Daniel Herbst: Ich werde mich niemals verstehen

 

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Ich kann mich nur deshalb nicht verstehen, weil ich mich verstehen will. Mich verstehen zu wollen bedeutet bereits, dass ich mich nicht verstehe. Und ich verstehe mich nur deshalb nicht, weil ich, statt einfach zu sehen, statt einfach zu hören, statt die Unmittelbarkeit des Lebens zu erleben, etwas anderes verstehen möchte – mich selbst. Als ob ich mich selbst anrufen könnte, um mich danach zu erkundigen, wer ich bin und wie es mir geht.

Ich spreche immer nur mit mir selbst und dieses Selbstgespräch macht mich dann vor mir selbst fremd, wenn ich glaube, mich dadurch verstehen und kennenlernen zu können. Niemals! Ich kann nichts anderes kennenlernen als „meine“ Vergangenheit, „meine“ Muster, „meine Neurosen“ die Art „wie ich gestrickt bin“. Aber das ist nicht, wer ich bin, und eben darin liegt der Trugschluss.

Solange ich glaube oder denke, dass dieses Strickmuster mir Aufschluss über mich selbst geben kann, bin ich heillos in die Person verstrickt, die ich zu ergründen versuche. Die Frage ist: Wer versucht, diese Person zu ergründen? – Ich. Warum versuche ich denn nicht gleich, mich selbst zu ergründen, statt meiner Spiegelung?! Weil das unmöglich ist. Ich kann nur das ergründen und verstehen, was mir erscheint. Durch mein Verstehen wird es zum Objekt, zu etwas, was irgendwie ist und irgendwelche Eigenschaften hat. Und wenn ich glaube, dass es  irgendwie ist, verstehe ich gar nichts. Dann reduziere ich das, was nicht zu verstehen ist, auf etwas Verstehbares. Dann wird aus Wirklichkeit Realität. Dann passe ich die Wirklichkeit meiner kleinen Gedankenwelt an und tue so, als ob ich dadurch etwas verstanden hätte.

aus: Daniel Herbst, „Lebenslänglich lebenslang“

s„Als ob ich mich selbst anrufen könnte, um mich danach zu erkundigen, wer ich bin und wie es mir geht.“ Klar kann ich mich anrufen und mich nach mir erkundigen und wenn ich ein schlaues Bürschchen bin, wird mir auch eine Menge einfallen, was ich da erzählen kann. Ich weiß inzwischen soooo viiieeel über mich zu erzählen und was ich alles so erlebt habe. „Kannste dich noch an die Kleene aus Berlin erinnern?“ sag ich so zu mir. „Da waren wir 15. Mann war die süß! Und witzig war sie. Mein Gott haben wir schön rumgealbert.“ Und wir nicken uns beide nostalgisch zu, also ich und ich. Wir können uns richtig fein unterhalten wir zwei, nur … da hat er schon recht, der Daniel, eigentlich mach ich mich damit mir nur fremd. Ohne es zu bemerken, hab ich aus dem Nitya ein Ding gemacht, ein Objekt, das man einordnen, klassifizieren, bewerten und was weiß ich noch alles kann. Und das soll ich sein? Na ja, gut, ich kann mich dafür halten, aber wer ich bin, meine Wirklichkeit  … keine Ahnung. Aber in diesem Nichtwissen höre ich auf, ich und ich zu sein, höre ich auf „mir“ fremd zu sein, bin ich mir näher als nah, verschwindet jeder Abstand, ist einfach nur noch Präsenz.

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15 Antworten zu Daniel Herbst: Ich werde mich niemals verstehen

  1. punitozen schreibt:

    “ Still sitzen, nichts tun, der Frühling kommt, und das Gras wächst von selbst ! “
    sagte Punito zu sich selbst .

    Einen schönen Sonntag
    Punito

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Bei „Tauche ein“ hab ich abgeschaltet. Spätestens seit die Werbung pausenlos die Aufforderung „Erfahre …“ vom Stapel lässt, bin ich völlig allergisch gegen jedwede Aufforderung geworden. Aber im Grunde war ich das schon seit meiner Geburt.

      Gefällt 1 Person

  2. Marianne schreibt:

    Sich selbst in der eigenen Wahrnehmung verdinglichen ist ein heilsamer Vorgang – behaupte ich. Die berühmte Frage: „Wer bin ich?“, wird so zur Erkenntnis, wer oder was ich NICHT bin. Manche nennen diesen Vorgang Des (oder Dis-)-Identifikation.
    So kann eine Schicht nach der anderen unserer illusionären Selbst-Bilder verschwinden …

    Gefällt 3 Personen

  3. Nane schreibt:

    Ja, wie will „jemand“ herausfinden, wo, wie und wann er/sie/es „echt“ ist ?
    Lustig für mich immer, daß gerne Männer mit solchen „Weisheitsphasen“ ankommen, als wenn sie verteidigen wollen, daß sie männlichen Geschlechts sind. Oft von einem extrem ins andere.

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  4. fredoo schreibt:

    Tja … es ist die Frage … ob da ein „Aha“ geschieht , weil da jemand fleissig und konstant seine Atma Vichara Hausaufgaben ausgeführt hat … oder halt … trotzdem …
    Das konnte mir keiner von denen beantworten , die sich dieser Methode zugewendet haben …
    Ich zumindest kenne diverse , die wie ich dem „trotzdem“ zugeneigt sind …

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  5. fredoo schreibt:

    Tja … Marianne … das ist auch so eine Frage ohne Antwort ( sondern nur mit Meinungen ) …
    Erfolgt Heilung wegen Bemühungen … oder trotz dieser …

    und ist nicht gerade die Bemühung um Hilfe , die Garantie des Fortbestandes von Hilfsbedürftigkeit ?
    eine Frage die sich nach meiner Meinung jeder „Helfer“ permanent zu stellen hätte … oder ?

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