Henry David Thoreau: Respekt vor dem Individuum

 

Die Autorität der Regierung, selbst jener Regierung, der ich mich bereitwillig unterwerfen würde – denn ich werde freudig denen gehorchen, die besser als ich wissen und handeln, und in vielen Dingen selbst denen, die weder so gut wissen noch handeln können – ist noch immer eine unvollkommene. Um wahrhaft gerecht zu sein muss sie die Zustimmung und das Einverständnis aller Regierten haben. Sie kann kein anderes Recht über meine Person und mein Eigentum haben als das, welches ich ihr gewähre. Der Fortschritt von einer absoluten zu einer eingeschränkten Monarchie und weiter zur Demokratie ist ein Fortschritt hin zu einem wahren Respekt vor dem Individuum. Selbst der chinesische Philosoph [Konfuzius] war weise genug, das Individuum als die Grundlage des Reiches zu betrachten. Ist eine Demokratie, so wie wir sie kennen, die letztmögliche Verbesserung? Ist es nicht möglich, einen Schritt weiter zur Anerkennung und Regelung der Rechte der Menschen zu gehen? Es wird nie einen wahrhaft freien und aufgeklärten Staat geben, bis der Staat den Einzelnen als höhere und unabhängige Kraft anerkennt, von dem aus sich seine eigene Kraft und Autorität ableitet, und ihn entsprechend behandelt. Ich erfreue mich daran, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, allen Menschen gegenüber gerecht zu sein und der den Einzelnen mit Respekt als einen Nachbarn behandelt; der es nicht einmal für unvereinbar mit seinem inneren Frieden hält, wenn Einige außerhalb von ihm leben wollen, ohne seine Einmischung und Umarmung, jedoch alle Pflichten eines Nachbarn und Mitmenschen erfüllen. Ein Staat, der diese Frucht hervorbringt und sie endlich auch abwirft, sobald sie reif ist, würde den Grund für einen noch weiter perfekten und ruhmreichen Staat bereiten, den ich mir ebenfalls vorgestellt, aber noch nirgendwo gesehen habe.

aus: Henry David Thoreau, „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Ob zwischen Henry David Thoreau und Recep Tayyip Erdoğan je ein Gespräch hätte stattfinden können? Ich vermute mal, bevor das Gespräch stattgefunden hätte, wäre Thoreau bereits als Terrorist im Gefängnis gelandet. Denn Terrorist ist selbstverständlich jeder, der nicht will, was Erdoğan will.

„Eine Regierung kann kein anderes Recht über meine Person und mein Eigentum haben als das, welches ich ihr gewähre“, sagt Thoreau. Wie könnte ein Erdoğan dem jemals zustimmen? Das könnte ja nicht einmal eine sich so außerordentlich demokratisch darstellende Regierung wie die unsere. Erdoğan macht’s ein bisschen offener und brutaler, das ist der ganze Unterschied. Und auch der neue, angeblich satirische „extra 3/NDR-Erdoğan-Song“ kann nicht verschleiern, dass weder die Regierung Erdoğan noch die Regierung Merkel noch das EU-Parlament gewillt sind, mein Recht über meine Person und mein Eigentum in irgendeiner Weise zu respektieren.


Ja, die Regierung Merkel würde Henry David Thoreau vermutlich nicht als Terroristen bezeichnen und ihn nicht ins Gefängnis stecken. Vielleicht würde er sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Wir haben halt andere Methoden als die Türkei. Das Ergebnis dürfte dasselbe sein: Du wirst überhaupt nicht gefragt, ob du dem Staat das Recht gewährst, über deine Person und dein Eigentum zu bestimmen. Ich denk grad an die GEZ und an – ich hör schon wieder auf, sonst bin ich noch den ganzen Tag damit beschäftigt. Nicht der Staat darf nach Thoreau mir ein Recht einräumen oder mir verweigern, sondern ich dem Staat. Da ist er ganz bei Max Stirner, wenn der sagt: „Aber seht doch jenen Sultan an, der für ‚die Seinen‘ so liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? Ja wohl, für ‚die Seinen‘. Versuch‘ es einmal und zeige Dich nicht als der Seine, sondern als der Deine: Du wirst dafür, dass Du seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts als auf sich gestellt: er ist sich alles in allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagte, nicht einer der ‚Seinen‘ zu sein.“

