Ramesh Balsekar: Ich tu mal so, als ob

Man muss im Leben so handeln, als ob man der Handelnde wäre, in dem Wissen, dass man nicht der Handelnde ist. Der Mensch lebt in Fiktionen. Zum Beispiel weiß der Mensch, dass die Sonne stationär ist und dass es die Erde ist, die in Bewegung ist. Nichtsdestotrotz akzeptiert man im Leben die Fiktion, dass die Sonne auf- und untergeht. Das Verständnis ist also, dass all dies eine Illusion ist und dass man keinen freien Willen hat. Doch im Leben muss man so handeln, als ob man einen freien Willen hätte.

Ramakrishna sagte: “ Man muss wissen, dass man als ein Individuum nicht der Handelnde ist, doch man muss im Leben so funktionieren, als ob man der Handelnde ist.“ Das sind die gleichen Worte, wie sie der deutsche Philosoph Hans Vaihinger in seiner Als-ob-Philosophie benutzt hat: „Der Mensch hat keine Wahl, er muss in Fiktionen leben. Er muss so handeln, als ob es einen Gott gäbe, der tugendhaftes Verhalten belohnt und sündhafte Handlungen bestraft; als ob der Mensch einen freien Willen hätte, der ihn für seine Handlungen verantwortlich macht; als ob die Menschheit nicht unter dem Todesurteil stünde. Nur Kraft dieser Fiktion kann das Individuum seine geistige Gesundheit behalten.“ Die Bedeutung des Als-ob wird somit deutlich. Er sagt, man muss handeln. Man kann nicht nicht handeln. Der Körper-Verstand-Organismus muss auf ein Ereignis reagieren. Man muss Entscheidungen treffen und man muss sie so treffen, als ob sie die eigenen Entscheidungen wären.

Lassen sie Ihr intellektuelles Verständnis sein, dass Sie nicht der Handelnde sind, und handeln Sie weiterhin, als ob Sie der Handelnde wären. Mit der Zeit wird dieses intellektuelle Verstehen, dass Sie nicht der Handelnde sind, tiefer einsinken, und alle Handlungen, die geschehen, werden als spontane Handlungen erkannt und nicht als „Ihre“ Handlungen.

aus: Ramesh S. Balsekar, „Erleuchtende Gespäche“

Drei sehr unterschiedliche Herren, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Die Grundaussage ist ja schon ein bisschen älter. Da fällt einem natürlich gleich der Herr Siddharta Gautama ein mit seinem „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden“. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit bis zu dem Hinweis von Ramesh, das alles vorherbestimmt sei. Ist doch irgendwie logisch. Wenn ich nicht in mein Schicksal eingreifen kann – besser, wenn da gar kein Handelnder ist, dann kann alles nur so geschehen, wie es geschehen muss. Meist kommt dann etwa noch der Hinweis auf die Palmblatt-Bibliothek, in der man (jeder?) nachforschen kann, wie sein Leben bisher verlaufen ist und wie es weiter verlaufen wird. Ich habe bisher noch keiner Palmblattbibliothek einen Besuch abgestattet, aber Ramesh hat mal davon erzählt, und der wird uns doch nicht verkohlt haben – oder?

Also ich persönlich finde das mit der Vorherbestimmung nicht so zwingend logisch und ich gestehe, dass ich dieser Aussage auch keine besondere Bedeutung beimesse. Hat nicht Nisargadatta mal von einem Wolkenkratzer erzählt, von dem jemand springt und auf dem Weg nach unten alles Mögliche erlebt? Der Wolkenkratzer war schon fix und fertig da, aber ich erlebe bei meinem Fall die Dinge eines nach dem anderen. Ja gell, das sind so G’schichten, fällt mir nur dazu ein. Überzeugen kann mich das noch lange nicht, aber wie gesagt, ist mir eh nicht wichtig. Für mich ist jeder Augenblick eine Überraschung, vollkommen neu und aus dem Moment heraus geboren. Ob das nun alles schon seit Jahrmillionen vorherbestimmt sein soll oder nicht, darüber soll sich streiten wer will. Ich hab keinen Bock dazu.

