Prägungen

 

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Angeregt durch das Interview vorgestern von KenFM mit Wolf Büntig kam mir mal wieder das Thema „Prägungen“ in den Sinn. Als mein Vater am Sterben war, fragte er meine Mutter, ob sein Vater schon tot sei. Meine Mutter versicherte ihm, dass der schon 1920 gestorben sei. Daraufhin soll mein Vater strahlend gesagt haben: „Dann können wir ja endlich leben!“ Als ich das hörte, hat mich das tief beeindruckt. Mein Großvater,  ein Chefarzt, soll ein absoluter Patriarch und Tyrann gewesen sein und mein Vater scheint sein Leben lang unter ihm gelitten zu haben. Dagegen schwärmte er von seiner gutherzigen Mutter, die an gebrochenem Herzen gestorben war, wie mein Vater erzählte.

Mein Vater war 19 Jahre älter als meine Mutter; er hat Jura studiert, während meine Mutter soviel ich weiß ’nur‘ die Volksschule besucht hat. Mein Vater war nacheinander Rittmeister, Polizeipräsident, Werksyndikus bei Messerschmitt, Stadtrechtsrat – so’ne richtige Respektsperson also. Grusel. Ursprünglich wollte er eigentlich Geiger werden, doch sein Vater wollte ihm nur ein Brotstudium bezahlen. Und so kam es, dass er sich erst nach seiner Pensionierung wieder eine Geige kaufte und ein wenig darauf spielte. Mein Vater las vorzugsweise Goethe, Schiller, Lessing, … schrieb selbst Dramen und fühlte sich überhaupt dem seit Generationen gepflegten Bildungsbürgertum verpflichtet. Meine Mutter stand dagegen eher für das Handfeste und Herzhafte. Weil sie von meinem Vater aus Gründen der Sparsamkeit, wie er das nannte, so gut wie kein Geld bekam und in Ermanglung einer Waschmaschine, musste sie die Wäsche noch selber waschen; sie bestrickte die ganze Familie und schneiderte sich all ihre Kleider selbst. Sie buk und kochte gerne, aß gerne Butterbrot mit Speck und machte Klöße, von denen ich heute noch schwärme. Riesige Dinger aus gekochten Kartoffeln, die so locker waren, dass sie einem wirklich auf der Zunge zergingen. Gegessen haben wir sie mit zerlassener Butter. Also ich suche heute noch jemanden, der solche Klöße hinbekommt. (Ich selbst hab es leider auch noch nicht geschafft.) Wenn meine Mutter lachte, wackelte ihr ganzer Bauch dabei, was ich als Kind immer ganz fasziniert beobachtete. Bei meinem Vater wackelte gar nichts, dafür war er viel zu distinguiert.


Mein Vater war nicht nur distinguiert, er war ein Patriarch und Tyrann wie sein Vater und alle um ihn herum hatten Angst. In meiner Jugend war mir eines mehr als klar, dass ich nie so werden wollte wie er, und so wurde ich zum notorischen Verweigerer all seiner Forderungen an mich und nicht nur seiner. Gestern schrieb ich, dass ich keinen Impuls spüre, ein Buch zu schreiben. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, ich solle unbedingt meinen Blog weiterführen, würde von meinen Mustern her die Gefahr bestehen, dass ich mit der Bloggerei auf der Stelle aufhöre. Jeder Erfolgscouch würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mir alle möglichen Seminare und Techniken offerieren, die mich auf Erfolgsspur bringen würden. Das Blöde ist nur, dass mir Erfolg so was von schnurzpiepegal ist, dass da alle Seminare und Techniken bei mir nur einen gigantischen Widerstand produzieren könnten. So bin ich nun mal.

eAha, also einer von der Sorte, deren Lieblingslied ist: „Ich will so bleiben, wie ich bin! – Du darfst!“ Genau, so einer bin ich. In diesem Moment und im nächsten und im nächsten, oder wie es Steven Harrison sagt: Offen für das, was als Nächstes kommt. Na ja, da kann man sich zugegebenermaßen leicht was vormachen. Dann bin ich halt gerade der, der sich was vormacht. Es gelingt wohl am besten, wenn da niemand ist, der sich ernsthaft für den Körper und die ganzen komischen Programme hält. Also zwischendurch so’n bisschen zum Spaß ist ja ganz okay, aber bitte nicht ernsthaft!

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7 Antworten zu Prägungen

  1. punitozen schreibt:

    Ach nee – wat lese ick denn da , lieba Nitya ?
    Det Ist ja `ne Blaupause , det mit die Vata-Sohnbeziehungskiste, für`n ollen Punito
    Traurisch , traurisch , aba im Kern det Jewesenden , wahr !

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  2. Inge schreibt:

    Lieber Nitya, danke für das, was du heute von dir zeigst. ‚Mein Motor‘ kommt aus der gleichen Ecke, aber mit entgegengesetzter Wirkung. Autoritärer Vater: ‚du solltest nicht sein, also tritt nicht in Erscheinung‘. Mit dieser Pägung sitze ich hier und ringe mit mir bei jedem Kommentar, vorher und nacher – ‚darf/durfte ich das sagen?‘ „Es gelingt wohl am besten, wenn da niemand ist, der sich ernsthaft für den Körper und die ganzen komischen Programme hält. Also zwischendurch so’n bisschen zum Spaß ist ja ganz okay, aber bitte nicht ernsthaft!“ Ja, das ist wohl am besten, doch das Ringen gibt es dennoch – s c h e i n b a r . Das jetzt zu wissen, da hat sie doch grad‘ noch mal Gück gehabt.

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  3. Michael schreibt:

    na, denn beschwer dich nicht, wenn einer deine “ Verschriftlichungen“ klaut und erfolgreich unter anderem Namen verscherbelt. 😉

    in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit……..

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    • Nitya schreibt:

      unter „über mich“ kannst du lesen:

      PPPS: Noch’n „Ach ja“ wegen des Copyrights:

      Bei mir kann jeder klauen, soviel sein Herz begehrt. D.h.: Klauen ist ja eigentlich gar nicht möglich. Dann müssten mir meine Gedanken ja erst mal gehören; nur Besitz kann man klauen.
      _____________________________________________

      Also klau soviel du willst und verscherble es unter deinem Namen. Wenn’s dich glücklich macht …

      Gefällt 2 Personen

      • Michael schreibt:

        „Also klau soviel du willst und verscherble es unter deinem Namen. Wenn’s dich glücklich macht …“

        war nur ein GAG… wäre ich viel zu faul ….

        ich fand DEINEN Beitrag nur persönlich, authentisch und gut!

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  4. Stefan schreibt:

    Ich freu’mich, wenn Du, lieber Nitya, weiterhin jeden Tag nicht ernsthaft deinen Spass daran findest, immer wieder neue Wort-Satz-Kombinationen zu er-finden, welche mich aus unerfindlichen Gründen dazu treiben, diese täglich neu zu begutachten, um daraus mein persönlich nicht allzu ernstgemeintees Tagesorakel herauszuziehen….
    …mal einfach so dahingetextet, formuliert und fabuliert…….

    Gefällt 1 Person

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