Janusz Korczak: Es heißt, er habe nur den Kopf geschüttelt

Dann ordnete Schmerling, der sadistische Chef der Ghettopolizei, der auch für den Umschlagplatz zuständig war, zu Rembas Entsetzen an, daß die Kinder aus den Waisenhäusern verladen würden. Korczak bedeutete seinen Kindern, sich zu erheben.

Es gibt einige, die sagen, daß in dem Moment ein deutscher Offizier sich durch die Menge drängte und Korczak ein Stück Papier überreichte. Ein einflußreiches Mitglied des CENTOS hatte sich an jenem Morgen bei der Gestapo für ihn eingesetzt, und es heißt, Korczak habe die Erlaubnis gehabt zurückzukehren, nicht aber die Kinder. Korczak habe nur den Kopf geschüttelt und den Deutschen fortgewinkt.

In seinen Memoiren schreibt Remba, daß Korczak den ersten Teil der Kinder anführte und Stefa den zweiten. Anders als die ansonsten chaotischen und hysterisch kreischenden Menschenmassen, die mit Peitschen vorangestoßen wurden, gingen die Kinder in Viererreihen mit ruhiger Würde. „lch werde diese Szene in meinem ganzen Leben nicht vergessen“, schrieb Remba. „Das war kein Marsch zu den Waggons, sondern ein stummer Protest gegen dieses mörderische Regime . . . eine Prozession, die kein menschliches Auge je zuvor erblickt hat.“

Als Korczak seine Kinder ruhig zu den Viehwaggons führte, machte die jüdische Polizei einen Weg für sie frei und salutierte instinktiv. Remba brach in Tränen aus, als die Deutschen fragten, wer dieser Mann sei. Ein einziger Klageschrei löste sich von denen, die noch auf dem Platz warteten. Korczak ging mit hocherhobenem Kopf, an jeder Hand ein Kind haltend, und seine Augen hatten diesen ihm eigenen Ausdruck, als ob sie auf ein Ziel in weiter Ferne gerichtet wären.

aus: Der letzte Marsch: 6. August 1942

Janusz Korczak war ein Held, man schrieb über ihn, Schulen wurden nach ihm benannt, Gesellschafen mit seinem Namen gegründet und Denkmäler errichtet. – Was man nicht alles so macht, um nicht selbst einfach man selbst zu sein.

Janusz Korczak verabschiedete die Kinder, die das Waisenhaus verließen, mit den Worten: Wir geben Euch nichts. Wir geben Euch keinen Gott, denn Ihr müßt ihn selbst in der eigenen Seele suchen, im einsamen Kampf. Wir geben Euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung Eures Herzens und durch Nachdenken finden. Wir geben Euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, und Vergeben ist mühselig, eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muß. Wir geben Euch eins: Sehnsucht nach einem besseren Leben, welches es nicht gibt, aber doch einmal geben wird, ein Leben der Wahrheit und Gerechtigkeit. Vielleicht wird Euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen. Lebt wohl, vergeßt es nicht. Das war vor Treblinka.

So spricht kein sog. Held. Janusz Korczak, auch „der Mann mit dem traurigen Antlitz“ genannt, ist mit seinen Kindern in das Vernichtungslager Treblinka gegangen und lieber mit ihnen gestorben, als ohne sie weiterzuleben. Mein Gott, wie hätte er sich fühlen müssen, wenn er sie, mit denen er sich so eng verbunden fühlte, im Stich gelassen hätte? Und genau das wäre es gewesen: Er hätte sie im Stich gelassen. Das hätte er nie fertig gebracht und er wäre daran zerbrochen, wenn er es gemacht hätte. War er deswegen ein Held? Er war jedenfalls kein Held, dem man ein Denkmal hätte hinstellen dürfen. Er tat, was er tun musste. Er war ein Held, der kein Held war. Er war einfach ein Mensch, ein Mensch mit einem großen Herzen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Janusz Korczak: Es heißt, er habe nur den Kopf geschüttelt

  1. Eno Silla schreibt:

    „Ich weiß nichts,
    ich verstehe nichts,
    ich bin meiner selbst nicht bewußt.
    Ich bin verliebt,
    doch in wen,
    weiß ich nicht.
    Mein Herz ist zugleich erfüllt von Liebe
    und durch sie entleert.“
    Fariduddin Attar

    Gefällt 4 Personen

  2. Brigitte schreibt:

    Und er hätte sich selbst im Stich gelassen. Er hätte all das verraten, wofür sein Herz brannte.