Tja, der Sultan. Aber ist das bei einer Regierung, die auf einer angeblich freiheitlich demokratischen Grundordnung basiert wie die unsere, auch nur um ein Jota anders? Ach ja, es tut gut mit dem Finger auf den Sultan zu zeigen und sich in der Illusion zu baden, dass bei uns alles anders und besser wäre. Was meint ihr, wie das wäre, wenn wir endlich wieder Krieg hätten? Wie schnell hätten wir wieder sog. Notstandsgesetze, Einberufungen, Todesstrafe und andere Köstlichkeiten zu bewundern. Aber so weit muss es gar nicht kommen, zahlt einfach z.B. die GEZ-Gebühren nicht und guckt, was dann passiert.

Henry David Thoreau schreibt also „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Und ich antworte ihm mit Stirner: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. ‚Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!'“ Und nun soll also auch noch Thoreaus Sache Meine Sache sein? Nun soll ich mir von ihm auch noch eine Pflicht zum Ungehorsam aufschwatzen lassen?

Wenn ich mich nicht irre, lebe ich. Dinge geschehen und ich nehme wahr, dass sie geschehen. Illusionär oder real, Traum oder Wirklichkeit – was weiß ich? Am Mittwoch krieg ich mal wieder einen sog. Dämmerschlaf verpasst. Da nehm ich dann nichts mehr wahr. Das ist, als ob es mich nie gegeben hätte. Und Dinge geschehen dann auch nicht mehr, denn was ich nicht wahrnehme, geschieht nicht – für mich. Und gibt es irgendetwas außer mir? Am Mittwoch geht die Welt unter.

Ja, ja, du kannst mir viel erzählen!

 

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8 Antworten zu Henry David Thoreau: Respekt vor dem Individuum

  1. Eno Silla schreibt:

    Lieber Nitya,
    wenn am Mittwoch deine Welt untergeht, so gedenke ich Deiner, aus Respekt vor dem Individuum, als das du mir erschienen bist, falls meine Welt noch aufgeht!
    Alles Gute für die Schönheits-OP, für ein strahlendes Lächeln und kraftvollen Biß!
    Herzliche Grüße
    Eno
    PS: Gestern faszinierte mich dieses Blau im Grau, und heute auf dem Klo fand ich den Rumi dazu, ich finde der passt auch sehr schön zu Henry David Thoreau und Recep Tayyip Erdoğan:

    • Nitya schreibt:

      Na ja, Schönheits-OP, schön wär’s. lieber Eno. Dann würde ich das schön bleiben lassen.

      Dann wollen wir mal hoffen, dass am Mittwoch deine Welt noch aufgeht, auf dass du meiner gedenken kannst.

      Alles pass irgendwie zu allem, gell. Find ich auch. Und ja, Gotteswerk ist nichts als Verwirrung, da hat er schon recht, der Rumi.

      Herzlichst
      Nitya

      • Eno Silla schreibt:

        Keine Schönheits-OP, lieber Nitya? Ich hatte noch deinen Kommentar auf Neuss in der Erinnerung…
        Wie auch immer, OP ist OP und schlafen gehen ist schlafen gehen – alles kommt zur Ruhe…
        Heute war ja wieder ein wunderschöner Frühlingstag. Ich war wieder lange unterwegs da draußen und mich begleitete dieser Hafiz:
        „Schreibe tausend leuchtende Geheimnisse
        Auf die Tafel des Daseins,
        Sodass selbst ein blinder Mann (wie Eno 😉 ) erkennen wird,
        Wo wir uns befinden,
        Und uns in dieser Liebe trifft!“
        Ist das nicht schön? Ja, sagt Eno

      • Nitya schreibt:

        Keine Ahnung, was ich damals zu Neuss geschrieben habe, lieber Eno. Wasdie Schönheit betrifft, bin ich mir schön genug. Jeden Morgen frag ich mein Spieglein an der Wand und das antwortet mir immer brav, was es gefälligst antworten soll. Schließlich weiß es, was passieren würde, sollte es einmal die falsche Antwort geben.

