Prof. Bömmel: Bah, wat habt ihr für ’ne fiese Charakter!

 

„Bah, wat habt ihr für’ne fiese Charakter!“ sagt Prof. Bömmel zu seinen Schülern, die ihm einen Schuh geklaut und versteckt hatten und nicht bereit waren, ihm zu verraten, wo sein Schuh war. Erst als der gefürchtete Dr. Brett das Klassenzimmer betrat, beeilten sich die Schüler, dem Bömmel seinen Schuh wiederzugeben. Die Aufführung des Films „Die Feuerzangenbowle“, aus dem diese Szene stammt, wurde 1944 vom Reichserziehungsminister untersagt, weil durch ihn Ansehen und Autorität des Schulwesens hätten in Misskredit geraten können. Adolf persönlich erlaubte dann seine Aufführung. Heinz Rühmann soll die Figur des Dr. Brett so gestaltet haben, dass sie nationalsozialistischen Vorstellungen von einem modernen Lehrer genügen konnten. Dr. Brett stand u.a. für Disziplin, Disziplin, Disziplin. Eine Sache, die dem Prof. Bömmel völlig fremd war. Wenn er vom Charakter seiner Schüler enttäuscht war, dann spielte er damit nicht auf eine durch Disziplin künstlich erzeugte Charakterstruktur an, sondern auf eine gewissermaßen angeborene Herzensgüte, die er selbst in reichem Maße besaß.

Man könnte Prof. Bömmel und Dr. Brett als Antagonisten bezeichnen ähnlich wie Lao Tse und Kung Fu Tse. Wer nun als Protagonist und wer als Antagonist zu bezeichnen ist, hängt wohl in erster Linie vom eigenen Standort ab. Ähnliches gilt auch für die Bezeichnungen „Primär- und Sekundärtugenden“.  Was mich betrifft, ist mir natürlich Prof. Bömmel, Lao Tse und das Fließen im Tao entschieden näher, als Dr. Brett, Kung Fu Tse und die Sekundärtugend Disiplin. Kürzlich erinnerte Gerhard Mehler in seinem Blog „Kopf und Gestalt“  an das berühmte Milgram-Experiment; hier einen Bericht über eine Wiederholung des sog. Milgram-Experiments durch polnische Forscher.

90% der Teilnehmer seien dabei bereit gewesen, ihre „Schüler“ mit immer stärkeren Elektroschocks für einen Fehler zu bestrafen. Dabei wurde der Tod des „Schülers“ billigend in Kauf genommen. Dieses Experiment zeigt, dass Disziplin niemals als Primär-Tugend betrachtet werden darf. Eine Erkenntnis, die in Deutschland beim Aufbau der Bundeswehr durch die Bezeichnung „Bürger in Uniform“ zum Ausdruck gebracht werden sollte. Inzwischen dürfte das schon wieder weitgehend in Vergessenheit geraten sein.

90% meiner Mitmenschen sind also anscheinend bereit, mich auf Anweisung einer Autorität hin zu massakrieren. Na, Prost Mahlzeit! Was die meisten bei uns noch nicht so richtig realisiert haben, dämmert ihnen vielleicht ein wenig, wenn sie den markigen Sprüchen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan lauschen. Und klar, die Todesstrafe für unfolgsame Bürger ist schon so gut wie beschlossene Sache. 90% – Das sind nicht nur Soldaten, Polizisten und sonstige Staatsdiener, sondern auch der ganz gewöhnliche Otto Normalverbraucher.

90% – die Wahrscheinlichkeit, dass auch du im Zweifelsfall dazu gehörst, ist ziemlich hoch. Es wird also Zeit, herauszufinden, wo du dich verortet hast: Lao Tse oder Kung Fu Tse. Ich könnte auch fragen: Lebst du schon oder überlebst du noch? So und jetzt wünsche ich viel Vergnügen mit der Feuerzangenbowle, falls ihr sie nochmal angucken wollte. Ein Film, den der Führer durchwinkte.

Oder ihr guckt euch vielleicht doch den Link an, den Alexandra gestern zu meiner großen Freude hier reingestellt hat: http://www.korczak.com/korczak.htm

 

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18 Antworten zu Prof. Bömmel: Bah, wat habt ihr für ’ne fiese Charakter!

  1. ananda75 schreibt:

    Ich finde, das ist doch das Einfachste – Wer mich nich in den Kram passt – einfach erschießen.

