Janusz Korczak: Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen

 

Es ist Freitagnachmittag. Eine lange Kinderreihe wartet in der Halle vor dem kleinen Vorratsraum, den Korczak jede Woche in ein Spielkasino mit einem einzigen Croupier umwandelt – nämlich ihm selbst.

„Also, was wettest du?“ fragt er Jerzy, einen achtjährigen Lauselümmel, der als erster in der Reihe steht. Die Kinder schließen Wetten über die Häufigkeit der Wiederholungen ihrer schlechten Angewohnheiten ab mit dem Ziel, diese Angewohnheiten abzulegen und dabei ein paar Süßigkeiten als Preis zu bekommen.

„Ich wette, daß ich mich diese Woche nur einmal prügeln werde“, sagt Jerzy.

„Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen“, sagt Korczak, ohne von seinen Büchern aufzuschauen. „Das wäre dir gegenüber ungerecht.“

„Warum?“

„Weil du ganz sicher verlieren wirst. In der vergangenen Woche hast du fünf Buben verprügelt und sechs in der Woche davor, also wie willst du so schnell damit aufhören?“

„Ich schaff das.“

„Wie wär’s denn mit vieren?“

„Zwei“, argumentiert Jerzy.

Sie handeln noch ein wenig weiter und einigen sich dann auf drei. Korczak trägt es ins Buch ein und gibt Jerzy einen Bonbon aus dem Korb. Wenn Jerzy gewinnt, kriegt er drei weitere Bonbons am folgenden Freitag. Wenn er verliert, kriegt er einen verständnisvollen Blick, Mut zugesprochen und vielleicht ein Stückchen Schokolade zum Trost. Jerzy weiß, daß, ganz gleich wie viele Kämpfe er zugibt, Korczak seine Angaben niemals überprüfen wird – es ist Ehrensache.

aus: Janusz Korczak, „Zähmung der Bestie“

Gestern ließ ich den Prof. Bömmel noch einmal mit seiner Enttäuschung zu Wort kommen: „Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter!“  Janusz Korczak, den uns Alexandra vorgestern freundlicherweise in Erinnerung gebracht hat, wären die Worte des Prof. Bömmel vermutlich nie über die Lippen gekommen. Er wusste um die menschliche Schwachhheit und er konnte sie vollkommen annehmen. Der kleine Textauszug oben kann auf wundervolle Weise zeigen, wie kreativ und zutiefst liebevoll er als „Pädagoge“ damit umging.

Sollte jemand versuchen, Korczaks Wettbüro-Methode zu übernehmen, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit damit scheitern. Korczaks Methode war aus meiner Sicht keine Methode in dem Sinn, wie der Begriff „Methode“ allgemein verstanden wird, sondern Ausdruck von Korczaks unendlichem Verständnis für sich selbst und seine Mitmenschen und seiner überfließenden Liebe. Ich stell mir gerade eine Fortbildungsveranstaltung für Pädagogen vor, auf der Korczaks Methode diskutiert werden würde. Ich fürchte, man würde sie mit wirklich triftigen Begründungen in der Luft zerfetzen. Aber vielleicht gäbe es auch den einen oder anderen, der schweigend Tränen in den Augen hätte und zutiefst berührt wäre. Schweigend, weil darüber nicht diskutiert werden kann. Entweder wird es gespürt oder nicht. Diskutanten legen in der Regel keinen großen Wert auf’s Spüren. Sie errichten lieber so etwas wie die oben abgebildete Berliner Holocaust-Gedenkstätte aus Beton und haben damit ihrem angeblichen Schuldgefühl pflichtgemäß ausreichend Genüge getan.
Ich erinnere mich, wie ich als taufrischer Lehrer zur eigenen und zur Überraschung der Kollegen von den Schülern zum Vertrauenslehrer gewählt wurde. Sie hatten mich vermutlich gewählt, weil sie wussten, dass sie, wenn sie was angestellt hatten, zu mir kommen konnten und wir dann gemeinsam berieten, wie wir aus der Misere wieder rauskommen könnten. Auf der nachfolgenden Lehrerkonferenz wurde ich dann von einem Seminarleiter regelrecht vorgeführt. Ich hätte mir durch meine kumpelhafte Verbrüderung mit den Schülern deren Vertrauen erschlichen. Wir hätten hier einen pädagogischen Auftrag und den könnten wir nicht erfüllen, wenn wir uns auf die Seite der Schüler schlagen würden. – Na ja, ich wusste ja von Anfang an, dass ich im staatlichen Schuldienst eine absolute Fehlbesetzung war.

