Bodhidharma: Offene Weite – nichts von heilig

 

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Kaiser Bu von Ryô fragte den Großmeister Bodhidharma: „Was ist der höchste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?“ Bodhidharma sagte: „Offene Weite – nichts von heilig.“ Der Kaiser sagte: „Wer bist du, der du mir gegenüberstehst?“ Bodhidharma sagte: „Ich weiß es nicht.“ Der Kaiser war ihm nicht gewachsen. Schließlich überquerte Bodhidharma den Fluss Yangtse und kam in das Königreich Gi.

Später fragte der Kaiser Shikô nach dessen Meinung. Shikô sagte: „Weiß Eure Majestät, wer dieser Mann ist?“ Der Kaiser sagte: „Ich weiß es nicht.“ Shikô sagte: „Er ist der Mahasattva Avalokitesvara, der das Siegel des Buddha-Geistes übermittelt.“ Da reute es den Kaiser, und er wollte Bodhidharma durch einen Boten zurückholen. Shikô sagte: „Eure Majestät möge nicht versuchen, ihn durch einen Boten zurückzuholen. Selbst wenn ihm alle Menschen im Lande nachliefen, würde er nicht umkehren.“

Niederschrift von der Smaragdenen Felswand

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„Was ist der höchste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?“, fragte der Kaiser, und das war ja nun wirklich eine tief philosophische Frage, die eines Kaisers absolut würdig war. Und was macht dieser nichtswürdige Mönch? Er speist den Kaiser mit so einem nichtssagenden, flapsigen und unverschämten Spruch ab: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Eben noch hatte der göttliche Kaiser vom höchsten Sinn der Heiligen Wirklichkeit gesprochen und nun wischt dieser freche Lümmel die ganze Heiligkeit mit einer Handbewegung vom Tisch. Das ist eine Majestätsbeleidigung ersten Ranges, denn als göttlicher Kaiser ist dieser gleichzeitig höchster Repräsentant alles Heiligen. Bodhidharma konnte froh sein, seinen Kopf behalten zu haben, als er behauptete, dass es nichts Heiliges gäbe. Mit dem anderen Ausdruck konnte der Kaiser vermutlich nichts anfangen. Was sollte denn das: „Offene Weite?“ Ist der Kerl verrückt? Der Kaiser fragt: „Wer bist du, der du mir gegenüberstehst?“ Und als Bodhidharma antwortet: „Ich weiß es nicht“, fühlt sich der Kaiser wahrscheinlich in seiner Vermutung bestätigt, dass er es nicht mit einem umstürzlerischen Terroristen zu tun hat, sondern mit einem harmlosen Spinner. Gut, dass er als Kaiser weiß, wer er ist. Und weil er heute gut drauf ist, lässt er ihn laufen. Erst als ein gewisser Shikô, vermutlich ein Mann seines Vertrauens, ihn aufklärt, dass es sich bei dem Spinner um den „Mahasattva Avalokitesvara, der das Siegel des Buddha-Geistes übermittelt“ handelte, bereut der Kaiser, dass er in dem zerlumpten Mann nicht den heiligen Mann erkannt hatte, und er muss einsehen, dass er vielleicht eine große Chance verpasst hatte.

Was ihm nicht aufging, war, dass Bodhidhama ihm mit seiner hingeschleuderten Anmerkung „Offene Weite – nichts von heilig“ eigentlich alles Wesentliche schon gesagt hatte.
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4 Antworten zu Bodhidharma: Offene Weite – nichts von heilig

  1. Eno Silla schreibt:

    Karls Essence:


    Mumbai Talks 7.12.2015 (002)

    Nichts Wirkliches kann bedroht werden.
    Nichts Unwirkliches existiert.
    Hierin liegt der Frieden GOTTES.
    (Ein Kurs in Wundern)

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