        Ich freu mich immer, wenn du von deinen Streifzügen in die Natur berichtest. Und dann noch ein Rumizitat – das ist dann die vollkommene Ergänzung! Danke!

  2. Alexandra schreibt:

    Dämmerschlaf, wie Narkose, wie Tiefschlaf… immer ist alles weg und dann taucht „man“ mit allem wieder auf, nur das meistens irgendwas anders ist als vorher… Zähne raus, Knie operiert oder was auch immer… in der Tat alles seltsam. Wo war ich in der Zwischenzeit, im der andere an „meinem“ Körper herumhantierten?
    Wünsch dir alles gute für Mittwoch, lieber Nitya und ein angenehmes aufwachen hinterher…
    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Nitya schreibt:

      Wenn du abends einschläfst, liebe Alexandra, weißt du nicht, ob du wieder aufwachen wirst.Das ist bei jeder Narkose auch nicht anders. „Memento mori!“ – ist bei uns ein bisschen aus der Mode gekommen.

      „Wo warich in der Zwischenzeit?“ ist eine witzige Frage. Nicht da, würde ich sagen. Bloß fällts einem da nicht auf. Fällt einem aber auch „bei klarem Verstand“ nicht auf. 😉

      Herzlichst
      Nitya

  3. Inge schreibt:

    Lieber Nitya, in Osho-Schriften habe ich mal gelesen, dass man den ‚Körper schlafen legen‘ kann, weil er das ja braucht, alles andere bleibt bewusst. Sozusagen ein stand-by-Modus für den Körper.. Allerding veranschlagte er dafür eine Trainingszeit von ca drei Monaten. Jetzt könnte es ja sein, dass du ein Natur-Talent bist und es bereits kannst. Ich wünsche dir diesen stand-by-Modus und Oshos Unterstützung. Dann kannst du uns erzählen, wie es diesmal war, als ‚die Welt‘ verschwand, ich möchte es sehr gerne wissen. Und noch etwas: Bücherstapel vor dem Bett vorher entfernen! Diese körperlichen Abenteuer, die ich hier nachglesen habe… ach, vergiss es. Doch: ‚Mütterliche Grüsse‘ von Inge

    • Nitya schreibt:

      Ach weißt du, liebe Inge, Osho ist Osho und Nitya ist Nitya. Ich habe nicht den leisesten Ehrgeiz, ein Osho zu werden. Will sagen: Ich bin ein ganz normaler Mensch, der narkotisierte Nitya kriegt dann absolut nix mehr mit. Drei Monate Trainingszeit wofür auch immer, ist nichts für meines Vaters oder meiner Mutter Sohn. Ich wüsste auch nicht, warum ich dieses komische Ziel erreichen sollte. Wie die Welt verschwindet, könnte ich dir erzählen, aber da bin ich dann nicht narkotisiert. Übrigens „stand-by-Modus“ – gäb’s den nicht, würdest du keine Nacht überleben. Is also nix Besonderes. Was meine Bücherstapel betrifft – meine Bärenhöhle ist absolut nicht seniorengerecht. Jeden Augenblick kann ich mir die Knochen brechen, bei dem ganzen Zeug, was da so rumsteht. Deswegen bewege ich mich, falls ich mich bewege, nur mit größter Achtsamkeit. Aber nicht, um die Erleuchtung hinter der Eleuchtung zu ereichen, sondern um mir nicht die Knochen zu brechen.

      Was sind denn mütterliche Grüße? Jungs und mütterliche Grüße sind ja so’n Thema für sich.

      Herzlichst
      Nitya

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