Steven Harrison: „Nicht“ ist die Veränderung

 

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Das Erstarken des Fundamentalismus ist der Widerstand gegen den Zusammenbruch der Glaubenssysteme. Einmal zusammengebrochen, wird aus Glaubenssystemen eine Untermenge einer höheren Ordnung. Dies ist etwas, das der Fundamentalismus nichtverstehen kann. Fundamentalismus ist im Grunde eine Kraft, die ihr eigenes Gegenteil erzeugt und deshalb ständig Kampf hervorbringt. Christliche Fundamentalisten vergessen die Gesetze der Liebe von Christus, um islamische Fundamentalisten zu bekämpfen. Diese wiederum schlagen zurück und vergessen, dass ihr Prophet einst zu ihnen kam, um ihnen ganz ähnliche Gesetze zu bringen. Ethnische Gruppen bekämpfen ethnische Gruppen. Links kämpft gegen Rechts, Land gegen Land.

Oder auch nicht. „Nicht“ ist die Veränderung. „Nicht“ ist die Chance und die Öffnung für das, was als Nächstes kommt. Kein Krieg lässt sich je gewinnen, Konflikte lassen sich nie wirklich beenden. Glauben an „Dies“ ist dasselbe wie Glauben an „Das“ – beides hängt fest in einer fragmentierten Sicht der Dinge und stellt sich gegen Dialog und Kommunion. Wenn das Ganzheitliche den Glaubenssystemen der Trennung entgegentritt, dann entsteht daraus nicht etwa ein neues Glaubenssystem, sondern das Ende der Glaubenssysteme als Leitfaden des Lebens.

aus: Steven Harrison, „Was kommt“

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Gehört der Ku-Klux-Klan in die arabischen Länder? Blöde Frage. Ungefähr genauso blöd, wie etwa die Frage, ob islamistische Fundamentalisten nach Deutschland gehören oder ganz allgemein, ob Fundamentalisten welcher Art auch immer überhaupt irgendwohin gehören. Aber da müssten wir ja erst einmal im eigenen Land nachgucken, ob sich bei uns selbst irgendwelche Fundamentalisten herumtreiben. Und wenn wir noch genauer hingucken wollen, könnten wir uns vielleicht fragen, ob wir selbst, also nur so’n bisschen versteht sich, fundamentalistisch sind. Das ist ja irgendwie nicht so ganz einfach, schließlich rennen wir in der Regel nicht mit weißen Zipfelmützen und brennenden Kreuzen rum, genauso wenig wie ganz in Schwarz mit einer schwarzen Fahne und lauten Allahu Akbar-Rufen.

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Auf die Spur könnte man sich selbst kommen, wenn man sich die etwas abgewandelte Ikea-Frage stellt: „Glaubst du noch oder lebst du schon?“ Jeder Gläubige ist in gewisser Weise ein Fundamentalist, auch wenn er jeden Sonntag frisch gewaschen und dezent gekleidet in die Kirche marschiert oder am 24. September brav zum Wählen trottet und sein Kreuzchen macht. Geglaubt wird in allen Fällen an ein „Ding“, ein Objekt, eine Vorstellung, ein Bild. Die mosaischen Religionen kennen das Bilderverbot, fassen es allerdings viel zu oberflächlich, indem sie es im Allgemeinen auf sichtbare Bilder und Plastiken beziehen. Wer sich an die Dornbuschgeschichte erinnert: Gott wollte nicht einmal seinen Namen verraten. Alles, was in irgendeiner Weise objektiviert werden kann, fällt im Grunde unter das Bilderverbot – nur ist das Wort Bilderverbot ja schon selbst wieder eine Objektivierung.

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Nun gibt es aber überall Bilder und Menschen, die an sie glauben und an die andere glauben sollen, und Menschen, die sie wieder zerstören und stattdessen neue Bilder erschaffen, an die geglaubt werden soll, und das ganze Spektakel gestaltet sich ziemlich faschistisch. Die alten Ch’an-Heinis waren Ikonoklasten, die den Namen wirklich verdienten. Sie hatten keinerlei Bedürfnis, irgendwelche Bilder zu schaffen und auch keinerlei Bedürfnis, die Bilder von anderen zu zerdeppern. Sie sahen Bilder einfach als das, was sie waren – als Bilder. Sie zwangen niemandem etwas auf und ließen sich schon gar nichts selbst aufzwingen. Insofern konnten sie alles so sein lassen, wie es war. Steven sagt: „‚Nicht‘ ist die Veränderung. ‚Nicht‘ ist die Chance und die Öffnung für das, was als Nächstes kommt.“ Die alten Ch’an-Typen waren schlicht und einfach Anarchisten und völlig offen für das, was als Nächstes kommt. Alle anderen sind im Zweifelsfall reine Faschisten.

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2 Antworten zu Steven Harrison: „Nicht“ ist die Veränderung

  1. punitozen schreibt:

    …..Die alten Ch’an-Typen waren schlicht und einfach Anarchisten und völlig offen für das, was als Nächstes kommt ….

    Ob`Du es glaubst oder nicht – Anarchie ist machbar – Herr Nachbar ! 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Michael schreibt:

    auch sehr anarchistisch die jungen Leute von heute: schöner und wie ich finde, sehr passender Text.

    Gefällt 2 Personen

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