Huang-po: der Weg des Buddha

 

Es gibt keinen Erleuchteten und keinen Unwissenden, und es gibt kein Nichts. Wenn auch im Grunde die Dinge ohne objektive Existenz sind, so darfst du doch nicht denken, sie seien nicht existent, und wenn sie auch nicht existent sind, darfst du sie nicht als existierend denken. „Existenz“ und „Nichtexistenz“ sind empirische Begriffe und nichts anderes als Illusionen. Darum steht geschrieben: Was immer die Sinne auffassen, einschließlich gedanklicher Begriffe bis hin zu den Lebewesen, gleicht einer Illusion.“ Der Gründer unserer Schule [Da Mo alias Bodhidharma] predigte seinen Schülern nichts anderes als vollkommene Abstraktion, die zum Ausschalten der Sinneswahrnehmung führt. In dieser vollkommenen Abstraktion entfaltet sich der Weg des Buddha, während aus der Unterscheidung zwischen diesem und jenem ein Heer von Dämonen aufsteht.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Nicht vergessen, der Gründer von Huang-pos Schule hat eigenhändig die Mörderbande erschlagen, die das Shaolin-Kloster überfallen wollte. Ich vermute mal, dass er bei dieser Aktion, die Erscheinung der Banditen nicht vollkommen abstrahiert hat, was zur Ausschaltung der Sinneswahrnehmung geführt hätte. Und ich vermute weiter, dass auch seine Kung Fu-Ausbildung ohne Sinneswahrnehmung nicht möglich gewesen wäre. Was meint also Huang-po?

An anderer Stelle gibt Huang-po die Antwort auf diese Frage. Der Geist ist Buddha. Der Weg ist das Aufhören des begrifflichen Denkens. Wenn du nicht mehr Begriffe aufkommen lässt, wie Existenz und Nichtexistenz, lang und kurz, Selbst und Anderes, aktiv und passiv und Ähnliches, dann wirst du finden, dass dein Geist im Grunde Buddha, dass Buddha im Grunde Geist ist und der Geist der Leere ähnlich ist. Wenn ich den Huang-po richtig verstehe, geht es ihm um das begriffliche Denken und um unsere durch die Brille unserer Denkkonstrukte verschleierten Sinneswahrnehmungen. Nun beschreibt er den Weg zum Geist so, dass das begriffliche Denken aufhört. Also jetzt mal ehrlich: Bei wem von euch hat das begriffliche Denken schon aufgehört? Bitte Hand hoch! Waas? Ich sehe keine Hand? Nicht mal meine eigene! Unerhört! Jetzt haben wir so’ne klare Wegbeschreibung und wir Luschen kriegen nicht mal das gebacken.

Also jetzt mal ganz einfach (sag ich immer, wenn’s kompliziert wird): Was nehmen wir denn wahr? Also ich nehme wahr, was in diesem Augenblick erscheint. Das kann ein Vogel sein, der gerade vorbeifliegt oder dass mein Kaffee schon wieder kalt geworden ist oder dass ich mich gerade daran erinnere, dass die Merkel vor Jahren gesagt hat, dass Multikulti tot ist, oder dass es mich am rechten Schulterblatt juckt oder dass ich gerade mein rechtes Bein ausstrecke oder … ich will sagen: Es spielt absolut keine Rolle, was da gerade erscheint, es erscheint gerade. Und das ist auch schon alles, was ich weiß: Da erscheint gerade … und schon ist es wieder vorbei und Neues ist erschienen. Genau genommen, sehe ich ja gar nichts, sondern „das allsehende Auge“ sieht – ähem. Leider oder Gott sei Dank befindet sich etwa zwischen dem „Auge“ und dem Vogel eine Linse mit höchst individuellen Verfärbungen und Eintrübungen, sodass man nicht mehr sagen kann, dass der Vogel in seiner ursprünglichen Form gesehen werden kann. Und so geht es nicht nur dem Vogel, sondern auch allem anderen. Jedes „Ding“ hat seine eigene Linse, die wie eine Perle auf einer Perlenschnur neben unzähligen anderen Linsen aufgereiht ist. Ich hab ja befürchtet, dass es kompliziert wird. Wenn man für ein Bild so viele Worte zur Erklärung braucht, ist es ein Scheißbild, aber ich bin zu faul, ein neues zu basteln. Also, es ist wurschtegal, was ich denke, fühle und tue. Es ist wurschtegal, wie alle „Dinge“ durch verzerrende Linsen verzerrt werden, was immer gesehen wird, es wird als Erscheinung gesehen, die ihre ganz eigene Gültigkeit hat. Da sitzt einer seit Jahren auf dem Arunachala oder jemand beginnt gerade Kung-Fu zu trainieren oder jemand hat gerade zu gar nix Bock. Es macht keinen Unterschied. Es erscheint einfach. Erscheint, erscheint, erscheint, …

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7 Antworten zu Huang-po: der Weg des Buddha

  1. Ayni schreibt:

    Guten Morgen Nitya,
    Worte, auch die Huang-po’s, sind ja lediglich nichts als kleine Fingerzeige.
    Jeder Versuch, das Unbegreifbare mit Begriffen zu manifestieren, scheitert demnach immer.
    Was bleibt, ist der sich der Narrheit bewußte Narr oder der schweigende Weise.
    Eine Hand ist soeben im Begriff, mit mehr als nur einem Finger aufzuzeigen &…..
    läßt Es dann auch schon wieder SEIN, um sich kurzerhand anderer Köpfe Worte zu bedienen.

