Tschuang-tse: Ach das ist traurig!

 

rWenn die Klugen keine Schwierigkeiten finden für ihre Gedanken und Sorgen, so sind sie nicht befriedigt; wenn die Sophisten auf die Ordnung ihrer Redekunst verzichten sollen, so sind sie nicht befriedigt; wenn die Kritiker nichts finden, an dem sie ihren Tadel auslassen können, so sind sie nicht befriedigt. Sie alle sind befangen in der Welt der Dinge. Menschen, die es verstehen, die Mitwelt um sich zu sammeln, gründen Herrscherhäuser; Menschen, die es verstehen, die Neigung des Volks zu gewinnen, halten Amt und Würden für etwas Herrliches; Menschen, die Körperkraft besitzen, rühmen sich schwieriger Taten; Menschen mit Mut und Tapferkeit sind eifrig in der Not; Menschen, die geübt sind im Waffenhandwerk, freuen sich des Kampfes; Menschen, die alt und ausgemergelt sind, zehren von ihrem Ruhm; Menschen, die sich auf Recht und Gesetz verstehen, suchen den Einfluss der Herrschaft auszudehnen; Menschen, die bewandert sind in Riten und Musik, achten sorgfältig auf ihr Äußeres; Menschen, die sich abgeben mit Liebe und Pflicht, suchen Gelegenheit für große Taten.

Wenn der Landmann nichts mehr zu tun hat mit Gras und Unkraut, so hat er nichts mehr, an das er sich halten kann; wenn der Kaufmann nichts mehr zu tun hat mit Gassen und Märkten, so hat er nichts mehr, an das er sich halten kann. Nur wenn die Menschen der Menge ihren tagtäglichen Beruf haben, so geben sie sich Mühe. Die Handwerker sind von der Geschicklichkeit und Handhabung ihrer Werkzeuge abhängig, um sich zu fühlen. Kann er nicht Geld und Gut anhäufen, so wird der Geizhals traurig. Wenn Macht und Einfluss sich nicht stetig ausdehnen, so wird der Ehrgeizige trostlos. Die Sklaven von Macht und Reichtum sind nur glücklich im Wechsel. Wenn sie eine Zeit finden, in der sie wirken können, so können sie sich nicht des Handelns entlassen. Sie alle folgen ihrem Pfad mit derselben Regelmäßigkeit wie der Kreislauf des Jahres. Sie sind befangen in der Welt der Dinge und können sich nicht ändern. So rennen sie innerlich und äußerlich dahin, versinken in der Welt der Dinge und kommen ihr Leben lang nicht wieder zu sich selbst. Ach, das ist traurig!

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

j„‚Nicht‘ ist die Veränderung, ‚Nicht‘ ist die Chance und die Öffnung für das, was als Nächstes kommt“, sagte gestern Steven Harrison. Und heute finde ich bei Tschuang-tse den Satz: „Wenn sie eine Zeit finden, in der sie wirken können, so können sie sich nicht des Handelns entlassen.“

Ich geh mal davon aus, dass der Tschuang-tse nicht sein Lebtag lang wie ein Ölgötze herumpupte, immerhin hat er uns ja das wahre Buch vom südlichen Blütenland hinterlassen. Was könnte er also mit diesem Text aussagen wollen? Da steht zum Beispiel der Satz: „Wenn der Landmann nichts mehr zu tun hat mit Gras und Unkraut, so hat er nichts mehr, an das er sich halten kann.“ Und was ist, wenn er nichts mehr hat, an was er sich halten kann? Manche Leute kommen ins Rentenalter und von einem Tag auf den anderen ist alles futsch, was ihr Leben bisher ausgemacht hat. Und dann scheint da wirklich nichts mehr zu sein, woran sie sich halten können. Gestern stolperte ich über diese Zeilen:

s

Halte dein Herz fest auf ihn gerichtet
und entrinne der Sorge und der Abhängigkeit;
wenn du es kannst, löse dich von der Menschheit
und nimm niemand anderen als ihn zum Freund.

