Nitya: Tempelritter und Freimaurer

 

 
So ungefähr, na ja, ein bisschen anders, müsst ihr euch das vorstellen, wenn ich als gerade mal neunzehnjähriger Kapitelmeister meine Junker zu Rittern geschlagen habe. Eigentlich hatten wir alle mit „Ritter“ spielen schon längst nichts mehr am Hut. Aber wat mutt, dat mutt. Damals gab’s noch keine Jugendheime oder sowas und für normale Kneipen fehlte uns einfach das Geld. Der Meister vom Stuhl der örtlichen Loge war so gastfreundlich, dass er uns das Logenhaus für unsere wöchentlichen Treffen anbot. Bier musste bezahlt werden, aber nur zum Einkaufspreis. Und der arme Hausmeister musste für uns die Bier-Kästen heranschleppen. Es war also alles ideal für uns.

jJacques de Molay
der letzte Großmeister des Ritterordens der
„Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosalemitanis“
vor 700 Jahren in Paris als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Uns – das war ein Häufchen Aufrechter, die ich in aller Eile zusammengetrommelt hatte – uns verband vor allem eine ungeheure Wissbegier und Neugier und die Freude am Diskutieren. Der einzig wirkliche Preis, den wir bezahlen mussten, war der Aufbau eines DeMolay-Kapitels innerhalb des sog. DeMolay-Ordens, der den Freimaurern als Nachwuchs-Organisation dienen sollte. Dass die Logen für Toleranz, Aufklärung und ein freundschaftliches Miteinander standen, fanden wir alle sehr sympathisch. Dagegen interessierte uns der organisatorische Hintergrund herzlich wenig, da waren für uns lauter preußische Gschaftlhuber am Werk: „Die Schaffung von DeMolay-Kapiteln sollte ursprünglich helfen, die Anerkennung der Vereinigten Großlogen in Deutschland durch amerikanische Großlogen zu erlangen. 1961 entstanden in Heidelberg „mit amerikanischer Hilfe“ 12 deutschsprachige DeMolay-Kapitel. Anfangs war auch die Zusammenarbeit mit den englischsprachigen Clubs und Kapiteln wichtig.“ Ja, um Gottes willen! Wenn es damals schon Internet gegeben hätte, hätten wir uns möglicherweise lieber eine alte Scheune für unsere Treffen ausgesucht, als uns auf dieses Kasperltheater einzulassen. Na ja, so als Jux konnten wir ja das Spiel mitspielen. Übrigens – ein Ami ist bei uns nie aufgetaucht, um uns auf Vordermann zu bringen.

mMit 21 wurde ich automatisch ein Senior-DeMolay und eingeladen, in die neu gegründete überregionale Loge „Jacob De Molay zum flammenden Stern“ zu gehen. Von den Brüdern der örtlichen Loge wurde ich also nach dem Aufnahmeritual als neuer Bruder aufgenommen. Ich besuchte eine Tempelarbeit und eine Tafelloge mit den hochverehrten Schwestern und das war es dann auch schon. Mehr brauchte ich nicht, um festzustellen, dass ich da nichts verloren hatte. Da ich ja einer überregionalen Loge angehörte, ließ man mich völlig in Ruhe. Ich schaffte es, mich total unsichtbar zu machen und irgendwann trat ich dann hochoffiziell wieder aus. Ich musste ja auch meinem Vater zeigen, dass man das strafflos tun konnte – entgegen anderslautenden Gerüchten. Ich trauerte unserer kleinen Gruppe nach, die nur dem Namen nach ein DeMolay-Kapitel war, und ich hätte mir gewünscht, bei den Freimaurern diese Gesprächskultur und Freiheit wieder zu finden, wie wir sie damals ohne großes Pipapo gelebt hatten. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ hatten wir uns nicht auf die Fahnen geschrieben, sie waren einfach selbstverständlich für uns. Darüber mussten wir auch keine salbungsvollen Reden schwingen, die immer geschwungen werden, wenn etwas nicht wirklich gelebt wird.

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Ein Beispiel: Wir hatten damals einen Schwulen in der Gruppe. Ein richtig dufter Typ war das. Er machte sich immer einen Riesen-Spaß daraus, uns anzumachen, und wir lieferten ihm das entsetzte Gekreisch, das er provozieren wollte. Dann lachten wir uns schlapp und zischten das nächste Bier. Was heute ganz selbstverständlich ist, wurde damals noch massiv mit dem § 175 bedroht und die Berührungsängste vor jedem Kontakt mit Schwulen waren gigantisch. Wir waren einfach jung, locker und abenteuerlustig, richtige Freimaurer, ohne Freimaurer zu sein. Die richtigen Freimaurer damals erschienen uns einfach wie freundliche Grufties, die nicht erwachsen werden wollten und statt „Indianer“ lieber „Freimaurer“ spielen wollten mit ihren ziemlich verrückten, sehr heiligen Ritualen, in denen wir nicht den geringsten Sinn entdecken konnten. Den Sinn kann ich immer noch nicht entdecken, aber das macht ja nix. Jedem Tierchen halt sein Pläsierchen. So großmütig waren wir damals schon in jungen Jahren.

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6 Antworten zu Nitya: Tempelritter und Freimaurer

  1. Pieter schreibt:

    Was hast Du doch „gefährliches Gedankengut“ in Dir, ich fass es nicht. :-))

    Gefällt 1 Person

  2. Inge schreibt:

    „So ungefähr, na ja, ein bisschen anders, müsst ihr euch das vorstellen, wenn ich als gerade mal neunzehnjähriger Kapitelmeister meine Junker zu Rittern geschlagen habe.“
    – zu gern hätte ich jetzt noch den Originalfilm gesehen…! 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. punitozen schreibt:

    ..Die richtigen Freimaurer damals erschienen uns einfach wie freundliche Grufties…..

    Auszug aus einer Logenrede :
    Wir wollen alle Vorurteile, allen Hass, Hader und Habgier, alle kriegerischen Instinkte, alle
    törichten Rassen – und Nationaldünkel aus unseren Herzen und Hirnen reißen, denn sie sind Reste vergangener Kulturstufen und für die Gegenwart und Zukunft schädlich. Wir wollen die Gemeinschaft der Menschen freudig als die Grundlage unserer Sittlichkeit anerkennen, denn wir sind alle Menschen, gleicher Art und gleichen Wesens. Wir wissen, woher wir kamen; wir ahnen, wohin wir gehen und wir sind Mittler zum Leben, meine Brüder.
    Wir wollen Mitkämpfer, Förderer und Führer all’ jener Bewegungen sein, in denen ein freies Menschentum nach sinnvoller Gestaltung des Daseins strebt, sei es in bewährten alten, sei es in unseren neuen Formen.
    Werden Menschen neuer Lebensanschauung ihrer Überzeugung Willen verfolgt, so muss der Bund seine Streiter auf den Plan senden, um zu schützen oder nach Kräften zu stützen

    ( Carl von Ossietzky )

    Gefällt 2 Personen

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