    Mit Disziplin hat das allerdings nix zu tun
    Sich disziplinieren in all den kleinen täglichen Begegnungen – wie geh ich um mit meinen Mit-Menschen – immer den Domino-Effekt im Auge…
    Denn die Erschießungs-Kommandos sind ja noch „weit weg“ – die kleinen täglichen Folgen radikalen Denkens jedoch… die sind konkret und spürbar in den Leben unzähliger Menschen

    Lasst uns einen Unterschied machen 🙂

    Einen wunder-baren Tag dir ❤

    • Nitya schreibt:

      Liebe Ananda,

      der Unerschied wird gemacht werden oder nicht und mit Diszipliniieren hat das tatsächlich nichts zu tun. Es hat mit Bewusstheit zu tun – und die finden wir vor oder eben nicht. Sie ist nicht machbar.

      „die kleinen täglichen Folgen radikalen Denkens jedoch… die sind konkret und spürbar in den Leben unzähliger Menschen.“ Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen.

      Herzlichst
      Nitya

      • ananda75 schreibt:

        ja… das stimmt wohl… wenn ich die Wahl der Entscheidung habe wie ich mich verhalte, hab ich wohl das Glück schon ein wenig Bewusstheit mitgekriegt zu haben, irgendwo auf dem Weg der keiner ist 😉

  2. fredoo schreibt:

    Es hatte mich erschreckt und irgendwie auch irritierend berührt , als ich in meinen Jugendjahren die Bücher von G.I.Gurdjeff las … Und dort seine Behauptung und Formulierung entdeckte , dass über 90 % der Menschen sogenannte Maschinenmenschen sind …
    Mein Leben danach bestätigte mir diese Behauptung … Konfrontierte mich aber auch , einerseits mit der Frage „ich auch ?“ ohne je eine Antwort zu geben … und andererseits mit einem Gefühl von tiefer Einsamkeit in Konfrontation mit > Menschheit …
    Erst die Entdeckung , dass auch diese „Menschheit“ nur eine Vorstellung ist , die lediglich die Vorstellung von „mir selbst“ summiert , mäßigte diese „Einsamkeit“ …
    Seit dem ist da eher schmunzelndes Bemerken von wohl 90% Machine in allem … auch in dem, was sich da selbst nach wie vor „ich“ nennt.

    • Nitya schreibt:

      „Erst die Entdeckung , dass auch diese „Menschheit“ nur eine Vorstellung ist , die lediglich die Vorstellung von „mir selbst“ summiert , mäßigte diese „Einsamkeit“ … Seit dem ist da eher schmunzelndes Bemerken von wohl 90% Machine in allem … auch in dem, was sich da selbst nach wie vor „ich“ nennt.“

      Werter Herr Fredoo, irgendwas in mir wollte dir den „schmunzelnden Bemerker“ nicht so recht abnehmen. Es wird sicher solche Momente des schmunzelnden Bemerkens geben, wenn du dann aber unmittelbar konfrontiert werden würdest mit dem, was Maschinenhaftigkeit konkret bedeutet, habe ich doch erhebliche Zweifel, ob du dann noch zu dieser schmunzelnden Contenance fähig wärest. Ich erlebe dein entschiedenes Engagement, wenn es um den islamischen Faschismus geht und erlebe dich in deinem Engagement keineswegs weise schmunzelnd, sondern ausgesprochen kämpferisch. Und das ist auch gut so, möchte ich hinzufügen. Faschismus bedeutet u.a. das Ende von Kommunikation. Und damit gibt es dann auch nichts mehr, was das Gefühl von Einsamkeit mildern könnte. Du stehst vor einer Betonwand, die dabei ist, zu kippen und dich damit zu erschlagen. Da kannst du soviel reden, wie du willst. Da ist niemand, der dir zuhört. Da ist nur die Wand, die dich gleich erschlägt.

  3. fredoo schreibt:

    das stimmt schon Nitya … und doch … ist da selbst in meiner heftigsten blutdrucksteigernden Erzürnung doch auch (!) so eine Art „unbewegter“ Punkt … und den Kontakt zu diesem „Unbewegten“ nenne ich gerne ( reichlich hochtrabend ) „die Nabelschnur zum EIGENTLICHEN“ … was dann selbst die heftigste Aktion , selbst lebensbedrohliches , auf eine schwer zu beschreibende Art „relativiert“ .
    Eine Relativierung die keinesfalls die Intensität von Wahrnehmung und automatischer Reaktion reduziert , sondern stattdessen eine Art zusätzliche (!) Perspektive bietet .
    Da ist also ein zutiefst erregter fredoo … und … ein ( ja was nun ? ) dass völlig unbewegt , doch latent schmunzelnd, auch diesen erregten fredoo „bemerkt“ …
    thats all … doch ist dies irgendwie ziemlich erleichternd …

    • Nitya schreibt:

      Ich war ja noch nie in so einer Situation, kann also darüber nur wild spekulieren. Ich meine eine Situation, in der ich systematischer körperlicher Gewalt ausgesetzt war. Ich denke an Folter, wie sie im folgenden Video dargestellt wird. Ob ich da noch „latend schmunzeln“ würde? Ich habe da meine Zweifel.