Die drei Herren da oben wenden sich allesamt nicht an einen Niemand, sondern an einen Jemand. Und wieder hab ich keine Lust dazu festzulegen, ob es den Niemand oder den Jemand überhaupt gibt. Niemande interessieren sich eh nicht für diesen „Als-Ob“-Kram und für die, die sich für Jemande halten, könnte der Tipp der drei Herren vielleicht irgendwie hilfreich sein. Hans Vaihinger sagt: „Der Mensch hat keine Wahl, er muss in Fiktionen leben.“ Er muss. Das ist ein spannender Satz und all die Bescheidwisser könnten in einer stillen Stunde mal darüber herumsinnieren, was da dran sein könnte. Na ja, es wäre natürlich möglich, dass bei dem Ansinnen der drei Herren jemand ein bisschen schizophren wird. Welches Hirn hält das schon aus: „Eigentlich gibt’s mich gar nicht, aber der, den es nicht gibt, soll so tun, als ob’s ihn gäbe!“ Häää? Ja eben – häää – guckt einfach, was da passiert, wenn ihr euch versuchsweise mal darauf einlasst. Vielleicht werdet ihr gaga, vielleicht fängt da was an zu oszillieren und ihr könnt ganz fasziniert zuschauen, vielleicht springt ihr gleich von einem Bein aufs andere und kräht: „Ich hab’s. Ich bin erleuchtet! Halleluja!“ Wer weiß. Ich wünsch euch allen einen vergnügten Sonntag!

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6 Antworten zu Ramesh Balsekar: Ich tu mal so, als ob

  1. punitozen schreibt:

    Was Kaffee am Morgen alles so bewirkt :
    Ein kaffeetrinkender Niemand , genannt Punito , hat sich als Niemand gedanklich darin versteift ,
    das DAS , der kaffeetrinkende Niemand , eine Jemand- Vorstellung ist , so auch die Bohne und das Wasser , und , und .. ALL-ES Wirklichkeit -Vorstellungen .
    “ Himmelherrgottfiktion , trinken Sie doch ihren Kaffee , wie sie mögen verehrtester Ich-weiss
    mich nicht-Nitya ,
    Mir ist “ DAS “
    ALL-ES
    bohnepiepeohnenix
    „Prost Kaffee – Aaahhh ! “
    Einen schönen Sonntag
    Punito

    Gefällt 1 Person

  2. Georg Alois schreibt:

    Gott ist gerecht,
    er hilft auch anderen nicht!
    Josef Hader
    einen lachenden Sonntag wünsche ich Euch…….

    Gefällt 2 Personen

  3. fredoo schreibt:

    Ich bin ja selten mit meinem verehrten indischen Ex-Banker nicht einverstanden.
    Aber das mit der Determination = Vorherbestimmung ( was ja der Herr Werner A. auch gerne so formuliert ) ist mir einfach zu missverständlich . Jedoch bei genauerem Hinsehen wieder mal ein VokabelProblem der Übersetzung , denn Determination im Englischen meint sehr viel mehr als Vorherbestimmt . Siehe ein etwas ausfürlicheres Dictionary.

    Wie sollte auch eine VORHERbestimmung möglich sein ? …. wo doch Zeitverlauf nur ein Konstrukt des lediglich teilbegabten menschlichen Wahrnehmens ist .
    Wie sollte eine (spezielle) Bestimmung ohne Bestimmer möglich sein ?

    Jedoch nix falsch an der „als ob“ Aussage …
    Man sollte lediglich auch die Vorstellung einer VorherBestimmung dieser „als ob“ Korrektur unterziehen .
    Dem sich (noch) „bestimmt“ fühlenden Individuum wird in beginnender Loslösung von der „devine hypnosis“ seine obsolet gewordene Selbst-Bestimmung dann ( als ob ) vorherbestimmt erscheinen.

    Doch wie kann man es dann zumindest weniger missverständlich formulieren ?
    Ein Vorschlag von mir :
    Das (angeblich individuelle) Handeln ist nicht vorherbestimmt , sondern ausschließlich kontextbestimmt.
    Das Individuum als lediglich wegen der Fähigkeitsbeschränkung seiner Wahrnehmung getrennt erscheinender Teil eines Konglomerats von Teilen , die in Gänze KONTEXT ergeben , wird IN TUTO von den Impulsen aus diesem KONTEXT bestimmt handeln … lediglich seine beschränkt talentierte Wahrnehmung , die getrennte Teile und in Raum-Zeit-Verlauf getrennte Ereignisse erscheinen lässt , „als ob“ diese existieren würden , erschafft dann auch „eigene Handlungen“ … Das „eigene“ ist also lediglich eine RegistraturVereinfachung der ErinnerungsFunktion , und dem zu folge kein Fehler oder Irrtum sondern höchstens verzerrende Vereinfachung .

