Ramesh S. Balsekar – la vida pasa

 

b

Vielleicht einer von Tausenden
strebt nach der Freiheit.
Unter denen, die nach Freiheit streben
– und glauben, erfolgreich zu sein –
kennt kaum jemand
die gesamte Wahrheit Meines Seins.

Bhagavad Gita, VII/3

Ohne eine gewisse angeborene, gottgegebene, intuitive Einsicht sind viele Verse der Bhagavad Gita sehr leicht misszuverstehen. So kann in diesem Vers das Missverständnis entstehen, dass Gott Krishna den einzelnen Suchenden selbst dafür verantwortlich macht, dass die Realisierung des Selbst noch nicht geschehen ist, und den Fehler der mangelnden Selbst-Anwendung des Suchenden zuschreibt. Doch man muss begreifen, dass die Suche, und es ist egal, was man sucht, durch einen individuellen, menschlichen Organismus geschieht als Teil seiner gottgegebenen Bestimmung. Dann erkennt man, dass es tatsächlich keinen individuellen Suchenden gibt, der stolz auf seine Suche sein könnte. Sucht jemand Geld und Macht, dann ist dies Gottes Wille. Sucht jemand Spiritualität, dann ist auch dies Gottes Gnade.

In diesem Vers verweist Gott Krishna auf die Tatsache, wie selten jemand Frieden und Vollendung sucht, und dass noch viel seltener jemand die absolute Wahrheit erfährt.

aus: Ramesh S. Balsekar, „Die Bhagavad Gita“

bgIch weiß gar nicht, was der hat, der gute Ramesh: Heute werden wir überflutet von Büchern, Videos, Erleuchtungs- und Erwachens-Kongressen, die allen Menschen Erleuchtung/Erwachen pur anbieten, und es gehört schon fast auf jeder Fete zum guten Ton, sich als Erleuchteten/Erwachten zu outen. Und dann kommt dieser Ramesh daher und wärmt die ollen Kamellen aus der Bhagavad Gita auf und verkündet mit sauertöpfischem Gesicht, wie selten es doch ist, dass jemand die absolute Wahrheit erfährt. Und dieser komische Krishna-Gott verkündet dann auch noch, dass unter denen, die nach Freiheit streben – und glauben, erfolgreich zu sein – kaum jemand die gesamte Wahrheit Seines Seins kennt. Is doch gut, dass wir nicht mehr an Götter und ihren Willen und schon gar nicht an ihre Gnade glauben müssen und uns an jeder Ecke unser Instant-Erwachen, unsere Instant-Erleuchtung holen können. „Sobald das Geld im Kasten klingt …“ Is ja alles nix Neues, gab’s bei bei den Taoisten, gab’s bei den Buddhisten, … gab’s eigentlich überall. Schon Jesus warnte mehrfach vor den falschen Propheten und er war bestimmt nicht der Erste, der das tat. Aber alles keine Katastrophe, so hat jeder die Möglichkeit, selbst herauszufinden, wer ihm ein X für ein V vormachen will und wer nicht.

gRamesh ist ein klarer Vertreter der Aussage, dass alles eine Manifestation der Quelle ist. Ich würde ja, um Missverständnisse zu vermeiden, der Quelle weder einen Willen noch einen Gnadenakt unterstellen. Nehmen wir das doch einfach mal zur Abwechslung ernst, dass es nur die Quelle gibt und dass alles Sichtbare nur Ausdrucksformen dieser Quelle sind. Nochmal dieser Jesus, der sagt: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“(mt 6,26) Verschwiegen hat Jesus, dass unser himmlischer Vater sie auch verhungern, erfrieren oder auf andere Art zu Tode kommen lässt. Verschwiegen hat er auch, dass wir keineswegs mehr sind als die Vögel. Es ist alles die eine Quelle und es gibt keine weniger wertvollen und wertvolleren Ausdrucksformen dieser Quelle. Und dass „jemand“ die absolute Wahrheit erfährt oder nicht  – was soll das für die Quelle, für das einzig Wirkliche für einen Unterschied machen?