      • fredoo schreibt:

        Nun ja … Nitya … ich kenne einen (christlichen) Syrer , der genau das erleben musste … und er berichtet genau von dieser „Zusätzlichkeit“ in dieser Extremsituation , die ihm wohl als einziges vor dem Wahnsinn bewahren konnte …
        Doch da kann ich nur spekulieren … ich hab zwar mal Zahnwurzelbehandlungen (wegen starker Unverträglichkeit der Betäubungsmittel) „nüchtern“ erlebt , und mich da auch in einer Art „Zusätzlichkeit“ erlebt , wie es sich jedoch in einer Unentrinnbarkeit einer Folter darstellt , weiß ich nicht …

      • Nitya schreibt:

        Ich wil das ja keineswegs ausschließen, Fredoo. Da ich Folter ja selbst noch nicht erfahren habe, staple ich da lieber tief als hoch. Ich erinnere mich gerade an eine Sonntagnacht, in der ein Gürtelrosenschmerz derart wütete, dass ich beinahe die Besinnung verlor. Ich bekam dann montatelang Opium, um das irgendwie überstehen zu können. Aber wie schon öfters berichtet, ich bin ein Weichei. Der Tod scheint kein Problem für mich zu sein, wie es bei extremem Schmerz ist, wage ich nicht zu sagen.

  4. Alexandra schreibt:

    Ich habe mich auch schon viel mit der Frage beschäftigt, wie ich wohl im nationalsozialismus genshdelt hätte. Irgendwann in jungen Jahren musste ich mich damit auseinandersetzen, dsss meine Mutter ein nazi war. Aber ab wann ist man ein nazi? Juden umgebracht hat sie nicht. Stand aber voll hinter dem System und hat dann gesagt, dass sie alle umgebracht worden sind haben wir alle nicht gewusst. Ich konnte ihr das nie so ganz abkaufen , habe sie viel damit konfrontiert. Ich denke heute, die letzte Konsequenz, das wollten sie alle gar nicht wissen. Und in der kurzen Doku über den Milram- Versuch wird deutlich, wie sich jeder nur als ein kleines Glied der Kette fühlt und somit nicht verantwortlich. „Am Ende (also bei den wirklichen Tötungen) standen dann „ausgewählte“ (die ganz abgebrühten, die keine Ausrede mehr hatten). Es hat mich sehr beschäftigt, warum meine Mutter da mitgemacht hat. Und schließlich verstand ich einfach als folge ihres ganzen Lebens. Und ich wusste, ich kann ihr keinen Vorwurf machen, denn ich weiß ja nicht, wie ich gehandelt hätte, in ihrer Situation. Es ist schon echt erschreckend, dass 90% mitmachen bei so einem Wahnsinn. Laotse oder Kung-Fu ? Ich hab von beidem was. Aber eines weiß ich, wenn ich sehe, dass jemand niedergenüppelt wird, stehe ich nicht am Rand und mache Fotos. Dann tue ich was und wenn es nur der Notruf am handy ist. Und wenn es sein muss, setze ich auch meine Selbstverteidigungskünste ein. Jedenfalls das, was davon noch abgespreichert ist. Aber das würde dann einfach passieren, lange darüber nachdenken tut man dann vorher eh nicht. Ansonsten macht man es schnell wie der Petrus: „ich verrate dich auf keinen Fall!“ Ist schnell gesagt. Aber wenn es dann darum geht seine eigene Haut zu retten??
    Ich habe auch mehr Angst vor schmerzen als vorm Tod…
    Und ansonsten merke ich, wie gern man ein Feindbild schürt. Dagegen hilft eigentlich nur ständig alles anzweifeln, im herzen bewegen…, sich nicht festbeißen an einer Meinung. Kann eh nie nur richtig sein…
    Herzensgruß
    Alexandra

    • Nitya schreibt:

      Mein Vater hat auch gesagt, er habe das alles nicht gewusst. Den Adolf mochte er nicht, sagte er. Ein Gefreiter, der Feldherr spielt, das wollte ihm nicht in den Kopf. Er rettete sich damals zum Militär. Ein beliebter Ausweg für viele, die Angst hatten, wirklich Farbe zu bekennen. Na ja, einmal fand ich ein Parteiabzeichen. Mein Vater sagte, das habe er unterwegs gefunden. Für mich war das völlig unglaubwürdig. Aber ich stimme dir völlig zu: Keiner von uns weiß, wie er sich damals verhalten hätte.

      Danke für deine Aufrichtigkeit!

      Herzlichst
      Nitya

  5. Alexandra schreibt:

    Ein wundervoller Film über einen ungewöhnlichen „antipädagogen“ mit außergewöhnlich schöner Musik.

  6. Eno Silla schreibt:

    Fies reagiert immer auf gut
    ICH schwinge hin und her
    In meiner bunten Hängematte

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