Ikkyû Sôjun: Nur ein Kôan ist wichtig


fIn Wirklichkeit bin ich,
Verrückte Wolke, ich,
Der Nachkomme Daitôs.
Mit der verfluchten Höhle
Hier im finstren Berg
Kann ich mich nicht befreunden.
Wenn ich an früher denke –
Flötenspiel und Liebesnächte –
In meiner Jugend
Überschwang
Leerte ich mit Leichtigkeit
Manch Sakefass.

aus: Ikkyû Sojun, „Im Garten der schönen Shin“

Daitô Kukushi hatte ich meines Wissens noch gar nicht im Blog. Dabei wäre er wirklich erwähnenswert gewesen. Von ihm stand dieser wundervolle Ausspruch:

d

Wie öde, untätig auf dem Boden zu hocken,
nicht meditierend, ohne Durchbruch.
Schau da die Pferde am Kamo-Fluss galoppieren!

Das ist Zazen!

Schon lustig, wie er die öde Rumhockerei ohne Durchbruch Nicht-Meditation nennt. Dabei ist Meditation die Bezeichnung, die die öden Rumhocker für ihre „Tätigkeit“ seit Ewigkeiten verwenden. Nichts gegen’s Sitzen, um Gottes willen! Daitô zitiert Yung-chia mit dem bekannten Spruch: „Gehen ist Zen, Sitzen ist Zen. Redend oder schweigend, den Körper bewegend oder nicht, ist er in Frieden.“ Und er fügt erklärend hinzu: „Dies lehrt uns, dass Gehen, Sitzen und Reden allesamt Zen sind. Nicht nur Zazen und das Unterdrücken der Gedanken. Ob beim Aufstehen oder beim Hinsetzen, bleibt konzentriert und aufmerksam. Plötzlich wird euch das ursprüngliche Gesicht begegnen.“


„Bleibt konzentriert und aufmerksam“ ist der Schlüssel. Die gallopierenden Pferde am Komo-Fluss sind Zen, ohne je etwas von Buddha oder Zen gehört zu haben. Und es ist müßig, sich über Ikkyûs Eskapaden zu ereifern, wenn unbekannt ist, in welchem geistigen Zustand er sich befand bei einem Bordellbesuch oder in der Schenke beim Leeren eines Sakefasses. War es nicht eine der Übungen von Gurdjieff, sich zu besaufen und dabei völlig konzentriert und aufmerksam zu bleiben?

Ikkyû war wirklich ein würdiger Linienhalter von Daitô, Linji und den alten Ch’an-Patriarchen. Er sitzt da in seiner Höhle und verflucht sie aus tiefster Seele: „Mit der verfluchten Höhle hier im finstren Berg kann ich mich nicht befreunden.“ Ihr erinnert euch an sein einziges Kôan: „du“. Er hat’s nicht so mit der Einsamkeit und liebt die Gesellschaft von Menschen. „Wenn ich an früher denke – Flötenspiel und Liebesnächte – in meiner Jugend Überschwang leerte ich mit Leichtigkeit manch Sakefass.“

tJa aber, könnte jetzt ein wackerer Advaitin und Nondualist denken. Ich und du, Müllers Kuh … das sind doch zwei nach Adam Riese. Und wo ein Du ist, ist zwangsläufig immer ein Ich. Und das wissen wir doch, dass das nur ein Gedanke ist! Was sagt man dazu. Immerhin hat da einer brav seine Hausaufgaben gemacht und kann einen Aufsatz über die Advaita-Lehre schreiben. Ja, toll, Note 1 mit *. Und jetzt vergiss den ganzen Quatsch. Wenn’s euch gerade draußen zu kalt ist und euch nicht einmal die Sonne rauslocken kann oder wenn ihr eine Scheißkniearthrose habt – ich bin übrigens gerade dabei sie zu verlieren, nachdem mir mein Lieblingsdoc den heißen Tipp gab, es mal mit Kohl-Umschlägen zu versuchen – tolles Ergebnis kann ich euch sagen – also, wo war ich, ja, also all die Stubenhocker könnten sich ja vielleicht mal beispielsweise das Video mit Cat Stevens und seinem „Morning has broken“ anhören und die hübschen Bilder angucken. Du, Du, Du, ohne Ende Du, und möglicherweise verschwindet jedes Ich. So was kann immer passieren. Daitô passierte es zum Beispiel, als ihm einmal ein Schlüsselbund aus der Hand auf den Fußboden fiel. Also vergesst die ganze Nondualität, die ist eh nur ein Konzept und ein Konzept hilft euch einfach nullkommanix. Denkt an Ikkyû: „Nur ein Kôan ist wichtig – du“ oder an Fritz Perls: „Ich bin ich und du bist du“, das ist auch wahr- und nur wahr. Und passieren kann dabei alles Mögliche.

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8 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Nur ein Kôan ist wichtig

  1. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, was für wundervolle Videos am frühen Morgen! Danke!

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  2. Eno Silla schreibt:

    Wie öde, untätig auf dem Boden zu hocken,
    nicht meditierend, ohne Durchbruch.
    Schau da die Pferde am Kamo-Fluss galoppieren!
    Das ist Zazen!

    Ich habe mich heute mit Licht besoffen.
    Die Sonne hat mich aus dem Haus gelockt.
    Sprudelndes Licht durchtränkte mich.
    Kälte und Wärme streiften mein Gesicht.
    Jetzt spüre ich immer noch
    Ein Glühen auf der Haut.

    Gefällt 2 Personen

  3. Michael schreibt:

    Die Zirbelkiefer (von Chr. Morgenstern)

    Die Zirbelkiefer sieht sich an
    auf ihre Zirbeldrüse hin;
    sie las in einem Buche jüngst,
    die Seele säße dort darin.

    Sie säße dort wie ein Insekt
    voll wundersamer Lieblichkeit,
    von Gottes Allmacht ausgeheckt
    und außerordentlich gescheit.

    Die Zirbelkiefer sieht sich an
    auf ihre Zirbeldrüse hin;
    sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
    allein ihr ward ganz fromm zu Sinn. 😉

    Gefällt mir

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