Osho: Entsagung bedeutet, den Traum als Traum zu erkennen

 

Vergänglich ist die Welt –
Substanzlos wie Phantome und Träume,
Entsage ihr und verlass die Deinen.

aus: Tilopa, „Gesang vom Mahamudra“

Ein Zen-Meister wachte eines Morgens auf und fragte einen seiner Schüler: „Ich hatte heute Nacht einen Traum. Kannst du ihn mir deuten, mir seinen Sinn erklären?“ Der Schüler antwortete: „Warte! Ich bring dir erst eine Tasse Tee.“ Der Meister nahm die Tasse Tee entgegen und fing an: „Und nun zu dem Traum …“ Der Schüler sagte: „Vergiss ihn, denn ein Traum ist ein Traum und braucht keine Deutung. Eine Tasse Tee ist Deutung genug: Wach auf!“

Der Meister antwortete: „Getroffen, ganz genau! Wenn du meinen Traum gedeutet hättest, hätte ich dich jetzt aus dem Kloster geworfen, denn nur Narren deuten Träume. Dein Glück, dass du es nicht getan hast, sonst hätte ich dich endgültig hinausgeworfen und keines Blickes mehr gewürdigt.“

Nach einem Traum brauchst du eine Tasse Tee, und dann Schluss damit. Diese Geschichte hätte Freud und Jung und Adler schwer getroffen, denn sie verschwendeten ihr ganzes Leben damit, anderen ihre Träume zu deuten. Einen Traum muss man hinter sich lassen. Die einfache Erkenntnis, dass es ein Traum war – und schon bist du darüber weg. Das ist mit Entsagung gemeint.

Tilopa wurde nur missverstanden, weil die Welt von Weltentsagern und Weltverdammern wimmelt. Sie glaubten alle, er spräche ihre Sprache. Aber das tut er nicht. Alles, was er sagt, ist: „Erkenne, dass die Welt vergänglich ist, und damit hast du ihr entsagt.“ „Entsage ihr“, heißt in seiner Sprache, „Erkenne, dass sie ein Traum ist.“

aus: Osho, Tantra, die höchste Einsicht“

 

Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn;
dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.

Und darum will ich heut‘ dir gehören,
du sollst mir Treue und Liebe schwören.
Wenn ich auch fühle, es muss ja Lüge sein:
Ich lüge auch, und bin dein.

aus dem Film: „Es war eine rauschende Ballnacht“,
Text: Hans Fritz Beckmann, Komponist: Theo Mackeben

„Erkenne, dass die Welt vergänglich ist, und damit hast du ihr entsagt“, lässt Osho den Tilopa sagen und genau das bringt uns Zarah Leander in „Es war eine eine rauschende Ballnacht“ zu Gehör. Sie weiß, wenn sie Treue und Liebe schwört, dass dies Lüge ist, selbst wenn sie es in dem Augenblick, in dem sie es schwört, genau so empfinden mag, während wir das von der Nonne, die die Zeilen oben im 12. Jahrhundert schrieb, nicht wissen können. Ein Traum ist es alle Male in beiden Fällen. Der mögliche Unterschied liegt nur in dem einen Merkmal: Wird gewusst, dass der Traum ein Traum ist, oder wird der Traum für die Wirklichkeit selbst gehalten und nicht lediglich für einen Ausdruck der Wirklichkeit. Als ich das kleine Gedicht das erste Mal hörte, war es für mich wie ein Traum, der Wirklichkeit geworden war. Ich war zu einem Gläubigen geworden mit all der dazugehörigen geistigen Verwirrtheit. Ob mir damals eine Tasse Tee geholfen hätte – ich glaube eher nicht. Ich brauchte wohl wirklich eine gehörige Tracht Prügel, um den Traum als Traum erkennen zu können.

Ich erinnere an den Kommentar in der Süddeutschen zu Judith Malina: „Schauspiel und Leben interferieren und vermischen sich. Diese Interferenzen und Spiegelungen sind es ja auch, was ‚Die Kinder des Olymp’so großartig macht. Judith Malina ist sich bewusst, wie willkürlich und beliebig diese Grenzsetzungen sind, und wie komisch die Interferenzen sein können.“ Judith Malina ist Schauspielerin und wie alle Schauspieler weiß sie, dass sie nur spielt. Aber wie Shakespeare weiß auch sie, dass sie selbst auch nur gespielt wird. Wie spielerisch leicht ist doch der Umgang mit Menschen, die sich dessen bewusst sind.

Vergänglich ist die Welt –
Substanzlos wie Phantome und Träume,
Entsage ihr und verlass die Deinen.

„Die Deinen“ – damit ist natürlich nur gemeint, dass jedes „dein“ völlig substanzlos ist und als Phantom und Traum erkannt sein will. Es geht also um ein Erkennen und nicht darum, irgendetwas zu tun. Verlasse also um Gottes willen jetzt nicht „die Deinen“, es genügt zu erkennen, dass es nie ein „mein“ und ein „dein“ gegeben hat.

 

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3 Antworten zu Osho: Entsagung bedeutet, den Traum als Traum zu erkennen

  1. Stefan schreibt:

    „Wen liebst Du wirklich?“ fragt Agnes Obel in Ihrem Lied:

    „Golden Green“, zu hören und sehen da: :https://youtu.be/WRLVINLlEVE

    M-eine Antwort lautet: „D-ich + m-ich“

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Stefan, ich vermute, du kannst dich noch erinnern: Der Nitya kann ein richtiges Arschloch sein.

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      • Stefan schreibt:

        Ich weis…. dann zieh‘ ich mich zurück, bemühe mich mich zu beruhigen, lecke meine Wunden und bemühe mich, es gut zu nehmen… und dann auf der Toilette weiß ich es plötzlich liebend gern zu nehmen….und erinnere mich an „Polo“ das einzige Loch mit Pfefferminz drumrum, was ich als Kind immer wieder mal gerne lutschte
        😎

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