Huang-po: der wortlosen Dharma des Einen Geistes

 

Wat fürn Witz!

Als sich der Tathāgata in dieser Welt manifestierte, wollte er ein einziges Fahrzeug der Wahrheit predigen. Aber die Menschen hätten ihm nicht geglaubt, hätten ihn verhöhnt und wären in das Meer der Leiden (Samasāra) versunken. Andererseits wäre Schweigen Selbstsucht gewesen, und er hätte nicht die Erkenntnis des geheimnisvollen Weges zum Segen der Lebewesen verbreiten können. So griff er zum Notbehelf – der Lehre von den Drei Fahrzeugen. Da diese Fahrzeuge  relativ größer und kleiner sind, mussten unvermeidlich oberflächlichere und tiefere Lehren entstehen. Keine davon aber ist der ursprüngliche Dharma. Darum heißt es, dass es nur den Weg des Einen Fahrzeugs gibt. Gäbe es mehr, wäre dies nicht die Wirklichkeit. Außerdem gibt es absolut keine Möglichkeit, den Dharma des Einen Geistes zu beschreiben. Darum rief der Tathāgata den Kāshyapa zu sich und ließ ihn niedersitzen auf dem Sitz, von dem das Gesetz verkündet wird. Hier vertraute er ihm unter vier Augen den wortlosen Dharma des Einen Geistes an. Dieser unverzweigte Dharma sollte gesondert geübt werden; dann sollten die, die wortlose Erleuchtung erlangten, den Zustand der Buddhaschaft erreichen.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Huang-po starb, wenn ich das richtig gerechnet habe, ca 1.330 Jahre nach Siddhārtha Gautama. Die Geschichte mit Kāshyapa, wie ich sie kenne und wie sie mir entschieden besser gefällt, findet sich als Koan Nr. 6 im Mumokan: „Buddha und die Blume. Als der Buddha sich in den Grdhrakuta-Bergen befand, drehte er eine Blume zwischen seinen Fingern und hielt sie seinen Zuhörern hin. Ein jeder war still. Nur Kāshyapa lächelte bei dieser Offenbarung, obwohl er versuchte, seine Miene zu beherrschen. Buddha sagte: ‚Ich habe das Auge der wahren Lehre, das Herz des Nirvana, den wahren Aspekt der Nicht-Form und den fehlerlosen Fluss des Dharma. Dies ist nicht in Worten auszudrücken, sondern wird jenseits des Lehrens auf besondere Weise vermittelt. Diese Lehre habe ich Kāshyapa gegeben.'“

Wie Huang-po darauf kommt, zu erzählen, dass der wortlosen Dharma des Einen Geistes gesondert geübt werden solle, ist mir ein absolutes Rätsel. Ich würde in aller Bescheidenheit sagen: Der wortlosen Dharma des Einen Geistes kann weder gesondert noch nicht gesondert geübt werden. Deshalb gefällt mir ja auch die Geschichte aus dem Mumokan so gut. Buddha dreht sein Blümchen zwischen den Fingern und Kāshyapa lächelt. In aller Öffentlichkeit, jeder könnte vergnügt mit Kāshyapa lächeln – aber keiner kapiert den Witz, sorry, den wortlosen Dharma des Einen Geistes. Alle erwarten Erklärungen, Anweisungen, Übungen, aber bestimmt nicht – ja was denn, da war doch gar nix. Der übliche Kindergarten halt.

Also wenn jemand mitgelächelt hätte, dann wäre es bestimmt Huang-po gewesen. Deswegen verstehe ich nicht, dass er so’ne komische Version der Geschichte weitergegeben haben soll, auch wenn sie ihm so berichtet wurde. Aber das ist ja auch schon wieder weit über tausend Jahre her. Wer weiß, was ihm da schon wieder alles untergejubelt wurde. So ist das halt mit allen Geschichten – es sind nur Geschichten. Wichtig ist nicht, ob sie historisch wahr sind, sondern ob sie einem Kāshyapas Lächeln ins Gesicht zaubern können. Das ist natürlich nicht nur von der Geschichte abhängig, sondern auch vom Bewusstheitszustand, auf den sie trifft. Wenn sie auf den richtigen Bewusstseinszustand trifft, kann die Geschichte auch erstunken und erlogen und saublöd sein. Das könnte Kāshyapas Lächeln keinen Abbruch antun. Und im Grunde bräuchte es dafür eigentlich überhaupt keine Geschichte.


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6 Antworten zu Huang-po: der wortlosen Dharma des Einen Geistes

  1. fredoo schreibt:

    Ich gehöre ja bei den „heiligen“ Texten zu den passionierten Übersetzungsmisstrauern …Nicht in dem was da „hin“gedeutet werden soll , sondern in dem wie der Übersetzer zu verstehen vermag … denn er wird ja , als Übersetzer , um Deutung bemüht sein müssen , auch da , wo der Autor womöglich bewussdt mit An-Deutung formuliert hat .
    Speziell bei Texten aus dem Chinesischen ergibt sich noch das Probklem , das Chinesisch nicht in klarer Trennung Subjekt Prädikat Objekt formuliert , sondern in schlichten Symbolzusammenhängen … wo sich der Leser das Agierende selbst zu imaginieren hat …
    Wenn da also steht „““ Hier vertraute er ihm unter vier Augen den wortlosen Dharma des Einen Geistes an. „““ wird da im Chinesischen lediglich : Stille / Nähe / Dharma formuliert sein . Das „anvertrauen“ bzw. oft formuliert „übermitteln“ wird in Übersetzung da hineingeheimst , weil sich der Übersetzer diese Situation nur so erklären kann … Ebenso „Dieser unverzweigte Dharma sollte gesondert geübt werden“ wird im Chinesischen relativ sicher in der Symbolfolge Dharma / Ausschließlichkeit / Wahrnehmung formuliert sein … dass da der (noch) nicht verstehende Übersetzer eine gesonderte Ausübung vermutet … nun ja … dem ist halt so …
    Das er dann noch in der Symbolfolge Wortlosigkeit / Erleuchtung / Buddhaschaft einen zu erlangende Zustand als eindeutig gegeben annnimmt und ebenso formuliert , wird zum gewohnten Bild deutscher Übersetzungen aus einer Sprache , die nur Situationen / Symbole reiht und der eindeutige Zuordnung von Handlung völlig sekundär ist …
    So gelesen werden die Worte des Huang-Po doch verblüffend „klar“ … oder ?

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Oh, ich danke dir sehr, edler Fredoo, für deine erlauchten Erläuterungen. Ich, des Chinesischen in keiner Weise mächtig, muss mir halt irgendwie anders über die Runden helfen. Oder ich frag vorher bei dir nach. Letztlich ist es aber so, wie ich es oben schrieb: „Wenn sie auf den richtigen Bewusstseinszustand trifft, kann die Geschichte auch erstunken und erlogen und saublöd sein. Das könnte Kāshyapas Lächeln keinen Abbruch antun. Und im Grunde bräuchte es dafür eigentlich überhaupt keine Geschichte.“ Dann kannst du von mir aus eine Banane betrachten und kriegst dieses dämliche Grinsen ins Gesicht.

      Gefällt 4 Personen

  2. Elwood schreibt:

    Und was hätte wohl der alte Knabe über Deinen heutigen Text gesagt?

    Gefällt 1 Person

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