Drugpa Künleg: ich war bestimmt mal ein Affe


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Drugpa Künleg entgegnete den Mädchen: „Weil man zu einer gewissen Einsicht in seine früheren Existenzen gelangt, wenn man sein gegenwärtiges Verhalten prüft, werde ich euch ein Lied singen.“

In der Kette meiner vielen Leben
habe ich schon die Körper jeder Art von Geschöpfen angenommen.
Ich erinnere mich nur undeutlich daran,
doch es muss etwa folgendermaßen gewesen sein:
Weil ich jetzt so gerne Dschang trinke,
war ich bestimmt mal eine Biene.
Weil ich jetzt so viel Begierde habe,
war ich bestimmt einmal ein Hahn.
Weil ich jetzt so von Hass geprägt bin,
war ich bestimmt mal eine Schlange.
Weil ich jetzt so träge bin,
war ich bestimmt mal ein Schwein.
Weil ich jetzt so geizig bin,
war ich bestimmt einmal ein reicher Mann.
Weil ich jetzt kein Schamgefühl besitze,
war ich bestimmt mal ein Verrückter.
Weil ich jetzt so gerne lüge,
war ich bestimmt einmal ein Heuchler.
Weil ich jetzt so ein schlechtes Benehmen habe,
war ich bestimmt einmal ein Affe.
Weil ich jetzt so blutrünstig bin,
war ich bestimmt einmal ein Wolf.
Weil ich jetzt so einen engen Schließmuskel habe,
War ich bestimmt mal eine Nonne.
Weil ich jetzt so kleinlich bin,
war ich bestimmt mal eine unfruchtbare Frau.
Weil ich jetzt meinen Reichtum für Essen ausgebe,
war ich bestimmt einmal ein Lama.
Weil ich jetzt so raffgierig bin,
war ich bestimmt mal ein Verwalter.
Weil ich jetzt so viel von mir halte,
war ich bestimmt mal Sekretär.
Weil ich jetzt so gerne die anderen betrüge,
war ich bestimmt einmal ein Kaufmann.
Weil ich jetzt so geschwätzig bin,
war ich bestimmt einmal eine Frau.
Ob dies alles wahr ist, kann ich euch nicht sagen –
ihr müsst es selbst herausfinden. Was meint ihr?

„Es hört sich an, als würdest du deine früheren Leben aufzählen“, antworteten die Mädchen. „In Wahrheit aber machst du uns auf unsere eigenen Fehler aufmerksam. Wir danken dir, dass du uns mit deinem Lied belehrt hast.“

aus: Drugpa Künleg, „Der heilige Narr“
affe
Was meint ihr denn? Haben die Mädchen recht? Oder meint der heilige Narr, was er da singt? Drugpa Künleg ist wohl so etwas wie unser verrückter Till Eulenspiegel und man tut gut daran, seine Worte nicht ohne weiteres zu glauben. Vielleicht beschreibt er ja in unverschämter Offenheit einfach das, was so in diesem Drugpa Künleg herumwabert? Schließlich ist Aufrichtigkeit eine der besten Möglichkeiten, zu bewirken, dass einem niemand glaubt. Eben noch hat er Tiere umgebracht und sie anschließend wieder zum Leben erweckt. Die Mädchen waren voller Bewunderung für diesen Heiligen. Nie könnten sie sich vorstellen, dass ein Heiliger alle diese aufgezählten Scheußlichkeiten verkörpern könnte. Offenbar zählte sein berühmter „Donnerkeil der flammenden Weisheit“ und sein ständiger Einsatz desselben nicht zu seinen Scheußlichkeiten.

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Drugpa Künleg aus der Drugpa-Schule des tibetischen Buddhismus gilt jedenfalls als der Begründer der Tradition der Phallussymbole in Bhutan. Man findet sie an vielen Häusern in Bhutan oder wie hier auf einer Briefmarke. Eine der angeblichen Fähigkeiten des Drugpa Künleg scheint darin bestanden zu haben, Frauen mit seinem „Donnerkeil der flammenden Weisheit“ zu erleuchten. Diese spirituelle Methode des sehr beliebten Meisters genoss und genießt anscheinend in Bhutan höchste Beliebtheit und großes Ansehen. Die riesengroßen Phallussymbole sollen auch Glück bringen und böse Dämonen in die Flucht treiben. Drugpa Künleg ist ein echter Volksheiliger und ist aus meiner unmaßgeblichen Sicht eine wirkliche Bereicherung des ansonsten so tugendreichen Buddhismus und er hätte auch dem sittenstrengen Christentum sicher gut zu Gesicht gestanden. Drugpa Künleg hat wohl unseren modernen westlichen Therapiemethoden mit paradoxem oder provokativem Ansatz vorgegriffen, wobei er nicht im Geringsten von den Prinzipien einer humanistischen Psychotherapie eingeengt wurde. Er war anscheinend völlig skrupellos und dabei ein vollkommener Buddha. (Ich möchte ja nicht hören, was Alice Schwarzer oder andere großen Geister dazu sagen würden.)



 

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3 Antworten zu Drugpa Künleg: ich war bestimmt mal ein Affe

  1. Nane schreibt:

    Deswegen habe ich so gerne Siddharta gelesen, denn da wird beschrieben, wie er in Meditation sein Bewußtsein ausweitete und somit mehrere Leben (von Tieren) miter-leben konnte.

    Übersetzungen sind aus anderen Kulturen schwer. Denn da werden viele Ebenen nicht mittransportiert.

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