Ich bin ein Nazi

 

So, genug Süßholz geraspelt, ich muss ihn einfach noch einmal der Vergangenheit entreißen, den einzigen Pauker, der mich dazu veranlasst hat, meine liegende Schulschlafposition zu verlassen und tatsächlich völlig gebannt an seinen Lippen zu hängen. Ich hatte es schon nicht mehr zu hoffen gewagt, dass das nochmal passieren würde. Von diesem Lehrer stammt der Satz, den ich als Überschrift gewählt habe: „Ich bin ein Nazi.“ Ich hab schon mal von ihm erzählt. Die, die das noch in Erinnerung haben, mögen mir verzeihen, wenn ich mich wiederhole.

Ein Kollege war erkrankt und besagter Lehrer musste für ihn einspringen. Wir hatten ihn nur dieses eine Mal in unserer Klasse. Damals wollte noch keiner seiner Kollegen über das dritte Reich sprechen. Es stand zwar im Lehrplan, aber wurde einfach nicht angesprochen. Vermutlich hatte keiner unserer Lehrer das Trauma des verloren gegangenen Krieges auch nur ansatzweise verarbeitet. Eben noch hatten sie „Sieg Heil!“ geschrien und nun sollten sie mit uns über die Verbrechen der Nazi-Diktatur reden. Damit waren ihre zarten Seelchen eindeutig überfordert. Wenn wir sie auf das Thema ansprachen, murmelten sie irgendwas in der Art: „Dazu kommen wir später.“ Dieses Später hat es nie gegeben.

Ja, und dann kam dieser Oberstudienrat und hätte in dieser Geschichtsstunde mit uns über Cäsar oder Karl den Großen oder was weiß ich wen reden können … er wollte mit uns über das dritte Reich reden. Er hatte sehr wohl mitgekriegt, dass sich seine Kollegen vor diesem Thema herumgedrückt hatten. Also kam er zu uns, die er gar nicht kannte, und eröffnete die Stunde mit dem Satz: „Ich möchte mit Ihnen über das dritte Reich reden.“

Und dann fragte er uns, was wir wohl meinten, wer an der ganzen Misere schuld sei. Einige meiner Mitschüler hatten da eine ganz klare Meinung und waren sich darin einig, dass die Nazis schuld seien und dass das deutsche Volk von ihnen verführt und vergewaltigt worden sei. Eigentlich hätten sie jetzt für diese sehr korrekte Antwort gelobt werden müssen, doch dieser Typ sagte diesen ungeheuerlichen Satz: „Ich bin ein Nazi.“ Es wurde plötzlich ganz still im Klassenzimmer und alle schienen gewaltig irritiert zu sein. Ich war völlig fasziniert. Mir war, als hätte ich seit Jahren auf diesen erlösenden Satz gewartet: „Ich bin ein Nazi.“ Kein Verdrängen, kein Wegtauchen, kein „mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, kein „die anderen waren’s, ich bin ein Guter“. „Ich bin ein Nazi“, sagte er. „Wenn alle sie als Verbrecher darstellen, ich mache da nicht mit. Sie waren Menschen wie du und ich. Das Monströse ist auch in jedem von uns zu entdecken. Was ihnen passiert ist, kann jederzeit auch jedem von uns uns passieren. Wir alle haben diesen Hang zur Gewalt in uns, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es für richtig halten.“

Das geht schon los, wenn ich über einen Stein stolpere und „Scheiß-Stein!“ brülle. Irgendjemand ist schuld – und das bin nie ich. Kürzlich hab ich mir mal wieder eine Video-Predigt von diesem Pierre Vogel angeguckt. Ich muss gestehen, in mir tauchten ausgesprochen faschistische Phantasien auf. So’n Kerl gehört nach Sibirien oder auf den Mond geschossen, waren noch die freundlicheren Versionen, die mir zu seinem Sermon einfielen. Natürlich schlummert auch in mir ein Faschist. Wer könnte für sich schon die Hand ins Feuer legen und behaupten, dass er diesbezüglich hundertprozentig immun sei gegen jedwede faschistische Anwandlung? All dies war dem Oberstudienrat aus meiner Schulzeit sehr bewusst und weil er sich dessen bewusst war, konnte er uns auch etwas über das dritte Reich erzählen und dies, ohne irgendjemandem Schuld zuzuweisen. Dass mir diese eine Stunde mein Leben lang in Erinnerung geblieben ist, zeigt mir, wie ungewöhnlich das Verhalten dieses Lehrers war. Da war jemand, der zu sich stand und keinen Hehl aus seiner Menschlichkeit machte. All die Vorbilder, die sie uns vorführten, hätte man getrost in der Pfeife rauchen können. Und das ist heute keinen Deut anders als damals. Was sollte wohl etwa an unseren Regierungsmitgliedern vorbildhaft sein? Was für ein Geschenk war das damals für mich, diesem Mann begegnet zu sein, der von sich sagte, dass er ein Nazi sei. Und heute, wo einen jeder Idiot einen Nazi schimpft, nur weil man auf die ganze sog. Political Correctness pfeift, brauchen wir das wieder so dringend wie eh und je, Menschen, die sich hinstellen und sagen können: „Ich bin ein Nazi.“

