Leo Hartong: ein „Ich“, das noch nicht „da“ ist

 

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Es besteht für dich keine Notwendigkeit,
zum Ungeborenen zu werden.
Das wahre Ungeborene
hat nichts mit den grundlegenden Prinzipien zu tun,
und es befindet sich jenseits von Werden und Erreichen.
Es bedeutet einfach,
so zu sein, wie du bist.

aus: Bankei Eitaku, „Die Zen-Lehre vom Ungeborenen“

Kein Grund zu verzweifeln, wenn du Worte wie „es passiert, wenn es passiert“ liest. Alle Worte sind nichts als Hinweise auf DAS, wie es ist. Der einzige „Shift“, der nötig ist, ist einzusehen, dass nichts geschehen muss, damit DAS ist, wie es ist. Die Präsenz, die sich des Lesens dieser Worte gewahr ist, kommt und geht nicht. Alles erscheint darin, einschließlich der Vorstellung eines „Ich“, das noch nicht „da“ ist. DU bist der Gewahre Kontext, in dem alles erscheint. Das Warten auf den Shift wird anstrengungslos von jemandem gesehen, der nicht wartet; ES ist einfach.

aus: Leo Hartong, „From Self to Self“

d„Die Vorstellung eines ‚Ich‘, das noch nicht ‚da‘ ist“  – das Ich, das als eigenständige Entität zu existieren scheint, hat einen festen Ort, nämlich hier und jetzt, also da, wo sich dieser Body-Mind-Organismus gegenwärtig in seiner Entwicklung zu befinden scheint. Daher geht die Vorstellung über den Entwicklungs-Prozess dahin, dass aus einem Baby ein Kind, aus einem Kind ein Erwachsener und aus dem Erwachsenen eine Leiche werden soll. Und bevor Letzteres stattgefunden hat, soll, so hab ich gehört, gelesen, möglichst so was wie Erleuchtung geschehen sein. Soll irgendwie vorteilhaft sein. Leider kann „Ich“ das jedoch nicht machen, wurde mir verklickert. Scheiß-Spiel, kann ich da nur sagen. Wirklich ein Scheiß-Spiel!

Bankei sagt: „Das wahre Ungeborene hat nichts mit den grundlegenden Prinzipien zu tun, und es befindet sich jenseits von Werden und Erreichen.“ Jenseits von Werden und Erreichen. – Und wie komm ich jetzt dahin zu diesem „Jenseits?“ Ja, die Vorstellung eines „Ich“, das noch nicht „da“ ist, ist einfach nicht totzukriegen. Ja aber, ja aber, wie krieg ich sie denn tot? Bankei sagt: „Es bedeutet einfach, so zu sein, wie du bist.“ – „Aber das bin ich doch schon immer, so, wie ich bin! Und ich bin immer noch nicht da!“

Und jetzt sagt der Leo Hartong etwas richtig Gutes: „Der einzige ‚Shift‘, der nötig ist, ist einzusehen, dass nichts geschehen muss, damit DAS ist, wie es ist.“ Also muss doch etwas geschehen, nämlich einzusehen, dass nichts geschehen muss, damit DAS ist, wie es ist. Nö, natürlich nicht. DAS ist auch, wie es ist, auch wenn überhaupt nichts eingesehen wird. „DU bist der Gewahre Kontext“, sagt der Leo, “ in dem alles erscheint. Das Warten auf den Shift wird anstrengungslos von jemandem gesehen, der nicht wartet; ES ist einfach.“ Oder auch nicht, müsste hinzugefügt werden. Man merkt ihm halt doch noch irgendwie den Satsanglehrer an, der von seinen Schülern mit der Wie-Frage gelöchert wird und die Hoffnung, dass man vielleicht doch noch ein bisschen rummanipulieren kann, nicht ganz zerstören will. Aber ich kann den Satz „Der einzige ‚Shift‘, der nötig ist, ist einzusehen, …“natürlich auch einfach als reinen Konditionalsatz sehen ohne den geringsten Aufforderungscharakter.

„Es besteht für dich keine Notwendigkeit, zum Ungeborenen zu werden“, sagt Bankei. So wenig wie ein Buddha. Du bist es schon immer. Was soll also der Quatsch? Und der schäbige Rest – also ich meine das Ungeborene in seinen unzähligen Manifestationen? Einfach zuschauen und staunen. Das Leben kann ja so aufregend sein!

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Eine Antwort zu Leo Hartong: ein „Ich“, das noch nicht „da“ ist

  1. Alexandra schreibt:

    Guten Morgen Nitya, ich liebe dieses Bild von der Katze!!! Ich glaube das fasziniert uns auch so an kleinen Kindern. Sie staunen einfach über alles, was da ist. Wenn man mit ihnen zusammen die Welt entdeckt, ist man ganz DA. ist man so zwar auch, aber eben oft in Gedanken. Ich glaube nur der Mensch kann dieses wahnsinnige Wunder vollbringen, gleichzeitig da zu sein, wo er ist und in Gedanken sonstwo anders. Zumindest scheinbar. Und dann noch den Gedanken zu glauben…

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