Wenn ich den Bericht über Janusz Korczaks Wettbüro-Methode lese, könnte ich lachen und heulen zur gleichen Zeit. Was für eine wundervolle Idee! Und wie er mit den Schülern zu ihren Gunsten herumfeilschte! Wenn ich so was lese, denke ich: „Zum Teufel mit diesem ganzen Advaita-Scheiß und dem dämlichen angeblich so spirituellen Geschwätz – was ist das alles neben dem Gefeilsche des Janusz Korczak mit seinen Lauselümmeln und Lausegören? Da könnten sich die ganzen Spiris ruhig mal ’n bisken wat schämen.

 

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7 Antworten zu Janusz Korczak: Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen

  1. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, was für ein toller Text! Danke! Den kannte ich noch. Nicht, obwohl ich korczak im Studium nahezu inhaliert habe.
    Muss gerade an gestern denken. Eine Kollegin kam von der Beerdigung ihrer Mutter und regte sich über die katholische Kirche und ihre ewige Geschichte mit der Schuld auf. Ich stimmteihr zu und meinte dann, dass ich denke, dass es überhaupt keine Schuld gäbe. Das gab Diskussionen! Sie endeten nur, weil es klingelte. Herzerfrischend. Im Umgang mit den Kindern ist es so befreiend, Konflikte mit Ihnen zu klären, wenn diese dämlcieh Schuldfrage nicht mehr im Weg steht. Am Ende hat keiner Schuld, nur einer fing an, sich aufzuregen über was auch immer…. schule mit den Kindern macht viel Spaß, auch wenn sie mich manchmal nerven. Das Drumherum der Erwachsenen ist es, was stressig und nervig ist.
    Hab einen schönen Tag, mit kindlichen Vergnügungen!

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      „Das Drumherum der Erwachsenen ist es, was stressig und nervig ist.“

      Liebe Alexandra, du hast es exakt auf den Punkt gebracht.

      „Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder …“ Das haben die sog. Christen nie verstanden, geschweige denn „ernsthaft“ gelebt. Christen nennen sie sich trotzdem. Na ja, die Juden und die Moslems leben es auch nicht. Deshalb verstehen sie sich ja alle so gut, auch wenn sie sich den Schädel einschlagen. „Erwachsene“ sind die Geißel Gottes.

      Sag mal, liebe Alexandra: Du hattest kürzlich den Link reingestellt: http://www.korczak.com/loveachild/internat-60.htm. Da geht es um das Thema „Wie man ein Kind lieben soll“ („werdet wie die Kinder“ finde ich übrigens besser). Der Text beginnt mit Punkt 8. „Habe Mut zu dir selbst und such deinen eigenen Weg.“ Weiß du, ob’s da irgendwo auch Punkt 1-7 im Netz gibt? (Ich mein jetzt also nicht im Buch.)

      Herzlichst
      Nitya

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  2. kopfundgestalt schreibt:

    Du bist manchmal so überschiessend, ich weiß garnicht, was damit anzufangen.
    Janusz Korczak werde ich mal näher studieren, ist sehr interessant!

    Gefällt 1 Person

  3. Nitya schreibt:

    Danke, Fredoo!

    Gefällt 1 Person

  4. Inge schreibt:

    Lieber Fredoo, danke auch von Inge !

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