Osho: du nimmst es nicht an

 

osho

Seng-ts’an zufolge darf sich derjenige, der wirklich begriffen hat, dass alles dem Einen entstammt, nicht einmal mit dem identifizieren. Denn sonst ist man immer noch für und gegen irgendwas. Zu sagen: „Ich bin ein Nondualist“, ist Unsinn; denn wie kann man, wenn es nur eines gibt, noch Dualist oder Nichtdualist sein? Und was heißt das Wort „Nichtdualist“ eigentlich? Wenn es gar keine Dualität gibt, wie kann es dann so etwas wie „Nichtdualität“ geben? Seid still! Ein wirklicher Nichtdualist kann keine Meinung haben. Wer sagt: „Daran glaube ich“, lässt durchblicken, dass er nicht ans andre glaubt. Und schon haben wir wieder zwei geschaffen.

Seng-ts’an zufolge … er ist wirklich ein Nondualist, er sagt:

Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt,
sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert.
Wer unbeirrt seinen Weg geht,
den kann nichts in der Welt mehr kränken,
und wen nichts mehr kränken kann,
der bleibt nicht der, der er war.

Dies ist sehr schön. Vergesst das möglichst nicht: Wer unbeirrt seinen Weg geht, den kann nichts in der Welt mehr kränken, und wen nichts mehr kränken kann, der bleibt nicht der, der er war. Jemand beleidigt dich. Wenn du tatsächlich unbeirrt bist, kann er dich gar nicht beleidigen. Er mag’s versuchen, aber er kann dich nicht beleidigen. Er mag allerlei anstellen, um dich zu verletzen, du aber nimmst es nicht an. Und solange du es nicht annimmst, zieht er den Kürzeren.

Ein Psychiater geht eines Morgens mit seinem Freund spazieren. Plötzlich kommt einer seiner Patienten, ein Verrückter, angerannt und gibt ihm einen solchen Schlag auf den Rücken, dass er stolpert und zu Boden geht. Der Mann rennt weg, der Psychiater rappelt sich auf und setzt seinen Spaziergang fort. Das überrascht seinen Freund, der sagt: „Willst du nichts unternehmen? Du musst doch etwas tun! Der ist doch wahnsinnig!“ Der Psychiater darauf: “ Das ist sein Problem.“

Er hat recht, denn „Sein Schlag ist sein Problem, nicht meins. Ich lass mich doch nicht aus der Ruhe bringen!“ Er hat recht; denn wenn jemand Wut hat, ist das sein Problem. Wenn er ihn beleidigt, ist das sein Problem; wenn er ihn misshandelt, ist das sein Problem. Wer sich nicht beirren lässt, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Wer aber sofort reagiert, beweist damit: Der wütende Angriff liefert ihm nur einen Vorwand. Innerlich hat er bereits gekocht … und nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um Dampf abzulassen.

