Ikkyû Sôjun: Im Herbstwind einer Nacht hunderttausend Jahre

 

 

Rinzais Nachfahren
Wissen nicht um Zen.
Wahre Überlieferung
Lebt
In des blinden Esels Hütte.
Liebe,
Drei Leben,
Sechzig Generationen –
Im Herbstwind
Einer Nacht
Hunderttausend Jahre.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Rinzai (jap.) alias Linji (chin.) lebte ca. 60 Generationen vor Ikkyû. Linji ein Chinese, Ikkyû ein Japaner – der Unterschied zwischen beiden ist wie „hundertausend Jahre im Herbstwind einer Nacht“ oder anders gesagt – da ist keiner. Wie kaum ein anderer leidet Ikkyû unter den Zen-Kollegen seiner Zeit, die sich zwar der wahren Überlieferung der Lehre Rinzais rühmen und doch nicht um Zen wissen. Er, der blinde Esel, lebt in seiner Hütte Zen im Geiste Linjis – sagt er, der Ikkyû. Der Kommentator verweist auf diese Aussage im Mumokan: Wer Erleuchtung erlangt, der „kann Hand in Hand mit der ganzen Reihe der Patriarchen gehen. Ja, er kann, Augenbraue an Augenbraue stehend, mit den gleichen Ohren hören und mit den gleichen Augen sehen.“ Was braucht der noch eine Erleuchtungsurkunde, die es eh an jeder Ecke zu kaufen gibt? Ja aber, dann kann ja jeder behaupten, der direkte Nachfolger Linjis zu sein, höre ich schon. Ja, würde ich sagen, kann jeder. Soll er doch! Wer interessiert sich denn für Anerkennung?

„Liebe, drei Leben“ – was hat das jetzt in dem Gedicht verloren? Liebe für drei kommende Leben haben sie sich versprochen, der blinde Esel Ikkyû und die blinde Shin. Ikkyû liebte seine Träume und hat sie nie als bloße Träume abgetan. Er war sich, denke ich, sehr wohl bewusst, dass diese Träume nicht mit der Wirklichkeit, also mit der Quelle von allem, gleichzusetzen sind, aber warum sie nicht als Ausdruck der Einen Wirklichkeit mit seinem ganzen Sein lieben? Und hier schließt sich wieder der Kreis. Ja, Träume als Träume zu erkennen, ist die eine Sache, sie zu meiden, eine andere. Es geht eben nicht um Weltentsagung oder Weltverdammung, wie das die Religionen als besonders heiliges Tun verklärt haben. „Mitten in der Welt – nicht von der Welt“ meint nach meinem Verständnis nicht, sich über die Welt zu stellen, weil ich Schlaumeier ja erkannt habe, dass sie nur ein Traum ist.

Zarah Leander nennt „die Welt“ in ihrem Lied eine Lüge. Was für ein Leben wird das sein, das sich selbst nur als Lüge sehen kann? Auch das, was im Nachhinein vielleicht nur noch als kitschige Rosamunde Pilcher-Schmonzette gewertet wird, barg – vielleicht – den unentdeckten Widerschein der Einen Wirklichkeit. Wird das gesehen, kann die Welt einschließlich ihrer „Schmonzetten“ möglicherweise auch als Ausdruck der Einen Wirklichkeit gesehen und als ein einziges Wunder begriffen und geliebt werden. Dann hätte darin auch das Versprechen zwischen Ikyyû und Shin seinen Platz und das kleine von mir zitierte Gedicht.

Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn;
dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.

 

Hör auf die Flöte – wie sie erzählt, wie sie klagt über Trennung und spricht:

Seit man mich aus dem Röhricht schnitt,
weinen Mann und Frau bei meiner Klage.
Ich suche die Herzen derer, die von Einsamkeit gequält sind
– nur sie verstehen den Schmerz meiner Sehnsucht.
Wer weit entfernt ist von seiner Heimat,
der sehnt sich nach dem Tag seiner Rückkehr…

Der Hauch der Flöte ist Feuer- nicht Wind!
Was nützt einem sein Leben ohne dieses Feuer?
Das Feuer der Liebe bringt dem Schilfrohr die Musik
und dem Wein seinen Geschmack.
Das Lied der Flöte lindert den Schmerz verlorener Liebe.
Ihre Melodie reißt die Schleier von unserem Herzen.

Hat es je ein so bitteres Gift oder einen so süßen Zucker gegeben,
wie das Lied der Flöte?
Hat man je einen Liebenden wie sie gesehen?

Rumi

 

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7 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Im Herbstwind einer Nacht hunderttausend Jahre

  1. Marianne schreibt:

    Ein Flötenklassiker, der von der Trauer um die verlorene Liebe des Gottes Pan – der Nymphe „Syrinx“ – erzählt … (Debussy)

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  2. Nitya schreibt:

    Is hier eigentlich noch irgendjemand der deutschen Sprache mächtig?????

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  3. Ingeborg schreibt:

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