Hakim Sinai

Wer verwirklicht hat, was Hakim Sinai da preist, wird schwerlich in das schwarze Loch derjenigen fallen, die nichts mehr haben, an was sie sich halten können. Zu dem Text fällt mir noch was aus meinem Leben ein: Mit fünf Jahren lernte ich Klavierspielen. Wenig später wurde ich bereits von meiner Klavierlehrerin als kleiner Mozart den anderen präsentiert. Andere hätte das vielleicht angespornt, bei mir löste es genau das Gegenteil aus. Immer wenn jemand bei mir irgendeine besondere Begabung entdeckt zu haben glaubte, wurde ich zum Leistungsverweigerer. Irgendwie schien ich den Braten gerochen zu haben. Ich konnte zwar die Peitsche auch nicht ausstehen, aber im Vergleich zum Zuckerbrot war sie mir noch zehnmal lieber. Tschuang-tse bringt es so schön auf den Punkt: „So rennen sie innerlich und äußerlich dahin, versinken in der Welt der Dinge und kommen ihr Leben lang nicht wieder zu sich selbst. Ach, das ist traurig!“ Genau diese Trauer wollte ich mir ersparen. Ein Leben lang nicht zu sich selbst kommen, ist eine einzige Katastrophe.
h

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9 Antworten zu Tschuang-tse: Ach das ist traurig!

  1. Nane schreibt:

    Lieber Nitya

    Das kenn ich mit der Leistungsverweigerung. Ich fühl es dann immer wie aufgedrückt, wenn jemand etwas von mir will. Vor allem frage ich mich, warum jemand Interesse an mir hat.
    Ich hab mich soweit zurückgezogen, so daß ich lebe, wie ich es möchte.
    Was mir letztens guttat war das Siddharta-Buch.

    Nane

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Na ja, liebe Nane,

      eine hungrige Schnecke hat ein gewisses Interesse an dem leckeren Salat, der da vor ihr auftaucht. Und der Salat fragt sich, warum jemand Interesse an ihm hat. 😉

      Gefällt mir

      • Nane schreibt:

        Mir ist klar, daß es ein Miteinander braucht, nur die Motivation muß ja nicht schmecken.
        Freunde, die einen nicht verändern wollen, sind echte. Manche Menschen spielen etwas vor und sind nicht echt mit ihrem Anliegen. Was ja in der schnelllebigen Zeit mitlerweile modern ist. Da fehlt die Tiefe. Ich lebe da lieber aus mir heraus.

        Gefällt 2 Personen

      • Nitya schreibt:

        Kann ich gut nach- und mitfühlen. 🙂

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  2. ananda75 schreibt:

    „Ein Leben lang nicht zu sich selbst kommen, ist eine einzige Katastrophe“
    – sagst du – bei mir zu sein, mich mitzukriegen, mich zu sehen, wie ich bin – da sieht man ja erst mal so manches, was einem gar nicht gefällt – diese Hürde zu nehmen, sich zu nehmen wie man ist und gegebenenfalls das eine oder andere zu ändern…das will nicht jeder…
    Ich persönlich glaub ja, man macht das besser so lange man noch lebt, sonst gibt’s im Tod ein böses Erwachen 😉

    Lieben Gruß ❤

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    • Nitya schreibt:

      Keine Ahnung, kann mich nicht erinnern, schon mal gestorben zu sein. Ist auch nicht so wichtig. Und ob jeder bei sich sein will, ist nun mal deren Sache und nicht die meine. Ich find’s einfach … hab kein Wort dafür. Ich hatte da jedenfalls nie eine Wahl.

      Gefällt 2 Personen

      • ananda75 schreibt:

        das sagst du ja nicht zum ersten Mal – du hast keine Wahl – nu sagen die aber doch immer alle „man hat immer eine Wahl“ – da würd mich mal deine Ansicht interessieren … Wahl oder Nicht-Wahl…. ?

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      • Nitya schreibt:

        Was nützt dir meine Ansicht? Kannst du doch nur für dich selbst rausfinden.

        Ansonsten, ich lass mal wieder Nagarjuna sprechen: Das ist

        wahr (und nur wahr)
        falsch (und nur falsch)
        sowohl wahr als auch falsch
        weder wahr noch falsch

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      • ananda75 schreibt:

        darf ich jetzt einmal Schnucki zu dir sagen?
        ich könnte dich glatt küssen 🙂
        da dachte ich, jetzt üb ich mich mal darin,mal keine Meinung zu haben und zu hören, was andere Weises zu sagen haben
        und dann das

        klasse 🙂

        Grüße aus dem Herzen ❤

        PS: Ich hab da immer so ne "abgespeckte" Form von im Kopf, lange schon, weiß nicht mehr, woher
        "Alles ist wahr und alles ist falsch und es ist sowohl wahr wie auch falsch zu sagen, dass alles wahr und alles falsch ist"
        Das erfüllt auch seinen Zweck 😉

        Gefällt 2 Personen

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