Ich kann bei diesem ach so ernsten Nazi-Thema einfach nicht ernst bleiben. Das ist alles einfach nur gaga. Kürzlich hab ich bei Imad Karim diesen arabisch-vorislamische Spruch gelesen: „Und weilst du bei einem Volke 40 Tage, so sei einer von ihnen oder wandere weiter.“ So fühlt sich für mich intelligentes Verhalten an. Aber wie beschrieben, das war in vorislamischer Zeit. Wär schön, wenn diese Intelligenz auch heute noch wenigstens hin und wieder oder natürlich besser ganz allgemein anzutreffen wäre. Aber möglicherweise war das damals auch nicht besser als heute: Wozu hätte man sich sonst diesen Spruch ausgedacht?

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7 Antworten zu Ich bin ein Nazi

  1. Stefan schreibt:

    …und ich erlebe mich bei mir zu Hause, wo mir Hausherrenrechte gewährt sind, immer wieder mal als mehr oder weniger strenger Diktator mit Vorliebe für gutes Funktionieren und Benehmen in meinem Sinne…. und was nicht passt oder nicht funktioniert wird passend gemacht oder entsorgt….

  2. Eno Silla schreibt:

    Die Zen-Wahrheit des Tages meint dazu:

    Wenn die Gedanken sich erheben, erheben sich alle Dinge, und wenn
    die Gedanken schwinden, schwinden alle Dinge.

    Huang-po

  3. punitozen schreibt:

    Was geht in der Menschenmasse vor ?
    Die Frage nach dem “ Wie “ einer sozialen Neuordnung fällt völlig zusammen mit der Frage nach der charakterlichen Struktur der “ breiten Masse “ , der unpolitischen ,irrational beeinflussten arbeitenden Bevölkerung . Das Versagen einer echten sozialen Umwälzung ist daher ein Zeichen des Versagens der Menschenmassen : Sie reproduzieren die Ideologie und Lebensformen der politischen Reaktion , sie mögen sich sozial noch so erschüttert haben , struktuell in sich selbst und damit in jeder neuen Generation . Die Frage also “ wie denkt , fühlt und reagiert die breite Masse der unpolitischen Bevölkerung ? “ war damals weder allgemein aufgeworfen noch verstanden und weit entfernt davon , praktisch bewältigt werden zu können . Es gab damals viel Verwirrung . 1935 schrieb der Wiener Soziologe Willi Schlamm folgendes :
    “ In Wahrheit ist eine Epoche vorbei , in der es den Anschein hatte als ließen sich die,Massen der Gesellschaft von der Vernunft und von der Einsicht leiten in ihre Lebenslage zum Aufstieg aus eigener Kraft lenken . In Wahrheit ist es mit der gesellschaftsformenden Funktion derMassen vorbei . Sie erweist sich als total formbar , knetbar , bewußtlos und fähig zur Anpassung an jegliche Macht , an jegliche Niedertracht . Sie hat keinen geschichtlichen Auftrag . Im 20 . Jahrhundert , im Jahrhundert der Tanks und des Radios , ist dieser Aufrag unzustellbar , ist die Masse ist die Masse aus dem gesellschaftlichen Formungsprozess ausgeschaltet worden . “
    ( Quelle : Wilhelm Reich , Die Massenpsychologie des Faschismus , Seite199 -200 )

  4. Pingback: Die Brutalität der Wahrhaftigkeit | per5pektivenwechsel

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