aus: Osho, „Hsin Hsin Ming – The Book of Nothing

nihr Problem

Ich hab den Text nicht vorweg durchgelesen, sondern einfach mit dem Tippen angefangen. Das mit dem „Dualisten“ und dem „Nondualisten“ fand ich schon mal gut. Als ich dann weitertippte und zu dem Seng-ts’an-Vers kam, wollte ich noch wissen, was Osho da wohl für sich heraus herausgezogen hat. Das ist schon witzig zu bemerken, wie da etwas im Inneren umschlug. Klar ist das, was Osho da sagt, sein Problem, und das Umschlagen in mir ist meines. Ich habe jedenfalls Seng-ts’ans Schlusssatz ganz anders verstanden als Osho. Seng-ts’an sagt: „Wer unbeirrt seinen Weg geht, den kann nichts in der Welt mehr kränken, und wen nichts mehr kränken kann, der bleibt nicht der, der er war.“ Für mich heißt das nicht, dass der Körper nicht mehr auf das, was „außen“ geschieht, antworten darf. Wenn sich mein Körper mit irgendwelchen Viren infiziert, wehrt sich sein Immunsystem mit all seinen Kräften. Wenn der Körper, die Viren erfolgreich bekämpft hat, ist er weder nachtragend noch stolz. Er ist einfach unbeirrt seinen Weg gegangen. Ähnlich erging es mir, als ich den Einbrecher in die Flucht geschlagen habe. Ich habe nicht gedacht „Das ist sein Problem.“ und habe ihn sein Werk vollenden lassen. Also nee, da tu ich nicht mit. Eine Frau, die gerade von einem Vergewaltiger überfallen wird, soll die ernsthaft denken: „Na ja, der Mann hat einen sexuellen Notstand. Das ist sein Problem. Ich lass mich doch durch sowas nicht aus der Ruhe bringen. Tob dich nur aus, mein Freund!“
vDa haben wir mal wieder dieses „Wasser-predigen-und-Wein-trinken“-Syndrom. Osho hatte Asthma und sein Immunsystem konnte wohl damit nicht fertig werden. Er war allergisch gegen alles Mögliche. Und er war gefährdet durch terroristische Anschläge. Seine Zuhörer mussten sich also, bevor sie Zutritt zu seinen Vorträgen erhielten, durch Beschnüffeln und Abtasten untersuchen lassen, ob sie nicht durch ihre Ausdünstungen oder durch versteckte Waffen Osho schaden könnten. Die zahlreichen Bodyguards waren gewissermaßen Oshos erweitertes Immunsystem. Also von wegen sein Problem oder euer Problem. Er hatte das Problem mit seinem Asthma, seinen Allergien und der Gefährdung durch religiöse Fanatiker, die ihn töten wollten. Er war kein Jesus mit seiner (angeblichen) Empfehlung, auch noch die andere Wange hinzuhalten, wenn einem jemand eine Maulschelle verpasst.
bAnsonsten stimme ich Osho ja völlig zu: Natürlich hat die ständig beleidigte Leberwurst, die sich pausenlos angegriffen fühlt, ein Problem. Ich brauche bloß an die Zeit denken, als man sich noch duelliert hat. „Mein Herr, Sie haben mich soeben fixiert. Ich werde ihnen meinen Sekundanten schicken.“ Mein Vater konnte mir noch aus erster Hand von diesem Irrsinn berichten. Also wenn diese Spinner kein Problem hatten! Aber der arme Hund, der sich nun duellieren musste, wenn er nicht als ehrloser Feigling dastehen wollte, hatte eben auch ein Problem.

So, jetzt hab ich vor lauter Empörung (mein Problem) über Oshos Interpretation des Verses aus dem Hsi Hsin Ming gar nichts darüber gesagt, wie sehr ich dem zustimme, was er über die „Dualisten“ und die „Nondualisten“ sagt. Aber jetzt muss ich mir natürlich an meine eigene Brust klopfen: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Ich bin nicht der Weisheit Seng-ts’ans gefolgt, sondern habe sehr entschieden meine Meinung vertreten.

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11 Antworten zu Osho: du nimmst es nicht an

  1. Marianne schreibt:

    Für mich sind das zwei verschiedene Vorgänge: Natürlich können und sollen wir Vorkehrungen treffen, gar nicht erst gekränkt (verletzt, bestohlen, vergewaltigt…) zu werden und uns ggf. schützen und/oder wehren …
    Aber manchmal passiert’s halt trotzdem – ein unvermeidlicher Schmerz.setzt ein. Dann ist für mich schon auch der entscheidende Punkt, ob ich in eine Re-Aktivität gehe, oder unbeirrt weiter meiner eigenen Spur folge und das Problem damit beim Verursacher lasse.
    Wenn ich Pech habe, dann merkt der aber nichtmal, dass er ein Problem hat … 😦

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    • Nitya schreibt:

      Ich mach da mal den Unterschied zwischen Körper und Geist. Wenn mich jemand einen Idioten nennt und ich mich daraufhin vor Seelenschmerz zusammenkrümme, könnte ich denjenigen, der mir das angetan hat, auch als meinen Meister begreifen, weil er mir gezeigt hat, in welcher meiner zahlreichen Neurosen ich mich gerade bade. Wenn jemand mir die Tür einschlägt oder mir die Fesse poliert, tue ich gut daran, mich meiner Haut zu wehren.Dann re-agiere ich unmittelbar und dann interessieren mich meine oder seine Neurosen erstmal Null.

      Ich erinnere gerade den Film „Die sieben Samurais“. Die haben da ein lustiges Spiel draus gemacht mit sehr ernsten Hintergrund, die Achtsamkeit eines anderen Samurais zu testen. Jemand versteckte sich mit erhobenem Knüppel hinter dem Eingangstor einer Scheune, durch die gleich der Kollege kommen würde. Wenn der nichts merkte, würde er einen deftigen Schlag abbekommen und hätte sich als unbrauchbar erwiesen. Wenn er merkt, was da auf ihn zukommt, und unmittelbar reagiert, wusste man: Das ist der rechte Mann.

