicht ist die einer von allem getrennten Person, während der Mystiker weiß, dass er das Gewahrsein selbst ist. Und als Gewahrsein kann er die Einheit von Form und Leere, von Existenz und Nicht-Existenz erkennen. Es macht wenig Sinn, dem Aristoteles seine Sicht vorzuwerfen, so wenig wie es Sinn macht, dem Heraklit seine Sicht vorzuwerfen, wenn er etwa sagt: „Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Mangel.“ oder: „Wachende haben eine Welt gemeinsam – Schlafende haben jeder eine Welt für sich.“

So müßig es ist, jemandem seine Sicht vorzuwerfen, so müßig ist es, sich auf eine Version festzulegen und irgendeine Diskussion über „die Wahrheit“ zu beginnen. Es wird gesehen, was gesehen wird. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

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8 Antworten zu Karl Renz: Du bist die Ursachenlosigkeit selbst

  1. Alexandra schreibt:

    Guten Morgen Nitya! Bei deiner Zeichnung fällt mir das Buch „flächenland“ von Abbott ein … habe ich eben mal reingeschaut. Vielleicht sollte ich es mal lesen, als „Flachländer“…
    lieben Gruß in den Sonnenschein genießen, aber sehr frühen Morgen
    Alexandra

    Gefällt 1 Person

  2. Hagen Unterwegs schreibt:

    Mein lieber Nitja!

    Ich freue mich, wieder die Zeit gefunden zu haben, regelmäßig bei Dir zu lesen.

    Gerade Dein heutiger Impuls „Ich vs. Ich bin“ ist – so kommt es mir gerade – eventuell der Punkt, an dem ich aktuell hänge.

    Witzigerweise, so glaube ich, formulierst Du damit ein Prinzip, das sich auch im Lebensbaum der Kabbalah ausdrückt. Ich hatte es bisher nur nicht sehen können.

    Ich lasse es nochmal sacken.

    Gesegneten Gruß!

    Hagen

    Gefällt 1 Person

  3. kopfundgestalt schreibt:

    Der Wahrheitsbegriff scheint mir etwas obszön 🙂

    Gefällt mir

  4. Eno Silla schreibt:

    Einfach so am Wegrand:

    Heute
    Möchte ich nicht so schnell
    Über eine wunderschöne Linie auf Gottes Hand
    Hinweggehen,
    Wenn ich über den Marktplatz der Erde schlendere.

    Ich möchte nichts auf dieser Welt berühren,
    Ohne dass meine Augen
    In die Wahrheit einstimmen,
    Dass alles
    Mein Geliebter
    Ist.

    Etwas hat mein Verständnis vom Leben so verändert,
    Das mein Herz nun unentwegt
    Mit Staunen und Sanftheit
    Erfüllt.

    Ich möchte nicht so schnell
    Über diese heilige Stelle
    Auf Gottes Körper hinwegschreiten,
    Auf der du in diesem Moment stehst,

    Wenn ich
    Heute
    Mit dem kostbaren Leben
    Tanze.

    Hafiz

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