    Kein Fehler , kein Versagen , sondern lediglich zwangsläufige Nebenwirkung einer beschränkten Fähigkeit der Wahrnehmung eines Zellhaufenkonglomerats , der sich selbst „ich-Mensch“ nennt …

    Gefällt 4 Personen

    • Alexandra schreibt:

      Alles geschieht aus sich selbst heraus, kann gar nicht anders, weil alles miteinander verwoben ist und scheint nur so „verrückt“ weil das Gehirn des Menschen so komplex ist; diese Körper-Geist-Maschine namens Mensch so unglaublich sozial und im Gegenzug so unglaublich unsozial ist wie kein anderes Lebewesen….
      Tiere haben, denke ich, nicht den Drang dazu , sich das Leben grundsätzlich bequemer zu machen ,etwas ändern zu wollen. Schöner, schneller, besser… führt natürlich automatisch auch zu den gegenteiligen Er-schein-ungen und Mensch ist nie zufrieden, da er das Grundproblem nicht aufdeckt. Aber so ist das halt. Oder „soll“ das so sein? Habe auch immer ein bisschen Probleme mit dem Wort vorherbestimmt. Das klingt einfach immer so, als wäre da ein jemand, Gott, der das alles geplant hat und nun in die Tat umsetzt. Und das fände ich ziemlich sadistisch. Aber das es in der dualistischen Welt immer ein Gegenteil geben muss, leuchtet mir schon ein. Da kommen mir Regenwürmer ein bisschen weniger krass vor, als Menschen. Aber vielleicht verstehe ich auch zu wenig vom Leben der Regenwürmer. …

      Gefällt 2 Personen

    • ananda75 schreibt:

      Hi Fredoo 🙂

      Hab ich dir denn eigentlich schon mal gesagt, dass ich immer wieder gerne lese, was du schreibst?
      Ich bin zwar oft nicht deiner Meinung
      aber dadurch, dass ich dich lese, kann ich überhaupt anderer Meinung sein
      In anderen Worten – immer wieder anregend 🙂

      Vorher bestimmt… Zeit… wie mit dem handeln – wir bewegen uns und richten uns nach verabredeter Uhrzeit und Kalender – Sonne geht auf, Sonne geht unter … aber so, wie die Sonne ja eh nicht untergeht … allein in Gedanken, Träumen bewegen wir uns in der Zeit ja auch nicht nur in einer Richtung… sonst wär ja auch kein vorher sehen, vorher wissen möglich… von „oben“ betrachtet, von „außen“ sozusagen – aber das is wieder was, was man nicht wirklich sagen kann, denn in dem Moment, wo wir mit einander reden, sind wir ja automatisch mitten drin, in der Zeit-Achse… also, bei mir im Kopf drin 😉 dreht sich das um – nicht die Zeit bewegt sich, sondern wir bewegen uns, die Zeit ist einfach und so ist auch alles was da drin ist einfach und vorher oder nachher nix anderes als dass „wir“ eh nix „machen“ – insofern löst sich vorher bestimmt oder nicht auf in Es Ist – ganz egal, ob vorher oder nachher …
      – oder könnte das vielleicht genau das, was du meinst … ?
      *grübel – nö – nich grübel, einfach mal so stehen lass 😉

      Lieben Gruß ❤

      Gefällt 1 Person

    • Ayni schreibt:

      Aus der Quantum~Physik~ Kiste ! Planck-Zeit…..& ‚ Nicht ‚ Ich ‚ tut mal so, als ob DAS zu verstehen bzw. in einem nicht zu definierendem Kontext WAHRnehmbar ist & sei, um eine wie auch immer geartete menschliche Form im Raum anzunehmen…..24’ste Minute + 10 Sekunden, um Niemand überzustrapazieren:https://www.youtube.com/watch?v=VHF9gE6TWTI
      Das beschränkte Zellhaufenkonglomerat akzeptiert Das mal eben ganz radikal, wobei anzumerken übrigbleibt, dass ES eben auch ganz andere wundervolle Qualitäten zu leben versteht.

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