Haben es die Vögel unter dem Himmel verdient, dass sie ein friedliches Leben führen können, während andere vor der Zeit das Zeitliche segnen müssen? Das Ganze hat nichts mit einem Willen oder mit Gnade zu tun, so wenig zu tun wie mit Verdienst oder Schuld. Da gibt es diesen wundervollen Vers in Bert Brechts Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens, der die Lösung des ganzen (scheinbaren) Dilemmas auf dem silbernen Tablett serviert.

l

Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug.

„Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht anspruchslos genug“, sagt er, der Brecht, und hat ja sowas von recht damit. „Ich will erwachen, ich will auch erleuchtet sein!“ Huhu – was für ein absolut idiotischer Anspruch! Genügt es nicht, einfach zu sein, wie immer ich gerade zu sein scheine? Das wäre vollkommene Anspruchslosigkeit. Aber auch die ist, wie alles andere, nicht machbar.


Erleuchtet sein zu wollen oder aufwachen wollen ist einfach ein Zeichen dafür, dass ein scheinbarer Jemand ein wirklicher Jemand zu sein glaubt und es auch bleiben will. Aber auch das ist wieder nur Schein. Also was bleibt? Mir fällt nichts Besseres ein als Oshos: „Sei dir selbst ein Witz, der dich erheitert!“

h

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12 Antworten zu Ramesh S. Balsekar – la vida pasa

  1. ananda75 schreibt:

    Eins fällt mir da nur auf – was ist „vor der Zeit“ das Zeitliche segnen und so…
    Da hab ich eine andere Sicht… ich seh da nicht so’n großen Unterschied in leben oder sterben… ja – ich lebe gerne, inzwischen 😉 und ich leb auch gerne noch ein paar Jahrzehnte weiter… und es ist mir nicht egal, wie ich sterbe… aber wenn es soweit ist, dann macht mir das auch nix… kann mir nicht vorstellen, dass dadurch irgendwas besser oder schlechter wird… die Reise geht weiter, pasa la vida … que todo es pasajero… pasajeros somos… de una vida a otra…. no pasa nada 🙂

  2. Alexandra schreibt:

    Mit dem Ausdruck „gottes Willen“ habe ich auch so ein bisschen meine Schwierigkeit. Da taucht automatisch das alte Gottesdienst wieder auf, ein jemand, der etwas von mir will oder sich gegen mich stellt. Aber immer mehr merke ich, es kann einfach nicht anders sein, als es gerade ist. Warum auch immer. Ob mir das nu gefällt oder nich.
    Schönen Tag euch allen!😘

  3. fredoo schreibt:

    war es nicht der JedMcKenna ? … der da so völlig richtig erwähnte , aus eigener „Guru-Erfahrung“ : mindestens 95 % der Sucher suchen Glück zur Verbesserung ihrer persönlichen Befindlichkeit , und nur wenige suchen die Wahrheit , notfalls sogar zum Preis des persönlichen Unglücks …
    ich finde , nach mitlerweile jahrzehntelangem Beobachten des Spiri-Zirkus eine zutreffende Beobachtung , lediglich etwas zu optimistisch was die 5 % betrifft , ich neige dazu , diese bei maximal 2 % zu verorten …

    • Nitya schreibt:

      Wow, 2%! Wer bietet weniger?

    • Ronny schreibt:

      „…,das sind weitaus weniger als 1%.“

      …mag sein.
      Doch wenn in mir die Bereitschaft ist, mich diesen Frieden, der Vollkommenheit in mir „mit Haut und Haaren„ zuzuwenden, endet sehr bald jeder rechnerische Akt, weil Facettenreich in allem die NULL hervor-scheint, darin sind wir „der Absoluten Wahrheit“ näher als nah und Friede und Vollkommenheit das was offensichtlich ist.

      Gnade, scheint mir ein „schönes Konzept“ zu sein. Genauso wie „Gottes Wille“ (was für mich ein sehr „hilfreiches“ Konzept war). Vielleicht einfach die Frage ob man dem Konzept glaubt und daran festhält. Oder das Konzept Hinweis ist auf WAS? größeres ist, dem man sich anvertraut.