    Il vero amore è come una finestra illuminata in una notte buia.
    Il vero amore è una quiete accesa.
    Die wahre Liebe ist
    wie ein beleuchtetes Fenster
    in der Dunkelheit.
    Die wahre Liebe ist
    eine leuchtende Stille
    Giuseppe Ungaretti

    Gefällt 2 Personen

  3. Brigitte schreibt:

    Ich werde die Augen weit öffnen und mich wundern. Die Stille spricht, mein Gedanke spricht in der Stille. Die aufgehende Sonne spricht, die Erde und die Sterne sprechen. Leise flüstert der Stein. Und ich suche meine Bilder an der weißen Wand, auf den Felsen, in den Wolken, über dem Bett eines Kindes.

    Janusz Korczak

    Und ich suche meine Bilder an der weißen Wand…

    Gefällt 3 Personen

  4. Nitya schreibt:

    Danke Eno, danke Brigitte! Ich danke euch beiden sehr.

    Gefällt 2 Personen

  5. Pingback: Ein Held, der kein Held, sondern Mensch war | form7

  6. Alexandra schreibt:

    Vielen Dank für die tollen Beiträge über diesen wunderbaren Mann! Als ich gestern das zerlesene Buch aus dem Studium herausholte “ wie man ein Kind lieben soll“ und nun das hlier alles lese und sehe, rückt er wieder in Erinnerung. Und ich lesen das heute ganz neu, mit anderen Augen als damals. Danke!

    Gefällt 2 Personen

  7. guinness44 schreibt:

    Ein beeindruckender Mensch

    Gefällt 1 Person

  8. kopfundgestalt schreibt:

    Was mich interessiert: Weiß man etwas über seine eigene Kindheit?

    Gefällt 1 Person

  9. Alexandra schreibt:

    Was ich nur über seine Kindheit weiß, ist, dass er sich wohl sehr überbehütet gefühlt haben muss. Darum auch die Grundrechte des Kindes, unter anderem das Recht des Kindes auf den eigenen Tod.

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Ich will auch sterben, wenn es mir passt.

      Gefällt 1 Person

      • Alexandra schreibt:

        wenn ich mich recht erinnere war das gemeint im Sinne von „du musst schon ein bisschen Angst um das Leben deines Kindes auf dich nehmen“ (damit es wirklich LEBEN kann…) das ist was, was den Eltern heute häufig fehlt… das Wissen darum, dass sie kein Anrecht auf das Leben ihres Kindes haben. Natürlich auch nicht verwahrlosen lassen, was auch häufig vorkommt. Aber eben auch nicht Helikoptermäßig über ihnen kreisen….

        Gefällt 1 Person

      • Nitya schreibt:

        Meine Mutter kreiste helikoptermäßig über ihren 3 Jungs, und es war ganz klar, dass das IHRE Jungs waren. So entwickelt man als Kind nicht nur einen totalen Freiheitsdrang, sondern auch die hohe Kunst der Tarnung und Täuschung, sodass man für jeden Helikopter unsichtbar wird. Hat halt alles zwei Seiten. 🙂

        Gefällt 2 Personen

  10. Alexandra schreibt:

    Naja, ein bisschen Helikopter war ich mit Sicherheit auch. Zumindest beim ersten Kind. Hat dann immer mehr nachgelassen. Wenn sie heute so erzählen, was sie alles so angestellt haben… und sie erzählen mit Sicherheit nicht alles! Aber das alles gehört zur Kindheit mit dazu. Kindheit ohne Risiko, wie furchtbar! Zum Elternsein gehören wahrscheinlich aber ebenso die vielen kleinen Herzinfarkte und Schweißausbrüche… Ich hatte mir schon damals auf Spielplätzen angewöhnt, wegzugucken, wenn die Jungs riskante Sachen machten. Dafür wurden sie wendig und sportlich und nicht zimperlich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s