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      • fredoo schreibt:

        ich habe irgendwann mal … eine merkwürdige „verzögerung“ in dem ereigniss „verletzung“ bemerkt …
        ein hartes wort und ich bin betroffen … fast null reaktionszeit … so kannte ich es …
        mitlerweile , ist da so ein kurzes … zögern … eine art bemerken des „show“-charakters auch dieser verletzung … die nach wie vor verletzt , aber auch ( zusätzlich ) in diesem bemerken eine art inneres schmunzeln ob der „guten show“ auslöst …
        der verletzungsschmerz bleibt davon zwar weitestgehend unbetroffen …
        doch dieses (zusätzliche) schmunzeln nimmt dann doch erstaunlich viel heftigkeit …
        so erlebe ich mich in summe „gelassener“ , doch sollte der genauigkeit wegen erwähnt sein , nur die summe aus zwei reaktionen erzeugt diesen effekt … verletzung > schmerz funktioniert weiter bestens , nur wird mitlerweile eine art „heilmittel“ dazu mitgeliefert …
        dieser „sowohl als auch“ effekt mässigt zugegebenermassen diese heftigkeiten von negativen ereignissen , aber er hat auch seinen preis , denn er mässigt auch den ausschlag der gefühle/empfindungen in richtung glück und wollust …
        denn auch dies … nur eine gelungene show …

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      • punitozen schreibt:

        Lieber Nitya ,
        Du triffst eine Unterscheidung zwischen Körper und Geist .
        Zusammen genommen , so meine Frage : “ Ist in Form und Leere
        nicht ein jedes Gebilde , ein zeitlich bedingter Geist-Körper ,
        bis es in die Verwandlung geht ?
        Herzlichen Gruß
        Punito

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito,

      ich schrieb: „Ich mach da mal den Unterschied …“ Ich muss den nicht machen. Aber ich kann. Wie man ich Bayern sagt: „Wer ko, der ko.“ Ich kann das auch so sehen, wie du es erwähnst. Kann ich auch. Wer ko, der ko. 😉

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  2. ananda75 schreibt:

    Ich hab da zur Zeit ein sehr schönes Übungs-Objekt
    Ein Mensch der einer Freundin, die ich sehr mag, etwas angetan hat
    Nun übe ich mich in der Gleichzeitigkeit von
    – Ja, ich habe ausgesagt gegen ihn als Zeuge und ich habe eine sehr klare Meinung über das, was er so macht und bin auch jederzeit bereit, die zu vertreten
    – Nein, ich will mich von ihm nicht mehr von ihm stören lassen in meinem Sein, in dem, wie es mir in mir drin geht
    So langsam krieg ich das hin
    Es ist nicht leicht, diese Gleichzeitigkeit, aber es geht, immer besser und das ist gut.

    Einen lieben Gruß in den Sonntag ❤

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  3. fredoo schreibt:

    hmmmm , punitozen schreibt „““Ist in Form und Leere
    nicht ein jedes Gebilde , ein zeitlich bedingter Geist-Körper ,
    bis es in die Verwandlung geht ?““““
    nochmal hmmm … und meinend erwähnt : in Form ist jedes Gebilde jederzeit räumlich und zeitlich bedingt … egal ob Geist oder Körper … jedoch Verwandlung ( in was auch immer ) wird auch immer gleichem Kriterium von „zeitlich bedingt“ gehorchen …
    dazu … in „Leere“ ist halt kein Gebilde , sondern nur ( quasi ) dessen Bauplan ( als Potentialität ) … deshalb kann man eigentlich gar nix genaues sagen zu dem was da „in“ Leere „ist“ … ( besser man hält da den Mund )
    also … kann ich zumindest weder irgendeine Entsprechung zwischen Form und Leere erkennen ( außer das beide benannt werden können ) noch vermag ich eine substanzielle Ver-Wand-Lung erkennen … Ver-Wand-Lung ist immer nur Austausch der Wand , soll heißen , ein Wechsel der Dekoration …
    Aus der Form heraus ist eine substanzielle Verwandlung nicht möglich …
    Es mag lediglich die Formenwelt „verwandelt“ erscheinen , wenn die Scheinbarkeit jedes Gebildes unbezweifelbar wurde …

    oder so ähnlich …

    Gefällt 2 Personen

  4. Inge schreibt:

    Nada Brahma:
    Dieses Video abends, in voller Länge, ohne Ablenkung (Licht) anschauen. Sich ganz hineinziehen lassen. Fragen tauchen auf: ist das in mir, oder lediglich auf dem Bildschirm? Oder beides? Gibt es etwas zu benennen, wie geht beurteilen? Was bedeutet Kontrolle oder Grenze. Was ist ein ich? Die Fragen verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Also wirklich, heute morgen vor dem Aufstehen fühlte ich mich frisch gewaschen wie von Zauberhand. Kann ich nur weiter empfehlen.

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