      „Gottes Wille“ ja, so wie du sagst: „…der Quelle weder einen Willen noch einen Gnadenakt unterstellen.“ … das scheint mir eher ein freundliches Entgegenkommen des Herrn Balsekar.

      Eigentlich sind wir in dieser „Hingabe“, in diesem „Willen Gottes“ dumm wie… man muß sich seinem eigenen Nichtwissen und dem was da abläuft ausliefern, und landet in etwas was nicht wissbar ist und keinen Landeplatz bietet. Na, Bravo…
      Wenn man an Erleuchtung oder „Erwachen auf Kreditkarte„ interessiert ist – nix wie raus da. Denn da gibt es nun wirklich nichts für „mich“ zu holen oder zu erkennen, und mit diesem Frieden, dieser Vollkommenheit kann ein „ich“ wie auch immer es sich gestaltet, auch nichts anfangen. Dann lieber doch einer der vielen die auf einem guten Weg des Erwachens sind. Oder ,lieber nicht*lach*

      YouTube zeigt mir immer wieder diese 1%er (Motorrad-Clubs), die ich mir mit Interesse angeschaut habe. Was ich beim Schauen Anfangs Interessant fand war die Bereitschaft zur Loyalität dieser Kerle.
      Eine echte Loyalität sich selbst gegenüber, findet man dort wohl auch eher selten. Denn in dieser wortlosen Loyalität zu sich selbst, eröffnet sich Gnade und Friede. Wird darin „etwas Absolutes“ berührt zeigt sich die Gnade eher als „etwas Gnadenloses“ worin nichts bleiben kann, kein Witz, kein Krishna, kein was auch immer

      Gnadenlos, mit dem nächsten Atemzug geht’s weiter. So finde ich die Loyalität DEM eigenen Sein gegenüber gar nicht so schlecht, weil sich darin Frieden und Vollständigkeit findet. Ob das Gnade ist, wie der Gute Ramesh es formuliert, so what;-)

      Schönes Wochenende wünsche ich

  4. punitozen schreibt:

    …. „Ich will erwachen, ich will auch erleuchtet sein!“ …..
    “ Ab zu OSRAM in die Frühschicht ! “
    Punito
    P.S. Kleine Geschichte von Milton Erickson :

    Der Tempel der tausend Spiegel

    Einst kam ein Hund in den Tempel der tausend Spiegel und erblickte tausend andere Hunde, die ihn anschauten. Da begann er unruhig zu werden und sich misstrauisch umzuschauen, und tausend andere Hunde wurden unruhig und schauten sich misstrauisch um. Da begann er die Augenbrauen zusammen zu ziehen und zu knurren und tausend andere Hunde zogen die Augenbrauen zusammen und knurrten.

    Da begann er wütend zu werden und fletschte die Zähne und tausend andere Hunde wurden wütend und fletschten die Zähne. Da begann er zu bellen und versuchte zähnefletschend zu zu beißen und tausend andere Hunde begannen zu bellen und versuchten zähnefletschend zu zu beißen. Da packte ihn die Angst, und er stürzte in Panik aus dem Tempel.

    Ein weiterer Hund kam in den Tempel der tausend Spiegel und erblickte tausend andere Hunde, die ihn anschauten. Da erhob er erfreut den Kopf und tausend andere Hunde hoben erfreut den Kopf. Da begann er freundlich zu schauen und tausend andere Hunde schauten ihn freundlich an. Da begann er voller Freude mit dem Schwanz zu wedeln und tausend andere Hunde wedelten voller Freude mit dem Schwanz.

    Welch schöne Erfahrung, dachte er bei sich, und ging gut gelaunt aus dem Tempel der tausend Spiegel.

  5. Alexandra schreibt:

    Ey ne, Leute, dat jeht jetzt janz schnell mit dem Erleuchten. Ick kann mir jetzt T-Shirts und Sweatshirts mit Erleuchtungssprüchen drauf koofen. Dann sehn die anderen wenigstens ooch, wie erleuchtet ick bin!

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