    „Es gibt zwei Schlüssel zur geistigen Welt: die Wahrnehmung und das Denken. Beides, die Begriffsbildung und die Wahrnehmung, müssen zusammengebracht werden. Wenn ich nur die Wahrnehmung trainiere und nicht die Begriffsbildung, das Denken, gleich weit entwickle, werde ich vom Wahrgenommenen überwältigt. Daß ich nicht hellsichtig bin, ist auch ein Schutz.
    Wenn die Leute wahrnehmen könnten, was im Geistigen vorgeht, könnten sie, ohne Vorbereitung, ganz fürchterlich erschrecken.“
    von Jürg Reinhard und Adolf Baumann

    Die DICHtung geht weiter. Es gebraucht Wörter, um einen Gedanken durch ein gedICHt zu führen.
    :https://www.youtube.com/watch?v=tqdGdau2IMY

  2. Alexandra schreibt:

    Habe mir den großen Wasserfall angesehen. Das ist das Schönste, was dieses ganze Land zu bieten hat, glaube ich. Das neue Wesen nennt ihn Niagarafälle –ich habe nicht die geringste Ahnung, warum. Sagt, es sähe aus wie die Niagarafälle. Das ist doch kein Grund, das ist nur Eigensinn und Idiotie. Ich habe gar keine Chance, irgendwelchen Dingen selbst einen Namen zu geben. Das neue Wesen gibt allem einen Namen, was ihm unter die Augen kommt, bevor ich auch nur Einspruch erheben kann. Und immer kommt es mit dergleichen Ausrede –es sieht so aus. Da gibt es zum Beispiel diesen Dodo. Sagt im selben Moment, wo man ihn anschaut, man sähe auf den ersten Blick, dass er »aussieht wie ein Dodo«. Er wird diesen Namen behalten müssen, kein Zweifel. Ich bin es müde, mich darüber aufzuregen, und es hat ohnehin keinen Zweck. Dodo! Er sieht genauso wenig aus wie ein Dodo wie ich.“ aus „Das Tagebuch von Adam und Eva (Neuübersetzung): (vollständige Ausgabe) (Anaconda Weisheit)“ von Mark Twain, Kim Landgraf

  3. punitozen schreibt:

    EIN
    DADA-NICHTS
    DA-DA-IST
    GIBT-SICH-DADA
    DADA-LEER
    NIX
    DADA -LOS !
    NIX -DADA HIER
    NOCH–DADA-DA
    DU-DA-DA-ICH-DU
    VERDADATA
    FLUX

  4. kopfundgestalt schreibt:

    Das KUngfu-Training ist ja wirklich goldig!

    „Brille unserer Denkkonstrukte verschleierten Sinneswahrnehmungen“
    Denke an den „Egotunnel“ zurück, ein wirklich gutes Buch eines Hirnforschers. Was er sagt, ist im Grunde: Wir nehmen von uns ein Bild wahr, das von uns im Gehirn als Mappe existiert. Ebenso das Draussen – das sind alles Konstrukte unseres Hirns. Sozusagen gibt es also kein Aussen, sondern nur Bilder und Auffassungen unseres Hirns – und genau DIESE nehmen wir wahr.. Draussen sind Felder, sind Wirkungen, was auch immer. Mehr nicht.

  5. Inge schreibt:

    Lieber Nitya,
    Wunder-volle Erscheinungen, die hier vorzufinden sind. Besonders die mit dem schwarzen Huhn (das zum Glück im Moment nicht gerade hinter mir herläuft).

    Denn die Identifikation mit dem Körperlichen passiert in dem Augenblick, in dem es ihm ans Leder geht, durch Angriff und Schmerz aller Art. Und dann geht es plötzlich um ‚mich‘, auch wenn vorher klar war, dass der Körper eine Erscheinung im Bewusstsein ist wie alles andere auch. Ein Schmerz kommt daher wie dieses Huhn: zielstrebig, entschlossen, gnadenlos. Der Junge läuft vor dem Huhn davon wobei er doch gerade Kampfsport für Leib und Seele trainiert und es schon sehr gestärkt aussieht. Er könnte stehen bleiben und dem Huhn die Stirn bieten, ihm in die Augen schauen – doch er ist identifiziert mit der Angst.
    Was wäre zu tun? Vermutlich nichts, identifiziert sein und sich weiter schieben/ziehen lassen – bis zum nächsten Anlauf, so wie es eben passiert.

    Ich muss an Ramana und Nisargadatta denken: hinter beiden war ein ’schwarzes Huhn‘ her, und es hat sie erwischt! Es hat sie umgebracht. Und sie haben es erlitten. „Man erfährt nicht Leiden – man erleidet Erfahrungen, egal ob angenehm oder unangenehm“ so Nisargadatta (‚Pointers‘ S.187). Und Ramana hatte ohnehin keine Lust auf das ganze Theater um ihn.

    Na denn gute Nacht, ihr Erscheinungen

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