Alan Watts: die Welt als „lila“ und als „maya“ gesehen

 

Spielen, um entspannt und für die Arbeit frisch zu sein, ist nicht Spielen, und keine Arbeit wird gut oder sorgfältig verrichtet, wenn sie nicht auch eine Form des Spielens ist. Wenn man aus dem double-bind des „Du musst überleben“ befreit worden ist, erkennt man, dass das Leben im Grunde Spielen ist.

Hier tauchen allerdings Verständnisschwierigkeiten auf, weil „Spielen“ zwei verschiedene Bedeutungen hat, die oft miteinander in einen Topf geworfen werden. Tut man etwas lediglich aus Spielerei, dann ist das trivial und unaufrichtig, und wir sollten „Tändeln“ statt „Spielen“ sagen. Doch wenn eine Frau zu mir sagte: „Ich liebe dich“, sollte ich daraufhin antworten: „Meinst du es ernst, oder spielst du mit mir?“ Wenn schließlich die Beziehung gedeihen soll, dann hoffe ich sehr, dass sie es nicht ernst meint und dass sie tatsächlich mit mir spielen will. Die bessere Frage wäre vielmehr: „Meinst du es aufrichtig oder benutzt du mich nur als Spielzeug (tändelst du nur mit mir?)“. Aufrichtigkeit ist besser als Ernsthaftigkeit, denn wer möchte schon mit Ernst geliebt werden? Es gibt also eine Form des Spielens, die alles andere als trivial ist, etwa wenn Segovia auf der Gitarre oder Sir Laurence Olivier den Hamlet spielt.

Im Vedanta wird die ganze Welt als „lila“ und als „maya“ des göttlichen Selbst gesehen. Das erste Wort bedeutet „Spiel“, das zweite enthält die Begriffe Illusion (vom lateinischen „ludere“, spielen), Zauber, Kreativität, Kunst und Messen. Aus dieser Sicht ist das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“, d.h. beide weisen nicht – wie Worte oder Symbole – auf irgendetwas anderes als sie selber hin, sowie eine Mozartsonate keine moralische oder soziale Botschaft vermittelt und auch nicht versucht, die natürlichen Geräusche von Wind, Donner oder Vogelsang zu suggerieren.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Die ganze Welt ist ein – Spiel. und damit ist genau das gemeint, was Alan Watt andeutete, wenn er sagt, dass das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“ sei, d.h. beide nicht – wie Worte oder Symbole – auf irgendetwas anderes als sie selber hinwiesen. Gertrude Steins „Rose is a rose is a rose is a rose.“ meint genau das und Angelus Silesius wollte mit seinem Gedicht wohl dasselbe vermitteln:

Die Ros‘ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.

Und Jiddu Krishnamurtis „Das Wort ist nicht das Ding“, darf hier natürlich auch nicht fehlen. Das Seilhüpfen der Kinder ist ohne Warum, sie spielen, weil sie spielen … und ganz bestimmt nicht, um danach frisch und entspannt zu sein.

Alan Watts macht hier einen kleinen Unterschied zwischen „einfach spielen“ und „bloß herumtändeln“. Letzteres fände er bei einer Frau, die ihm eine Liebeserklärung macht, ziemlich doof. Er wünscht sich, dass sie es ernst meint mit ihm und nicht nur mit ihm spielt. Ich nehme an, die meisten Frauen wünschen sich Entsprechendes. Leider ist das im sog. realen Leben häufig nicht wie gewünscht, sondern die Liebeserklärung wird als reines Mittel zum Zweck für was auch immer eingesetzt. Andererseits ist eine Liebeserklärung nicht unbedingt ein Gelöbnis für den Rest aller Zeiten, sondern vielleicht nur der Ausdruck eines Gefühls für den Augenblick. Jedenfalls ist auf beiden Seiten ein hohes Risiko festzustellen und so wundert es nicht, dass sich viele Menschen sorgsam davor hüten, eine Liebeserklärung abzugeben bzw., falls ihnen eine gemacht wird, diese ernst zu nehmen. Aber Tändelei oder Ernst, Alan Watts geht in diesem Fall erst mal von zwei autonomen Persönlichkeiten aus.

Wenn Alan Watts einen Schritt zurücktritt, was er ja häufig genug macht, dann ist er ganz beim Vedanta und seiner Botschaft, dass das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“ ist. Und dann ist plötzlich alles ein Spiel, auch und gerade das, was keineswegs als Spiel betrachtet wird wie etwa eine leider völlig bedeutungslose Liebeserklärung oder wie eine bedeutungsschwangere gemeinte Drohung Erdoğans, es denen heimzuzahlen, die es wagen, ihm irgendwie die Show zu stehlen. Da muss ich natürlich wieder an Judith Malina denken, die die Bullen auch dann noch für ihren guten Akt eines wütenden Bullen lobte, wenn diese wütend waren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird es ja genau hier wirklich spannend und man könnte fast auf die Idee kommen, dass das Noumenon eine ausgesprochene Dramaqueen ist, die nichts weniger abkann als Langeweile.

Übrigens spannend: Illusion von lat. in-ludere, könnte bedeuten „ins Spiel werfen“ oder Collusion von con-ludere „zusammen-spielen“ – dachte ich, hoffte ich, aber im ethymologischen Lexikon meinen sie, es käme von lat. col-lidere „zusammenstoßen, aufeinanderprallen“. Aber das überlasse ich lieber dem Herrn Fredoo. Das ist dem sein Spezialgebiet. Collusion: „Lasst uns zusammen ein Spiel spielen, du spielst den Räuber und ich den Gendarm.“ oder „Ich mach dir schöne Augen und du fällst drauf rein.“ So ganz im Sinn von Judith Malina. Das wär doch hübsch gewesen.


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8 Antworten zu Alan Watts: die Welt als „lila“ und als „maya“ gesehen

  1. fredoo schreibt:

    Mir würde ja bei Illusion das Transskript Vor-Spielen gefallen …
    Ob jetzt als Vorspiel , als vorgespieltes Spiel oder als vorgebliches Nichtspiel-Spiel …

    egal … Hauptsache — ludere ( ob da auch das Luder abzuleiten ist … ? )

    😀

    Gefällt 3 Personen

  2. ananda75 schreibt:

    Es ist ein Geschenk, das Leben wie ein Spiel erleben zu können … damit löst sich so viel einfach auf in Nichts… ich seh auch immer jemanden lachen, wenn mir Miss-Geschicke passieren 😆 und ich kann ziemlich gut über mich selbst lachen und dafür bin ich echt dankbar – nein, ich lach mich nicht aus, ich lache mit mir 😉
    … und das ist so erleichternd, das zu können… dann kann man auch vieles andere liebevoll betrachten… es ist ja alles nur ein Spiel, Mensch ärgere dich nicht… oder so 😉

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 6 Personen

  3. fredoo schreibt:

    Es ist womöglich nix anderes – diese oft erwähnte Weisheit – als die EigenArt sich selbst als Erscheinung nicht sonderlich ernst oder gar wichtig zu nehmen und das Geschenk des Lachens dabei geniessen zu können …

    Gefällt 4 Personen

  4. punitozen schreibt:

    ….. „Lasst uns zusammen ein Spiel spielen, du spielst den Räuber und ich den Gendarm.“ oder „Ich mach dir schöne Augen und du fällst drauf rein.“ So ganz im Sinn von Judith Malina. Das wär doch hübsch gewesen. ….

    Gefällt 2 Personen

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